Junge Mutter kommt alle fünf Wochen

Von Rumänien nach München - Den Bettlern auf der Spur

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Symbolfoto: Betteln in der Vorweihnachtszeit.

Zerlumpte Kleidung, den Kopf nach unten geneigt, einen Pappbecher in den Händen. In der ganzen Stadt sehen wir Bettler. Gerüchte kursieren viele – meist über Hintermänner einer Bettelmafia.

München - Bettler am Straßenrand gehören in München fast schon zum Alltag. Passanten reagieren mit einem mitleidigen Blick oder werfen ihnen Münzen in den Pappbecher. Doch viele Fragen bleiben offen. Woher kommt der Bettler? Und hilft ihm das Geld überhaupt, oder landet es in den Fängen einer Bettelmafia?

Für die BR-Sendung „Report München“ ist Reporterin Anna Tillack einer Bettlerin gefolgt – die Spur führte sie 1400 Kilometer weit von München in ein rumänisches Dorf, zwei Stunden von Bukarest entfernt. Dorthin, wo Menschen unter erbärmlichen Umständen leben – und immer wieder auf Bettel-Tour nach München gehen.

Alle fünf Wochen mit dem Bus aus Rumänien nach München

So wie Narcisa (21). Als die junge Frau mit dem Bus nach Rumänien zurückkehrt, trägt sie nur einen schwarzen Plastiksack mit sich. Fünf Wochen war sie in München, um zu betteln. Narcisa saß jeden Tag an derselben Stelle vor einer Bankfiliale. Obwohl sie erst 21 Jahre alt ist, muss sie für zwei Kinder sorgen. Ihre Söhne sind vier und sechs Jahre alt. Ihr Mann sitze im Gefängnis, sagt sie, er wurde beim Holzdiebstahl erwischt. „Jetzt bin ich alleine“, erzählt sie. „Und weil ich keine Arbeit habe, um meine Kinder zu ernähren, komme ich hierher.“

Es fährt kein Bus in ihr Dorf, das in einer Gemeinde namens Malureni liegt. Narcisa muss vier Kilometer zu Fuß gehen. Eine Straße entlang, die eher ein matschiger Weg, ein Pfad aus Schlamm und Pfützen ist.

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Zu Hause regnet es durch das Dach in die Hütte

Als Narcisa zu Hause ankommt, stehen ihre Söhne schon vor dem Haus, sie warten im Schneeregen, die Kapuzen über den Kopf gezogen. Ihr kleinster Sohn lacht, als Narcisa ihn in den Arm nimmt. Sie fragt die Kinder, ob sie ihre Mama vermisst haben. Die Antwort: ein leises Ja. In ihrer Hütte hat es, während sie in München war, durch das Dach geregnet. Eine Heizung oder Warmwasser gibt es nicht. „Ist euch kalt? Es dauert, bis es warm wird“, sagt Narcisa und versucht, Holz anzuzünden. Aber auch das ist nass.

„Wenn kein Getreide und keine Kartoffeln mehr da sind, wenn die Kinder und ich hungern, dann fahre ich wieder nach München“, sagt Narcisa. Sie ist nicht die Einzige: Etwa 30 Dorfbewohner fahren regelmäßig zum Betteln nach München.

Heißes Wasser und eine Heizung sind Luxus

Tagelang hat BR-Reporterin Anna Tillack die Bettler in ihrem Viertel rund um den Rotkreuzplatz beobachtet. Sie stellte fest, dass alle ihren festen Platz haben und gemeinsam zum Schlafen in eine Kaserne fahren. Auf gut Glück ist sie ihnen in ihr Dorf nach Rumänien gefolgt – drei Tage hat die Reporterin dort verbracht. „Ich war extrem schockiert“, sagt Tillack. „Wir standen in den Wohnungen der Bettler. Es war nass, kalt und klamm. In dem Moment dachte ich mir: Wir werden gleich wieder ins warme Hotel zurückfahren – aber die Leute hier müssen weiter in der Kälte leben.“ Ihr wurde klar: Heißes Wasser und eine Heizung sind dort ein Luxus.

Ein Job in Rumänien bringt weniger als Betteln in München

Einen Hinweis auf eine organisierte Bettelmafia hat Tillack nicht gefunden. Nur viel Not, Leid und Elend. Menschen, die aus Verzweiflung betteln. Nur 210 Euro würde ein Job in Rumänien bringen, erzählt ein Dorfbewohner, Betteln sei besser. Narcisa hat nach fünf Wochen 500 Euro aus München mitgebracht. Das reicht für einen Monat. „In Deutschland ist das Leben lebenswert“, sagt sie. Daran ändere sich auch nichts, wenn es mal eine Woche regne. Daheim aber würden sie weggespült.

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Kathrin Braun

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