„Unfassbar bittere Armut“

Woher kommen die Zuwanderer? Stadträte reisen nach Rumänien

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Schöne Landschaft, schlimme Orte: In solchen Hütten leben viele Menschen.

Eine Delegation der Stadt ist nach Rumänien gereist, um die Heimat vieler Zuwanderer und die Probleme dort kennenzulernen. Ihre Erkenntnisse sind erschütternd. 

München - Diese Reise wird Alexandra Gaßmann so schnell nicht vergessen. „Dass es in Europa so unfassbar bittere Armut gibt, hätte ich mir nicht vorstellen können“, sagt die CSU-Stadträtin erschüttert. 

Zusammen mit dem Evangelischen Hilfswerk, das die Reise organisierte, Vertretern der Stadtverwaltung und Stadtratskollegen war sie gerade drei Tage in Rumänien unterwegs – auf den Spuren der Menschen, die seit einigen Jahren nach München kommen. Die ihre Heimat verlassen und auf der Suche nach einer besseren Zukunft letztlich in den Kälteschutzräumen der Stadt und in Beratungsstellen wie „Schiller 25“ landen. Mehr als ein Viertel der Klienten dort stammt aus Rumänien, hat das Evangelische Hilfswerk ermittelt. Sie gehören meist zur Roma- oder zur ungarisch-sprechenden Minderheit.

Lesen Sie hier eine Reportage aus der Beratungsstelle „Schiller 25“: Armutszuwanderer in München - Der Traum von der Normalität. 

Die Stadt bezahlt die Rückfahrt, doch die meisten bleiben

Vielen Münchnern wäre es lieber, die Menschen gingen zurück in ihre Heimat. Doch obwohl die Stadt sogar die Rückfahrtickets bezahlt, bleiben die meisten. „Wenn man sieht, wie sie in ihrer Heimat leben, versteht man auch, warum“, sagt Alexandra Gaßmann. Viele lebten in Hütten, ohne Wasser, Strom, notdürftig verschlossen mit Plastikplanen – „und das bei Termperaturen von bis zu minus 30 Grad im Winter – da ist es unter der Isarbrücke kuschliger“.

Die Diskriminierung gegen Roma sei deutlich spürbar gewesen. „Sie bekommen keine Arbeit, weil sie keiner einstellen will“, sagt Anton Auer, Bereichsleiter beim Evangelischen Hilfswerk, das die Menschen in München berät. „Der Fokus möglicher Unterstützung muss daher auf Bildung und Beschäftigung liegen.“ Doch schon bei der Schule hapere es. Zwar besteht Schulpflicht bis zur 8. Klasse – durchgesetzt werde sie aber nicht. „Gerade wenn die nächste Schule etwas weiter weg ist, haben viele Roma-Kinder oft keine Chance, hinzukommen“, hat Alexandra Gaßmann erfahren.

Wer in Deutschland bettelt, dem geht es besser als zuhause

850 Kilometer hat die Münchner Delegation in den drei Tagen zurückgelegt. Die 25 Teilnehmer sprachen mit Regierungsvertretern, Bürgermeistern und Trägern sozialer Einrichtungen. Erschreckend: Viele Menschen leben am Existenzminimum, soziale Hilfe vom Staat gibt es kaum. „Da geht es den Menschen deutlich besser, wenn sie hier bei uns betteln gehen oder als Tagelöhner arbeiten“, sagt Gaßmann. 

Zum Glück habe es auch einige vielversprechende Projekt vor Ort zu sehen gegeben, die durch Spenden oder mit EU-Mitteln finanziert werden und „wo hervorragende Arbeit geleistet wird“. Unter anderem gebe es ein Zentrum für Berufsorientierung und -Förderung, ein spezielles Roma-Projekt der Caritas und eine Werkstatt, in der nach dem Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe Fenster für die Häuser der umliegenden Dörfer gebaut werden. Das Problem: Es gebe davon noch viel zu wenige.

Wir wissen jetzt besser, warum die Menschen kommen

Daran kann auch die Münchner Delegation erst mal nichts ändern. Dennoch hat die Reise sich nach Ansicht aller Teilnehmer gelohnt: „Wir wissen jetzt, warum die Leute zu uns kommen und was sie brauchen“, sagt Alexandra Gaßmann. Und Andreea Untaru, Leiterin von „Schiller25“, hofft, „dass wir daraus entstandene Ideen weiterentwickeln können“. Unter anderem will man Kontakt halten zu den Behörden und sozialen Trägern in Rumänien, auch um bei Rückkehrberatungen Ansprechpartner dort im Land zu haben.

Bei einem Nachtreffen soll zudem diskutiert werden, wie die Stadt München den Menschen in Rumänien konkret helfen könnte.

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