Bei Anruf Heimtücke

Münchner Polizei schlägt Alarm: Maschen der Telefon-Betrüger werden immer fieser

Die Trickbetrüger werden immer einfallsreicher, um ihren Opfern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Münchner Polizei München schlägt Alarm, In der Stadt schlagen die Gauner immer häufiger zu.

Die Zahlen sind alarmierend: 6113 Betrugsfälle durch falsche Polizisten gab es 2020 in München*. Der Schaden lag bei 4,26 Millionen Euro – fast doppelt so hoch wie in 2019. Mittlerweile sitzen immer mehr Täter in der Stadt. Die Polizei warnt vor sich wandelnden Maschen.

München: Polizei schlägt Alarm und warnt vor neuen Maschen der Telefon-Betrüger

Seit Jahren bringen die Trickbetrüger Münchner Senioren um ihr Erspartes – kaum ein anderes Phänomen steigt in der polizeilichen Kriminalstatistik so stark an. Am Telefon gaukeln die Betrüger ihren Opfern eine Notsituation vor, setzen sie stark unter Druck – und nehmen ihnen dann, als Polizeibeamte getarnt, Geld und Schmuck ab.

Es sind perfide Taten, die auch durch die Pandemie* nur vorübergehend zurückdrängt wurden. „Im Moment steigt die Tendenz wieder“, sagt Hans-Peter Chloupek (55). Er leitet die Arbeitsgruppe Phänomene bei der Münchner Polizei*, die die Trickbetrüger jagt. Etwa 20 Beamte sind seit 2017 mit den Ermittlungen beschäftigt und konnten etliche Betrüger vor Gericht bringen. Allein sechs Zugriffe gab es in der vergangenen Woche. „Insgesamt konnten wir in diesem Jahr im Großraum München und Bayern schon 23 Täter festnehmen“, sagt Chloupek.

Trickbetrüger am Telefon: Bis zu 600 Anrufe aus dem Ausland gibt es täglich in München.

Er weiß: Die Täter sind oft schwer zu kriegen, aber die Polizei hat ihre Strukturen und die Maschen genau im Visier. „Der Anstieg der Zahlen in München erklärt sich dadurch, dass aktuell aus einem bestimmten Callcenter in der Türkei vermehrt hier angerufen wird.“ Noch im Dezember vergangenen Jahres seien die Zahlen in München nach einem großen Ermittlungserfolg gesunken, im Frühjahr stiegen sie wieder an. „Nach dem Winter konnte man sehr deutlich feststellen, dass ein anderes Call-Center die betrügerischen Anrufe übernommen hat“,erklärt der Ermittler.

München: An die Hintermänner kommt die Polizei meist kaum heran

Keiler, Logistiker, Abholer. Diese Struktur der falschen Polizisten war bislang bekannt, doch sie hat sich mittlerweile geändert. Keiler hatten die Anrufe bei Senioren getätigt, Logistiker den Geldtransport organisiert und Abholer die Wertsachen eingesammelt. Nur die Abholer waren aber vor Ort, auf frischer Tat oder am Flughafen konnten sie teilweise festgenommen werden. An die Hintermänner, die im Ausland sitzen, kam die Polizei meist nur schwer heran. Auch das hat sich aber geändert.

Mittlerweile, sagt Chloupek, gibt es bei der Bandenstruktur oft einen Boss mit verschiedenen Filialen – in Istanbul, Izmir oder Antalya. Diese stehen unter einer Führung, haben aber jeweils einzelne Statthalter. „Deshalb kommen auch immer wieder verschiedene Modi Operandi zustande, selbst aus demselben Callcenter heraus.“ Bis zu 50 Keiler sitzen dort. „Es sind aber immer mehrere Täter gleichzeitig im Einsatz, die auch zusammen agieren“, sagt Chloupek. Sie seien speziell geschult und haben die Verhaltensweisen, mit denen sie am Telefon Senioren überreden, lange eingeübt. „Was sie machen, ist sehr professionell und ausgeklügelt.“

Ermittler Hans-Peter Chloupek (55) leitet die AG Phänomene, mit etwa 20 Münchner Beamte jagt er falsche Polizisten.

München: Banden agieren heute komplett anders als in der Vergangenheit

Mindestens zwei Täter ziehen die Fäden: Einer ruft das Opfer an, der andere steht mit dem Abholer in Kontakt. In den Callcentern selbst gibt es aber immer auch Bandenmitglieder, die die einzelnen Zimmer koordinieren, von denen aus angerufen wird. Teilweise werden dafür Privatwohnungen angemietet. „Vier bis fünf Personen sind es Minimum pro Standort.“ Mitunter arbeiten die einzelnen Callcenter auch über größere räumliche Entfernung zusammen.

Die Trickbetrüger „agieren komplett anders als in der Vergangenheit“, sagt Chloupek. Es gebe mittlerweile regionale Abholer und Logistiker sowie auch regionale Kuriere. Diese Struktur ermöglicht den Tätern „in wesentlich höherer Taktung die Delikte zu begehen“, weil sie nicht mehr darauf angewiesen sind, dass Komplizen nach München anreisen müssen. Sondern sie sitzen hier vor Ort, werden angerufen und führen die Abholung bei den Senioren durch.

München: Viele Bankmitarbeiter kennen die kriminelle Masche bereits

Chloupek sagt: „Die Banden sind schneller geworden, und es sind auch mehr Personen, die gleichzeitig München abtelefonieren.“ Früher wurde das Opfer zur Bank geschickt, um das Geld abzuheben, um es dann dem Abholer zu übergeben. Aber: Viele Bankmitarbeiter kennen die kriminelle Masche bereits und rufen direkt die Polizei. Deshalb ändern die Betrüger ihre Taktik und gehen mittlerweile nur noch auf Senioren, die die Wertsachen bereits zu Hause haben. „Deshalb variieren die Schadenssummen auch so stark“, sagt Chloupek. Mal sind es 2000 Euro, mal 200.000 Euro. Im letzten halben Jahr habe es sogar einen Fall mit 500000 Euro Schaden im Münchner Stadtgebiet gegeben. „Der Geschädigte hatte die Summe in Goldbarren zuhause.“

Die neuen Maschen der Telefon-Banditen

Im Telefonbuch suchen die Täter gezielt nach traditionell klingenden Vornamen - wie Erna oder Hubert. Nehmen Senioren den Hörer ab, wird ihnen etwa erzählt, sie seien auf der Liste von Einbrechern gelandet und ihr Vermögen sei in Gefahr. Ein Beamter komme, um ihr Bargeld abzuholen und es zu sichern. Viele betagte Menschen fallen darauf rein - oder beugen sich dem Druck, den die Täter am Telefon aufbauen. Sie täuschen Senioren mittlerweile sogar vor, dass diese Teil einer geheimen Polizei-Operation sind und mit ihrem Geld eine Geisel retten müssen. Die Erfolgsquote der Täter sei jedoch nicht gestiegen, sagt Chloupek, sondern die Taktung. „Es gibt mehr Versuche und dadurch auch mehr Vollendungen.“

Nur 51 der insgesamt 6113 Taten wurden 2020 vollendet - allein dadurch entstand der Schaden von 4,26 Millionen Euro. In Spitzenzeiten sei es in München zu 600 betrügerischen Anrufen und Anrufversuchen an nur einem Tag gekommen. Neu ist die Masche, dass Betrüger sich am Telefon auch als Bankmitarbeiter ausgeben. Sie behaupten, ein Kollege sei in kriminelle Machenschaften verwickelt und das Geld der Senioren-Kunden in Gefahr. Ein Mitarbeiter komme es abholen - natürlich auch eine Lüge. So wie auch die Corona-Betrugsmasche: „Am Telefon sagte mir eine Frau, dass mein Sohn wegen Corona auf der Intensivstation liegt, es gehe um Leben und Tod“, berichtet Inge P. (73). Nur ein neues Medikament könne helfen - doch das müsse sie privat zahlen. 41 000 Euro - in bar, jetzt sofort. Inge P. sollte zum Arzt durchgestellt werden, der natürlich ein Betrüger war. „Ich hatte so viel Geld gar nicht zuhause“: Inge P. legte auf - und rief die Polizei an. So ließ sich der Schwindel schnell klären! *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

In Nürnberg hat eine Seniorin jüngst mehrere zehntausend Euro an Telefonbetrüger gezahlt. Eine Frau hatte sich als ihre Enkelin ausgegeben und einen schlimmen Unfall vorgetäuscht*.

Rubriklistenbild: © Julian Stratenschulte/dpa

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