Überfordertes Personal, vernachlässigte Senioren

Pflege in München außer Kontrolle

Die Altersentwicklung stellt auch München vor große Herausforderungen. Eine wichtige Frage ist: Wie gehen wir in Zukunft mit unseren Pflegebedürftigen um? Deren Zahl steig rapide.

München - Sind derzeit noch gut 26 000 Menschen auf Pflegeleistungen angewiesen, werden es nach Berechnungen der Stadt im Jahr 2025 rund 31 400 sein. Aber das ganze Sytem krankt: Es gibt unter anderem einen Mangel an Fachkräften, oft zu laxe Kontrollen, zu wenig Hilfe für Angehörige. Die tz analysiert in einem großen Pflege-Report, wo es hakt und wo schnell gehandelt werden muss. 

Nicht genug Pflegeplätze in der Stadt

Vor wenigen Monaten demonstrierten wieder Pflegekräfte in München – für mehr Personal.

Immer wieder betont die Stadtführung, dass die Heimplätze in München noch völlig ausreichen. So gibt es aktuell in der Landeshauptstadt 7575 Plätze in 57 Pflegeheimen. Die Auslastung der Häuser lag Ende 2015 bei über 94 Prozent. So weit – so gut. Nur: Die Anforderungen ändern sich durch den gesellschaftlichen Wandel. Soll das Versorgungssystem auch in Zukunft funktionieren, muss es Tagespflegeplätze geben. Heißt: Die Tochter oder der Sohn bringt die Mama tagsüber in eine Einrichtung (um beispielsweise zur Arbeit gehen zu können), holt sie abends wieder ab und versorgt sie dann. Nur 13 Tagespflegeeinrichtungen gibt es derzeit in München – mit 200 Plätzen. Viel zu wenige! Teils müssen Angehörige wochenlang auf einen Platz warten, in manchen Stadtteilen gibt es gar keine Angebote. Die sogenannte Nachtpflege, wo Pflegebedürftige nur in dieser Zeit unterkommen (damit die versorgenden Angehörigen ein wenig schlafen können), gibt es in München gar nicht. Warum? Weil es hier kein Geld zu holen gibt. Die Auflagen für eine Einrichtung zur Tagespflege decken sich fast mit denen eines vollstationären Heimes. Die Einnahmen (bzw. Zuschüsse der Kassen) sind aber geringer. Hier muss sich schnellstens etwas ändern.

Kaum juristische Verfolgung der Straftaten

Es gibt Juristen (wie den Münchner Anwalt Alexander Frey), die Pflegeheime und die Versorgung daheim oft als „rechtsfreie Zonen“ bezeichnen. Tatsache ist, dass in den vergangenen fünf Jahren wegen Pflegemängeln nur ein einziges Heim in ganz Bayern dicht machen musste. Im schlimmsten Fall droht den schwarzen Schafen „nur“ ein Aufnahmestopp, wenn es zu Fällen von „gefährlicher Pflege“ kam. Heißt: Die Einrichtung darf ein paar Wochen keine neuen Bewohner aufnehmen. Dass aber auch dies die Ausnahme ist, zeigt ein Blick auf einen Pflegeskandal, den die tz vor zwei Jahren aufdeckte. Damals war es in einem Heim in Garching zu schweren Pflegefehlern gekommen. Unter anderem wurden der Patientin Rosemarie F. (77) falsche Medikamente verabreicht. Die Seniorin musste mit Atembeschwerden ins Klinikum. Dort starb sie. Als die tz nun (also zwei Jahre später) bei der Staatsanwaltschaft nachfragte, was die Ermittlungen ergaben, wurde uns mitgeteilt, dass der Fall „ohne Ergebnis“ zu den Akten gelegt wurde. Obwohl unsere Zeitung damals sogar die heiminternen Dokumente abdruckte, die die falsche Medikation bewiesen! „Solche Fälle sind keine Seltenheit“, sagt Pflegeexperte Claus Fussek. „Es ist äußerst selten, dass jemand wegen Pflege-Vergehen wirklich juristisch belangt wird.“ Den Behörden fehle oft der Einblick in diese Pflege-Abläufe. Jemanden schwere Fehler oder gar Misshandlung nachzuweisen, könnten oft nur Insider. Die gebe es aber nicht bei der Polizei. „Nur wenn jemand etwas zugibt, gibt es kleinere Konsequenzen.“ Wie in einem Fall im gleichen Haus in Garching. Frieda M. war von einer wütenden Pflegekraft schwer verletzt worden, unter anderem wurde ihr das Bein gebrochen. Die Täterin wurde (nach 18 Monaten) zu einer Geldstrafe (7200 Euro) verurteilt. Mittlerweile arbeitet sie wieder – in einem anderen Heim.

Immer mehr Kranke können sich einen Heimplatz nicht leisten

Gut 3500 bis 3700 Euro. So viel kostet die vollstationäre Versorgung eines Pflegebedürftigen durchschnittlich im Monat. Wer soll das bezahlen können? Fakt ist: Die Zuschüsse der Pflegekasse haben sich auch nach der Mini-Reform zu Beginn dieses Jahres nicht wirklich erhöht. Übernimmt sie bei der höchsten Pflegestufe rund 2000 Euro, bleiben noch immer über 1500 Euro, die der Betroffene (oder die Angehörigen) noch übernehmen müssen! Reicht die Rente und das Vermögen dazu nicht aus, springt der Bezirk Oberbayern ein. Und ein Blick auf deren neueste Zahlen ist erschreckend: Musste die Behörde vor fünf Jahren noch 140,5 Milionen Euro in die Hand nehmen, um Menschen mit einer zu kleinen Rente den Heimaufenthalt zu ermöglichen, so sind heuer 172,8 Millionen Euro angesetzt. Nur in Oberbayern! Also über 32 Millionen Euro mehr! Im vergangenen Jahr waren es 167,8 Millionen Euro. In fünf Jahren stieg die Zahl der Leistungsempfänger von gut 14000 auf 15210. Warum das so ist? Grund sind zum einen die kleinen Renten, zum anderen die steigende Zahl der Pflegebedürftigen. Im Gegensatz wird die Pflege aber immer teurer. Das System ist nur noch nicht finanziell in sich zusammengebrochen, weil der Großteil der Betroffenen noch von Angehörigen zu Hause versorgt wird. Und das ist natürlich billiger.

Kaum Kontrollen in der ambulanten Pflege

Über 260 ambulante Dienste gibt es mittlerweile in München. Tendenz steigend. Tatsache ist: Ihre Arbeit in den vier Wänden der Pflegebedürftigen wird kaum kontrolliert. So darf der Medizinische Dienst der Krankenkassen nur vorbeischauen, wenn dies vom Pflegebedürftigen erlaubt wird. Daher lassen sich manche Dienste gar von ihren Patienten unterschreiben, dass der MdK nicht erwünscht ist. Heißt: Kein Mensch hat Einblick, ob Frau Meier wirklich gewaschen wird. Immerhin werden knapp 19.000 Münchner zu Hause versorgt. Klar, viele Dienste leisten hierbei gute Arbeit – was aber die schwarzen Schafe treiben, weiß kein Mensch. Die Kassen klagen, dass sie durch falsche Abrechnungen um rund 1,25 Milliarden Euro geprellt werden. Pro Jahr! Besonders die russische Pflege-Mafia machte hier 2016 bundesweit Schlagzeilen.

Mangel an Fachkräften: Zu wenige Ausbildungsplätze

Keine Frage – um die Versorgung der Kranken und Alten ist es nicht gut bestimmt. Allein in München werden in den nächsten Jahren 7000 Schwestern und Pfleger fehlen. Die Zahl der derzeit rund 360 000 Pflegebedürftigen im Freistaat steigt hingegen rasant an. Für München heißt das nach dem Marktbericht Pflege: Es mangelt in neun Jahren an 600 Pflegeheimplätzen und mindestens 4000 Pflegekräften. Um den Beruf attraktiver zu machen, hat die Münchenstift nun das Einstiegsgehalt für Fachkräfte um rund 300 Euro erhöht (auf rund 3000 Euro brutto). Wie die tz erfuhr, will die Arbeiterwohlfahrt hier dieses Jahr nachziehen. Es ist ein Ansatz, um mehr jüngere Menschen in diesen wichtigen Beruf zu ziehen.

Kein sinnvolles Bewertungssystem der Anbieter

Wer ein gutes Hotel sucht, geht ins Internet und liest dort Bewertungen seriöser Tester. In der Pflege ist dies nicht möglich. Zwar gibt es ein Bewertungssystem, aber dieses ist völlig sinnfrei. Hier bekommen sogar schlechte Heime noch eine Note 1, weil sie schwere Mängel in der Versorgung mit einer nett gestalteten Speisekarte ausgleichen können. Die bundesweite Gesamtnote für ambulante Dienste liegt bei 1,2 und für stationäre Einrichtungen ebenfalls bei 1,2. Im Durchschnitt! Ein Armutszeugnis, das die Macht der Lobbyisten in der Pflege zeigt. Denn sogar die Politik – inklusive Bayerns Pflegeministerin Melanie Huml – kritisert das Bewertungssystem regelmäßig – ändern tut sich aber nichts. Was also tun? Manche Betreiber, wie die Münchenstift beispielsweise, veröffentlichen die Prüfergebnisse der Heimaufsicht freiwillig im Internet. Das ist lobenswert – und sollte Pflicht für alle Heimbetreiber werden! Zudem gehören die Pflegenoten der Pflegekassen und ihr „Navigator“ schlichtweg aus dem Verkehr gezogen, um Menschen, die für ihren Liebsten eine Einrichtung suchen, nicht zu verwirren.

Fazit: 

Gleich vorweg: Viele Pflegekräfte, viele Heimbetreiber leisten jeden Tag großartige Arbeit! Fakt ist aber dennoch: In die Pflege muss in den nächsten Jahren mehr Geld gepumpt werden. Wo es herkommen soll? Nein, nicht nur von uns – dem Steuerzahler. Hätten Staat und Kassen nicht einen teils viel zu laschen Blick auf die Probleme in der Pflege, könnte viel Geld eingespart werden: der riesige Betrug bei Abrechnungen, die Überlastung vieler Pflegekräfte (durch die letztendlich Fehler passieren und nur die Heimbetreiber Ausgaben sparen) – sie fressen immense Summen. Dazu kommt eine Flut an Bürokratie in der Pflege, die wertvolle Arbeitskraft bindet, aber dennoch keine ernstzunehmende Kontrolle ermöglicht. Damit muss Schluss sein. Und zwar schnell!

Rubriklistenbild: © dpa

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