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Wie geht denn das? 86 Jahre alt und nicht krankenversichert

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Maria Zaokou (re.) mit Onkel und Tante, die beide 86 Jahre alt und pflegebedürftig sind.

Seit 2009 gilt die gesetzliche Krankenversicherungspflicht. Trotzdem sind in Deutschland mehr als 80.000 Menschen nicht krankenversichert. Um einen dieser Fälle aus München geht es heute.

München - In der Änderungsschneiderei scheint die Zeit stehen geblieben zu sein – es stehen dort mehr als 30 Jahre alte Nähmaschinen. „Die sind am stabilsten und nähen feste Stoffe perfekt. Meine Tante hat immer auf sie geschworen“, sagt Maria Zoakou. 

Die 65-Jährige vermisst ihre Tante. „Jetzt muss ich alles alleine machen, das ist sehr schwer für mich“, sagt sie. 

Die Pflege der zwei Senioren ist eine unerwartete Zusatzbelastung. Aber wie ging das überhaupt ohne Krankenversicherung? „Meine Tante war ihr Leben lang nie krank. Wenn sie zum Arzt musste, bezahlte sie bar. Mir sagte sie, ihre Ersparnisse sind ausreichend, wenn sie mal krank werden sollte“, sagt Maria Zoakou. Geraten dazu hatte ihr der Steuerberater, der bereits verstorben ist. 

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Wie fahrlässig das alles war, sei der Tante erst jetzt schmerzlich bewusst geworden. Der Fall des alten Ehepaares ist in Deutschland häufiger, als man vermuten würde. Eigentlich besteht die Pflicht zur Krankenversicherung. Die Gründe, wa­rum jemand in Deutschland nicht versichert ist, sind auch zehn Jahre nach Einführung der Versicherungspflicht vielfältig, erklärt Walter Kett von der AOK-Direktion München. 

Es gibt für Menschen, die sich legal in Deutschland aufhalten, keine „Versicherungs-Polizei“, die die Kranken- und Pflegeversicherung kontrolliert. Viele kleine Selbstständige verdienen so wenig, dass sie sich die 300 Euro Mindestbeitrag bei der gesetzlichen Krankenkasse nicht leisten können, sagt Kett. Der Fall von Maria Zoakous Tante zeigt, dass es keine gute Idee ist, sich die Krankenkassenbeiträge zu sparen. 

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Die Seniorin kann eine Versicherung bekommen, indem sie einen Antrag stellt, erklärt AOK-Mann Kett. Dann werden Beiträge nachgefordert, solange sie noch nicht verjährt sind – in unserem Fall also bis 2013. Wenn der Antragsteller eine sogenannten „Leistungsverzichtserklärung“ unterschreibt, wird der Betrag verringert. 

Mit einer Nachzahlung von 5000 Euro muss die alte Dame mindestens rechnen – man könne ihr aber Ratenzahlung anbieten. Möglicherweise unterstützt sie auch das Sozialamt. Es sind also viele Behördengänge nötig – der Weg zu einer Krankenversicherung ist aber machbar.

Maria Zoakou, Änderungsschneiderin aus München schrieb an die tz folgendes:

Zusammen mit meiner Tante betreibe ich seit 1971 eine kleine Änderungsschneiderei in der Maxvorstadt. Im Sommer hatte meine Tante mit 86 Jahren einen Schlaganfall. Sie ist nicht krankenversichert. Für die Behandlungen gingen 10.000 Euro, unser gesamtes Erspartes, drauf. Reha ist aber nicht drin, auch können wir uns keine Pflege leisten. So kann es aber nicht weitergehen. Wie können wir erreichen, dass sie krankenversichert wird? Auch mein Onkel, der ebenfalls 86 Jahre alt ist, ist seit 2007 nicht mehr krankenversichert und braucht immer mehr Pflege. Was können wir tun? Onkel und Tante kamen 1962 aus Griechenland. Beide glaubten, sie könnten im Krankheitsfall die Behandlung aus eigener Tasche zahlen. Erst jetzt ist ihnen bewusst geworden, dass das ein Fehler war.

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebook-Seite „Maxvorstadt – mein Viertel“

Das müssen Sie über die Krankenversicherung wissen

Bei Angestellten ist die Krankenversicherung kein Problem. Der Beitrag wird vom Gehalt abgezogen. Bei Empfängern von Grundsicherung zahlt der Staat. Das Problem sind kleine Unternehmer, die sich selbst um ihre Krankenversicherung kümmern müssen. Sie sind manchmal versucht, am falschen Ende zu sparen. Diese Fälle nehmen jedes Jahr weiter zu. Es ist also höchste Zeit, dass sich die Politik um das Problem kümmert. 

Krankenversicherungen funktionieren nach dem Solidarprinzip. Um das zu gewährleisten, sind die Kassen verpflichtet, das Geld einzutreiben, wenn jemand nicht zahlt. Das gilt sowohl für gesetzliche als auch private Krankenkassen. Die entsprechenden Regelungen sind ohnehin sehr großzügig. Die rückwirkenden Beiträge sind meist reduziert und oft einigen sich die Kassen mit den Säumigen auf Ratenzahlungen. 

Das Argument „Ich war ja auch nicht beim Arzt“ schützt nicht vor Nachzahlungen. Was wäre bei einer schweren Krankheit gewesen? Natürlich hätte die Solidargemeinschaft dem Notleidenden geholfen. Und die braven Beitragszahler wären die Dummen gewesen. 

Allerdings sind Ärzte bei Nichtversicherten nur zu einer Notversorgung verpflichtet. Aber sie dürfen für ihre Arbeit eine ganz normale Rechnung stellen. Dann kann eine Krankheit sehr teuer werden. Darauf sollte es niemand ankommen lassen.

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