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Aufschrei auf Münchens Straßen - Corona verschärft Pflegekräfte-Mangel drastisch

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Von: Claudia Schuri

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Protest für mehr Gehalt: Mitarbeiter der Universitätskliniken streikten unter anderem in Großhadern. Die Gewerkschaft Verdi fordert bei den Tarifverhandlungen fünf Prozent mehr Gehalt
Protest für mehr Gehalt: Mitarbeiter der Universitätskliniken streikten unter anderem in Großhadern. Die Gewerkschaft Verdi fordert bei den Tarifverhandlungen fünf Prozent mehr Gehalt. © Oliver Bodmer

Ihre Arbeit ist unverzichtbar: Das medizinische Personal muss nicht nur jetzt während der Corona-Pandemie wahnsinnig viel leisten. Auch in München fordern Angestellte mehr Geld.

München - Der Ärger und die Frustration sind groß. „Es ist ein Hilfeschrei“, sagt Christian Reischl von Verdi. Im Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst haben am Dienstag in mehreren Bundesländern Mitarbeiter von Universitätskliniken gestreikt. Mit der Maßnahme will die Gewerkschaft Verdi in der laufenden Tarifrunde Druck auf die Arbeitgeber machen.

Reischl hat die Streiks in München organisiert*. „Wir sind sehr zufrieden“, sagt er. „Die Streikbereitschaft ist angestiegen.“ Im Klinikum rechts der Isar legten rund 200 Angestellte die Arbeit nieder, im Deutschen Herzzentrum 70, im LMU Klinikum Großhadern 200 und im LMU Klinikum in der Innenstadt 100 Mitarbeiter.

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München: Pflegekräfte streiken - Gewerkschaft spricht von einem Hilferuf

Botschaften wie „Erst klatschen am Balkon, dann Klatschen ins Gesicht“ oder „Erst klatschen, dann watschen“ waren auf den Plakaten zu lesen. Die Pflegekräfte erinnern sich noch gut daran, wie vergangenes Jahr zu Beginn der Corona-Pandemie* viele Bürger für sie auf den Balkonen geklatscht haben. Inzwischen ist die Freude längst Ernüchterung gewichen. Denn verbessert habe sich nichts, ärgern sich die Streikenden. Im Gegenteil: „Die Frustration über die Arbeitsbedingungen hat zugenommen“, berichtet Christian Reischl.

Verbessert habe sich in den vergangenen Monaten nichts. Im Gegenteil: „Die Personalbesetzung nimmt ab“, beklagt Reischl. Die Belastung sei groß – und das Gehalt im Vergleich zu der großen Verantwortung und zum Stress niedrig.

Die Gewerkschaften fordern fünf Prozent mehr Gehalt für die Beschäftigten des öffentlichen Diensts der Länder. Für Mitarbeiter im Gesundheitswesen sollen es mindestens 300 Euro im Monat sein. Die Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) wies die Forderungen bisher als unrealistisch zurück. Die Pandemie habe die Länder finanziell hart getroffen, erklärte der TdL-Vorsitzende und niedersächsische Finanzminister Reinhold Hilbers bereits im August. Für Gehaltssteigerungen im öffentlichen Dienst sei deshalb „wenig Spielraum“.

Pflegekräfte gehen in München auf die Straße - Am Mittwoch geht es weiter

Die Gewerkschaft Verdi* hat dafür kein Verständnis. Ein Verhandlungsführer habe sogar behauptet, dass es gar keinen Fachkräftemangel gebe, ärgert sich Christian Reischl. „Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle Beschäftigten“, erklärt er. „Auch viele Klinikleiter sind sehr enttäuscht. Das Unverständnis ist sehr groß.“

Am 27. und 28. November soll in Potsdam weiterverhandelt werden. Bis dahin sind bundesweit weitere Warnstreiks im öffentlichen Dienst zu erwarten.

Auch Mitarbeiter des LMU-Klinikums wollen am Mittwoch wieder streiken. Um sicherzustellen, dass trotzdem alle Patienten versorgt werden, gibt es wie bereits am Tag zuvor eine Notfallvereinbarung. Reischl hofft auf eine schnelle Einigung: „Wir gehen davon aus, dass unsere Signale wirken“, sagt er.

München hat zu wenige Pfleger - Zwei Betroffene erklären die Lage aus ihrer Sicht

Tony Harmatha: Wenn wir nicht auf die Straße gehen, ändert sich nichts. Der Pflegermangel war schon vor Corona ein Problem. Trotzdem werden wir immer wieder fallen gelassen. Ich betreue Krebspatienten und bekomme 2400 bis 2800 Euro netto – da sind schon alle Schichtzulagen mit drin. Es ist anstrengend, manche Kollegen haben aufgehört, weil sie nicht mehr können. Ich hab das noch nicht überlegt – mir macht die Pflege Spaß.

Christina Erbe: Es ist wichtig, dass wir Aufmerksamkeit bekommen, wir sind am Limit. Ich arbeite auf der Intensivstation der Kinderkardiologie. Dort wurden die Betten schon reduziert, weil die Pfleger fehlen. Wenn wir nicht oft spontan einspringen würden, würde es nicht funktionieren. Ein Fehler bei uns kann lebensbedrohlich sein. Die Situation ist wirklich bedrohlich, das haben nicht alle verstanden. Es muss jetzt etwas geschehen.

Derweil nehmen Kliniken wegen Corona zu viele Patienten auf - und zahlen dafür eine Strafe: „Wie krank ist unser Gesundheitssystem?*tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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