Wilfling zur tz: In jedem steckt ein Mörder

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Bestseller-Autor Josef Wilfling.

München - In jedem von uns schlummert der Abgrund. Dieser Theorie folgt der ehemalige Chef der Münchner Mordkommission und Bestseller-Autor Josef Wilfling (65).

In seinem zweiten Buch „Unheil – Warum jeder zum Mörder werden kann“ (Heyne Verlag, 19,99 Euro, 304 Seiten) liefert er gleich die Beweise dazu aus seiner langjährigen Kriminaler-Erfahrung: Bewegende, schockierende, zuweilen herzzerreißende Tragödien der Münchner Kriminalgeschichte – ausgelöst von völlig unauffälligen Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft, die plötzlich zu Mördern geworden sind. Die tz druckt exklusiv Auszüge aus dem neuen Buch des legendären Mordermittlers und zeigt Fotos und Originalschauplätze. Lesen Sie hier den ersten Teil des Kapitels „Der Profi“.

Das Buch von Josef Wilfling: „Unheil – Warum jeder zum Mörder werden kann“ (Heyne Verlag, 19,99 Euro, 304 Seiten)

Friedrich O. war mit Frau und Kindern aus dem Urlaub zurückgekehrt. Sein erster Gang führte ihn zur benachbarten Doppelhaushälfte, wo ihre Freunde Christine und Peter L. mit ihrer noch nicht sechsjährigen Tochter Lisa wohnten. (...) Friedrich O. sah, dass die Haustür spaltbreit offen stand. (...) „Hallo. (...) Ist denn niemand zu Hause?“ Keine Antwort. Dann aber hörte er das (...) Kichern von Mädchen im Obergeschoss. Er (...) traf auf Lisa und ihre Freundin Nicole. (...) Lisa erklärte, sie wisse nicht, wo Papa und Mama seien. (...) Besorgt ging er ins Erdgeschoss, schaute in die Küche und entdeckte auch hier eine gewaltige Unordnung (...) Mein Gott, dachte Friedrich O., da muss eingebrochen worden sein! Aber wo sind Christine und Peter? Friedrich O. (...) wollte gerade Peter L. anrufen, als er ihn aus der Richtung des Waldes herankommen sah (...) „Was, die Tür stand offen?“, fragte Peter L. sofort alarmiert. (...) „Ich habe sie fest zugezogen, als ich loslief. Allein schon wegen Lisa.“ Peter L. stürzte ins Haus und rief nach seiner Frau. (...)

Der Bereitschaftsdienst der Mordkommission war bereits vor Ort, als ich in dem noblen Vorort (...) eintraf. (...) Bevor ich in den Kellerraum durfte, hatte ich mich (...) etwas im Wohnzimmer umgesehen. Dort befanden sich Fotos, die eine glückliche Familie zeigten: einen gut aussehenden Vater, eine schöne Mutter und ein süßes Mädchen. (...)

Die Tote im Keller bot einen schlimmen Anblick. (...) Der Kopf war eine einzige blutige Masse ohne erkennbare Gesichtszüge (...). Wie immer, wenn ich vor einer so entsetzlich malträtierten Leiche stand, empfand ich tiefes Mitleid. (...) Christine L. war offensichtlich beim Bügeln ermordet worden. (...) Das Bügeleisen befand sich neben der Leiche am Boden (...). Allerdings war (...) das Kabel aus der Steckdose gezogen worden (...). Wer war da so besorgt, dass etwas in Brand geraten könnte? (...)

Man hatte mir bereits mitgeteilt, dass Peter L. ein 39-jähriger Jurist war (...). Er wirkte gefasst (...). Traurig, ruhig, in sich gekehrt und sichtlich betroffen. Oder angstvoll? Oder vorsichtig abwartend? Hatte er die Antennen ausgefahren? (...) Mir saß ein Profi gegenüber, ein Jurist (...) mit sehr speziellen Aufgaben (...). Momentan war er für mich Angehöriger eines Mordopfers. Und mit diesen Menschen geht man besonders behutsam um. (...)

„Herr L., haben Sie einen bestimmten Tatverdacht?“

„Keinen konkreten. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass es mit ihren Handyverkäufen zu tun hat. Meine Frau arbeitete in leitender Position bei einer Telefonfirma (...).“

Eine ziemlich verwirrende Geschichte, das mit den Handys, dachte ich, und erstmals kamen leichte Zweifel in mir auf. Irgendetwas war hier nicht schlüssig. Da es aber momentan keine weiteren Erkenntnisse gab, wechselte ich das Thema und bat ihn, sein (...) Familienleben zu beschreiben. (...)

„Christine konnte sehr kalt und auch sehr egoistisch sein“, sagte er leise. (...)Die Tochter sei sein Ein und Alles, (...) berichtete er und bekam jetzt sogar feuchte Augen. Das war echt. (...)

Finanziell ging es ihnen prächtig. Damit schied schon einmal das häufigste aller Mordmotive aus, nämlich Gier. Vorausgesetzt, es handelte sich um eine Beziehungstat. Aber dafür gab es momentan keinerlei Anhaltspunkte. Oder doch? (...)

„Haben Sie eine andere Beziehung? (...)“

„Ich war nie untreu.“ (...)

„Wann hatten Sie letztmals Geschlechtsverkehr mit Ihrer Frau? Ich frage das, weil wir prüfen werden, ob sie eventuell sexuell missbraucht wurde.“ Mir war klar, dass dies sehr weit hergeholt war, denn auf eine Vergewaltigung deutete nichts hin. (...)

„Wir haben vor etwa drei Wochen das letzte Mal miteinander geschlafen. (...) Reiner Sex nach einigen Gläsern Rotwein.“

Irgendwie verstand ich das Ganze (...) nicht. (...) Es ist unüblich, dass Angehörige (...) von sich aus (...) negative Verhältnisse und Spannungen innerhalb der Familie einräumen. (...)

„Ihre Frau wurde im Keller angegriffen und getötet. (...) Können Sie sich das erklären?“

„Ich kann mir das nur so erklären, dass ich tatsächlich die Haustür nicht richtig zugezogen habe. (...)“

Ich schöpfte Verdacht. Jedenfalls hielt ich es für möglich, dass Peter L. die Tür absichtlich offen gelassen haben könnte. Weil es die einzige plausible Erklärung war, warum seine Frau nicht schon an der Haustür angegriffen (...) wurde (...)

„Wissen Sie, was ich nicht verstehe? Sie (...) hetzen durch das ganze Haus, aber nach Lisa sehen Sie nicht. (...) Obwohl Einbrecher im Haus waren? (...)“

Peter L. wurde zusehends nervöser. Seine Angaben verloren an Präzision und glichen eher vagen Ausreden (...). Ich entschloss mich, ihn weiter unter Druck zu setzen. (...) Längst hatte ich nicht mehr den souveränen Juristen vor mir, sondern einen verunsicherten, um Erklärungen ringenden, nervösen Tatverdächtigen (...)

Während ich Peter L. gerade erklärte, dass sich sein Verdacht wohl im Sande verlaufen dürfte, kam jener akribische Beamte vom Erkennungsdienst zum Präsidium (...) Ob er sich (...) die Beine von Peter L. ansehen dürfe. (...). Und dann kamen sie zum Vorschein: frische, deutliche Hautabschürfungen am rechten Schienbein (...).

„Wie ist das passiert, Herr L.?“, fragte ich ihn.

„Ich bin beim Laufen (...) hingefallen. (...)“ „Aber warum sind Ihre Knie nicht aufgeschürft?“ Peter L. schwieg. Damit war der Punkt erreicht, an dem ich es nicht mehr verantworten konnte, ihn länger als Zeugen zu behandeln. (...) Peter L. sank in sich zusammen. (...)

Ich begann damit, ihm zu erläutern, dass wir von einer Beziehungstat ausgingen, bei der sich meiner Meinung nach pure Emotionen entladen hätten. Deshalb unterstellte ich auch keinen geplanten Mord, denn die Umstände sprachen eher für eine Affekttat. (...)

Es war jetzt an ihm zu entscheiden, ob er sich öffnen oder es darauf ankommen lassen wollte, dass wir ihm die Tat nachweisen konnten. (...) Ich redete und redete, er hörte zu (...).

Bis 4 Uhr morgens erläuterte ich ihm alle Argumente (...) und versicherte ihm nochmals, dass wir momentan von einer Affekttat ausgingen. Sollte es keine gewesen sein, sondern ein geplanter, eiskalter Mord, (...) dann könne ich verstehen, wenn er schweigen wolle (...)

Ich begleitete ihn persönlich bis zu seiner Einzelzelle und nickte ihm noch einmal aufmunternd zu, bevor sich die eiserne Tür schloss. (...)

Als ich in mein Büro zurückkehrte, war ich mir sicher, dass er es getan hatte. Ohne zu wissen, was das Motiv gewesen sein könnte. Und ohne zu ahnen, was wirklich hinter dieser Tragödie stand.

Dorita Plange

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