Am eigenen Gartenzaun von Lastwagen überrollt

Rentner nach Horror-Unfall gerettet: Sein neues Bein kommt aus dem Rücken - Münchner Arzt erklärt die sensationelle OP

Patient Dieter Kern liegt auf der Untersuchungsliege von Dr. Alexander de Heinrich und streckt sein Bein aus.
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Der Patient mit dem Arzt, der sein Bein gerettet hat: Dieter Kern auf der Untersuchungsliege von Dr. Alexander de Heinrich.

In Pfaffenhofen in der Hallertau ist Rentner Dieter Kern am eigenen Gartenzaun von einem Lastwagen überrollt worden. Dem 70-Jährigen drohte eine Bein-Amputation.

  • Horror-Unfall In Pfaffenhofen in der Hallertau: Ein Rentner ist am eigenen Gartenzaun von einem Lkw überrollt worden.
  • Dem Unfallopfer drohte eine Amputation seines Beines.
  • Den Ärzten gelang es, aus Rückenmuskulatur einen neuen Unterschenkel zu formen.
Seit mehr als vier Jahrzehnten ein Paar: Ramona und Dieter Kern.

Pfaffenhofen/München* - An einem Juli-Abend errichtet der Rentner – selbst früher Lkw-Fahrer – gerade einen neuen Gartenzaun, als seine Frau im Auto nach Hause kommt. Zufällig steht ein Lastwagen einer benachbarten Firma in der Straße, erschwert die Einfahrt zum Parkplatz. Kern geht um das Hindernis herum, will den Fahrer bitten, Platz zu machen. Doch plötzlich fährt er los. „Der Fahrer konnte mich nicht sehen, ich mache ihm keinen Vorwurf, es ist einfach blöd gelaufen“, erinnert sich der Rentner. Er will sich in Sicherheit bringen, macht ein paar Schritte zur Seite. „Dabei bin auch noch auf Rollsplit ausgerutscht.“ Kern schafft es gerade noch, seinen Rumpf zur Seite zu drehen. Doch mit dem Vorderreifen überrollt das tonnenschwere Gefährt sein Bein.

Haut, Muskeln, Nerven und Blutgefäße des Unterschenkels waren total zerstört

Ich war am Ende meiner Kräfte. Aber es musste ja weitergehen.

Ramona Kern, Ehefrau des Unfallopfers.

Kern war geschockt – und seine Frau fassunglos. Sie hatte gerade erst eine schwere Krebs-OP überstanden. „Ich war am Ende meiner Kräfte. Aber es musste ja weitergehen. Es wird schon wieder werden“, sagte sich Frau Kern. Ihr Mann kam zunächst ins Krankenhaus der Kreisstadt Pfaffenhofen, wurde später in die München Klinik Bogenhausen verlegt. Dort leitet Oberarzt Dr. Alexander de Heinrich eines der größten Zentren für Rekonstruktive Mikrochirurgie in Europa. „Es grenzt an ein Wunder, dass bei Herrn Kern alle Knochen intakt waren. Aber Haut, Muskeln, Nerven und Blutgefäße waren komplett zerstört.“

Rückenmuskel transplantiert - Gewebestück war 31 Zentimeter lang und 24 Zentimeter breit

Vorbereitung für eine heikle Operation: Die Ärzte zeichnen auf der Haut des Patienten den Bereich an, in dem sie Dieter Kern gleich den großen Rückenmuskel entnehmen werden.
Dr. Alexander de Heinrich leitet die Spezialeinheit für Rekonstruktive Mikrochirurgie in der München Klinik Bogenhausen.

In einer vorbereitenden OP entfernte der erfahrene Spezialist mit seinem Team das Weichteilgewebe bis auf den Knochen und säuberte die Wunde, Kerns Bein kam in einen sogenannten Vakuumversiegelungsverband. Das ist eine eine Art Spezialschiene, die unter anderem einer Infektion vorbeugen soll. Um Kerns Bein zu retten, schmiedete sein Arzt einen kühnen Plan: Dr. de Heinrich entfernte den Großen Rückenmuskel (latissimus dorsi) und ummantelte damit den Unterschenkel. Das transplantierte Gewebestück war 31 Zentimeter lang und 24 Zentimeter breit.

Zur Erklärung: Man kann auch ohne diesen Rückenmuskel leben, allerdings keine Klimmzüge mehr machen. „Der Latissimus wird von einer Arterie und zwei Venen mit Blut versorgt. Diese Gefäße haben wir unter dem Mikroskop mit einer Unterschenkelarterie und zwei Venen verbunden – und zwar so, dass auch der Fuß weiterhin durchblutet wird. Die feinen Nähte sind nur etwa halb so dick wie ein Menschenhaar“, erklärt Dr. de Heinrich. Außerdem entnahm er mit einer Art Hobel (Fachbegriff Dermatom) dünne Hautschichten an den Oberschenkeln und verpflanzte diese an den Unterschenkel. Der heikle Eingriff dauerte über fünf Stunden.

Nach einem Vierteljahr konnte ich wieder laufen.

Unfallopfer Dieter Kern

Zwei Monate lag Kern nur im Bett, dann kam er in die Reha. „Nach einem Vierteljahr konnte ich wieder laufen, zunächst mit Gehstützen. Heute klappt es ohne jede Hilfe. Ich habe kaum noch Schmerzen, bin überglücklich und den Ärzten sehr dankbar, dass ich mein Bein behalten habe“, erzählt Kern. Und auch sein Operateur ist erleichtert. Dr. de Heinrich: „Wenn man sieht, wie ein Patient nach so einem schweren Unfall wieder selbstständig aus der Klinik marschiert, dann ist das einfach eine pure Freude und Motivation pur.“ - *tz.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

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