Die sechs Todsünden der Polizei

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Haupteingang Polizeipräsidium Ettstraße.

München - Das Polizeipräsidium in der Löwengrube birgt ein beziehungsweise sechs Geheimnisse. Lesen Sie hier die mysteriöse Geschichte.

Es ist natürlich nur ein kurioser Zufall, dass ausgerechnet die Faulheit noch schemenhaft zu sehen ist. Und auch der Neid ist gerade eben noch seinem alten Platz zuzuordnen. Von der Völlerei, dem Zorn, dem Geiz und der Hoffart jedoch ist absolut nichts mehr zu erkennen. Wenngleich sie selbstverständlich gegenwärtig sind – wenn auch nur im Verborgenen:

Stichwort: Todsünden

Nach der traditionellen Lehre der katholischen Kirche erwartet die Sünder die Höllenstrafe, wenn man mit einer Todsünde im Herzen stirbt. Die Vergebung der Todsünde kann nur in der Beichte oder durch vollkommene Reue erreicht werden. Nach der klassischen Theologie entstehen die Todsünden aus sieben schlechten Charakter­eigenschaften: Hochmut (auch Hoffart genannt), Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit des Herzens und Geistes (auch Faulheit genannt). Die sieben Hauptsünden haben Künstler (Hieronymus Bosch, Pieter Bruegel der Ältere, Otto Dix) in allen Epochen der Malerei fasziniert. Auch Filmemacher ließen sich vom Bösen inspirieren: John M. Stahl, Todsünde (USA 1945); David Fincher: Sieben (USA 1995), Philippe de Broca: Die sieben Todsünden (Frankreich/Italien 1962).

Unter der bröckelnden, grünen Fassade an der Rückseite des Münchner Polizeipräsidiums (Löwengrube) verbirgt sich ein wunderbares, kunsthistorisches Geheimnis. Es sind Original-Fresken des Münchner Malers und Grafikers Bruno Goldschmitt. Sie stellen sechs der sieben Todsünden (siehe Stichwort rechts) dar und entstanden in der Zeit der Erbauung des Münchner Polizeipräsidiums. Das Münchner Polizeipräsidium wurde in den Jahren 1911 bis 1913 nach den Plänen des genialen Jugendstil-Architekten und Städteplaners Theodor Fischer (1862 – 1938) erbaut. Es war die Zeit, in der die Schutzmannschaften der Münchner Polizei „Schließzange, Gummiknüppel und Bügelsäbel“ und eine „leichte Dienstbluse“ unter dem zweireihigen Mantel trugen. Die Daktyloskopie und die Fotografie revolutionierten gerade die Polizeiarbeit. Und im Bratwurstglöckl am Dom tobte ein gewisser Simplicissimus-Redakteur namens Ludwig Thoma gegen die „Dummheit der bayerischen Justiz“, weil sein Flugblatt („Fort mit der Liebe!“) als unsittliche Schrift gebrandmarkt und eingezogen worden war. Für das neue Präsidium entschied sich Fischer für eine durch und durch traditionelle Fassade mit sparsamen, aber wirkungsvollen Ornamenten.

Die sechs Todsünden der Polizei

Faulheit. © Profanbau Leipzig
Geiz. © Profanbau Leipzig
Hoffart. © Profanbau Leipzig
Neid. © Profanbau Leipzig
Völlerei. © Profanbau Leipzig
Zorn. © Profanbau Leipzig

Im Gegensatz zu Prinzregent Luitpold, der gern mit berühmten Künstlern arbeitete, tat sich Fischer gern mit weniger prominenten Zeitgenossen zusammen. Der Maler und Grafiker Bruno Gold­schmitt (1881 – 1964) war Schüler von Feuerstein und Stuck und studierte an der Akademie München. Für die Erker-Medaillons über den Fenstern der Löwengrube entwarf und malte er die Fresken, die sechs der sieben Todsünden darstellten. 40 Jahre lang überdauerten die apokalyptischen Monster unbeschadet unruhige Zeiten.

An den sechs Medaillons der Außenfassade über den Fenstern befanden sich die Fresken am Polizeipräsidium in der Löwengrube. Sie sollen rekonstruiert werden.

Im Zweiten Weltkrieg jedoch wurde das Präsidium beschädigt. Im Rahmen einer oberflächlichen Fassaden-Kosmetik wurden die vermutlich ebenfalls beschädigten Todsünden in den Nachkriegsjahren einfach grob übermalt – und gerieten in Vergessenheit. Im Rahmen der gerade beginnenden Großsanierung der Löwengrube studierten Mitarbeiter der Abteilung Versorgung und die Pressestelle alte Chroniken und stießen auf die vergessenen Goldschmitt-Fresken. Sprecher Wolfgang Wenger war begeistert: „Ganz oben links sieht man noch die Umrisse und den Schriftzug der Faulheit. Wir sind der Meinung, dass diese Fresken zur Geschichte des Präsidiums gehören und unbedingt erhalten werden sollten.“ Das meint auch Werner Pöllmann, Abteilungsleiter beim Staatlichen Bauamt München I, der bereits Rücksprache mit dem Landesamt für Denkmalpflege gehalten hat. Er zog einen Restaurator zu Rate, und der hatte eine schlechte, aber auch eine gute Nachricht: „Die Fresken wurden leider mit einer Farbe übermalt, die sich nicht mehr ablösen lässt, ohne die Fresken dabei zu zerstören.“ Aber: „Es wäre denkbar, die wenigen Original-Fragmente zu bewahren und die Fresken als Rekonstruktion neu aufzubringen.“

Dazu müsste allerdings weitaus aussagekräftigeres Bildmaterial verfügbar sein als die alten Vorkriegs-Fotografien. Die Recherchen bei speziellen Kunstbuchverlagen laufen bereits. Die siebte Todsünde – nämlich die Wollust – ist übrigens unauffindbar. Ob sie aus Gründen der Pietät oder nur mangels eines geeigneten Platzes ausgelassen wurde – das wird vermutlich für immer Bruno Goldschmitts Geheimnis bleiben.

Dorita Plange

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