"Auch wir haben manchmal Todesängste"

Hier trainiert die Polizei den Horror

Der absolute Notwehrfall: Ein psychisch kranker Mann greift Polizisten mit der Axt an

München - Fast wie in einem Film – und nah an der Realität: Die tz hat das polizeiliche Einsatztraining besucht und beobachtet, wie sich die Beamten auf ihre Spezial-Einsätze vorbereiten.

Das Herz rast. Der Mund ist trocken. Die Luft wird knapp unter dem Schutzhelm. Was macht der Wahnsinnige da? Für vernünftige Worte ist einer, der gerade mit Ufos, grünen Männchen und dem totalen Hirnsturm kämpft, nicht mehr zugänglich. Und da kommt er plötzlich aus dem Hinterzimmer, rast mit erhobener Axt brüllend auf die beiden Polizisten zu. Zwischen ihnen und dem Ufo-Jäger liegen höchstens noch drei Meter – eine extrem gefährliche Situation. Rückwärts laufend schießen die Beamten, bis der Mann zusammenbricht ...

Fünf blaue und rote Farbpunkte auf der dicken Lederjacke markieren später die Stellen, an denen der Mann am Oberkörper getroffen wurde. Im Ernstfall wäre er wohl tot gewesen. Hier jedoch hinterlassen die Treffer lediglich bunte Punkte, im schlimmsten Fall mal einen blauen Fleck. Und auch die Axt war nur aus Gummi. Willkommen beim polizeilichen Einsatztraining der Münchner Polizei – kurz PE-Training genannt.

Nahezu alle aktiven 6000 Münchner Polizisten müssen einmal im Jahr 20 Stunden PE-Training absolvieren. Dramatische Fälle in den letzten Jahren haben bewiesen, wie sich scheinbar alltägliche Situationen urplötzlich gefährlich zuspitzten. Die Motive sind so verschieden wie die Menschen. Krankheit, Sucht, Suff, Angst, Liebeskummer, Verzweiflung, Hass. Täglich begegnen Polizisten der ganzen Bandbreite starker Emotionen. Meistens kriegen sie brisante Situationen gütlich in den Griff. Manchmal aber auch nicht – wie am Silvestertag des Jahres 2010, als eine psychisch kranke Frau (49) einen Polizisten und einen Feuerwehrmann auf einem kleinen Balkon mit einem Messer angriff. Die Frau wurde erschossen.

„Vergessen Sie alles, was Sie je in Action-Filmen gesehen haben,“ mahnt PE-Trainer Bernhard Dittmann. Als hundertprozentig lebensgefährlich gilt ein Messerangriff in einer Distanz von sieben bis fünf Metern. Kein Polizist hat die Chance, einem Täter eine Waffe aus der Hand zu schießen oder zu treten, ohne selbst schwerste Verletzungen zu riskieren. Und: Selbst ein angeschossener Angreifer fällt oft nicht sofort um.

Für möglichst realistische Übungsmöglichkeiten gibt es in München drei Trainingszentren – eines davon im Keller des Polizeipräsidiums. Es gibt ein enges Büro, ein Apartment, eine unübersichtliche Zwei-Zimmer-Wohnung. Gefahren lauern hier überall. Das Messer im Obstkorb, Gerümpel im Fluchtweg, die Axt unterm Bett. Wie im ganz normalen Leben eben.

Die Szenarien sind vielfältig, den schauspielerischen Fähigkeiten der 43 PE-Trainer keine Grenzen gesetzt. Es wird gebrüllt, gedroht, geweint, geblutet und gebettelt, was das Zeug hält. „Die meisten Polizisten vergessen sofort, dass das hier nur Training ist,“ so Dittmar. Entspechend hoch ist der Stressfaktor. Jedes Szenario wird aufgezeichnet und analysiert. Manchmal entscheidet nur ein Detail, ob eine Situation eskaliert oder nicht.  Der finanziell ruinierte Schreiner Hans Müller, der sich vor den Augen der Polizisten die Pulsadern aufschneidet und es darauf anlegt, erschossen zu werden, wird überwältigt. Der unter Drogen stehende Ufo-Jäger mit der Axt dagegen lässt den Beamten keine Wahl. Sie schießen. Sonst sind sie selber tot.

Dittmar: „In der öffentlichen Diskussion wird zuweilen übersehen, das auch Polizisten manchmal Todesängste ausstehen.“

Dorita Plange

Drei Mal griff die Polizei zur Waffe

Die Münchner Polizei verwendet drei Waffentypen: Die Pistole P7, das G3-Gewehr und die Maschinenpistole MP5, alle von Heckler & Koch. In der Polizei-Statistik des Jahres 2011 und des laufenden Jahres 2012 sind drei Einsätze mit Schusswaffengebrauch verzeichnet. Alle galten flüchtenden Gewalttätern. Es handelte sich um Warnschüsse in die Luft. Niemand wurde verletzt. Weitere 53 bzw. 33 Schüsse galten verletzten Tieren, die von Polizisten nach Unfällen von ihren Leiden erlöst wurden. In der Statistik der Gewalt gegen Polizisten wurden im letzten Jahr 1447 sogenannte Gefahrenfälle verzeichnet, in denen Polizisten die Waffe oft zogen, aber nicht einsetzten. Tendenz stark steigend: Im Jahr 2010 waren es erst 1297 Fälle.

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