Drei Jahre nach dem Unglück

Raser noch immer auf freiem Fuß: Vater will Gerechtigkeit für seine toten Kinder - „Kaum zu ertragen“

Einsatzkräfte bargen das Wrack auf der Wasserburger Landstraße.
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Einsatzkräfte bargen das Wrack auf der Wasserburger Landstraße.

Bei einem Raser-Unfall in München verlor Pierre L. seine beiden Kinder. Drei Jahre nach dem Unglück ist der Täter immer noch auf freien Fuß. Er fordert endlich Gerechtigkeit.

  • Kommende Woche hätte der Prozess in München fortgesetzt werden sollen.
  • Doch der Angeklagte forderte eine neues Gutachten an.
  • Nun droht eine Verschiebung auf unbestimmte Zeit.

München - Von seinen Kindern bleiben ihm nur Bilder: „Ich vermisse sie jeden Tag“, sagt Pierre L. Ein schrecklicher Unfall hatte Ann-Sophie und Julien L. aus seinem Leben gerissen. Im September 2017 waren sie zu Besuch in München, wollten zu einem Geburtstag. Doch auf der Wasserburger Landstraße raste ein Geländewagen mit 128 km/h in ihren Opel Corsa – und tötete sie.

Raser-Prozess in München: Täter immer noch frei, trotz Verurteilung

Drei Jahre später ist der Täter immer noch auf freiem Fuß. Nestor P. (63) wurde im November 2019 zwar wegen fahrlässiger Tötung zu vier Jahren Haft verurteilt. Gegen das Urteil des Amtsgerichts legte er aber Berufung ein – mit Erfolg. Kommenden Montag (12. Oktober) sollte es zur Neuauflage des Prozesses am Landgericht kommen. Doch der Termin wurde wieder aufgehoben. Denn P. hat ein neurologisches Gutachten über sich beantragt. Das wird nun erstellt – und könnte Monate dauern. Ein neuer Prozesstermin ist nach Angaben des Gerichts noch nicht absehbar.

Nestor P. wurde bereits verurteilt, legte aber Berufung ein.

Die Staatsanwaltschaft war dem Antrag auf das Gutachten nicht entgegengetreten, denn vor Gericht gilt dieses als wichtiges Beweismittel – auch wenn der Prozess sich dadurch verzögern wird. „Für meine Familie ist das kaum zu ertragen“, sagt Pierre L. „Dieser Mann hat meine Kinder auf dem Gewissen, aber es gibt immer noch kein rechtskräftiges Urteil.“

Lesen Sie hier den Ticker zu dem Prozess im Herbst 2019.

Raser-Prozess in München: Hinterbliebene wollen endlich Gerechtigkeit

Bitter: Auch der Lebensgefährte seiner Tochter war bei dem Unfall gestorben, Pierre L.s Ex-Frau wurde damals schwer verletzt. „Sie ist bis heute im Alltag auf Hilfe angewiesen. Wie soll ich ihr erklären, dass der Täter nicht ins Gefängnis muss?“

Pierre L. (M.) mit seinen Kindern: Ann-Sophie und Julien wurden 2017 totgefahren.

Ein großer Teil der Hinterbliebenen lebt in Frankreich. Trotz Pandemie war die Familie bereit, zum Prozess nach München zu reisen – „denn wir wollen endlich Gerechtigkeit“, sagt Pierre L. Flüge, Hotels – alles war organisiert, auch der negative Corona-Test. Umso bitterer die Absage des Prozess-Termins. „Wir sind natürlich sehr enttäuscht.“

Raser-Prozess in München: Lebenslange Haftstrafe in Berlin verhängt

Auch deshalb, weil in dem Fall noch Fragen offen sind. „Es wurde nicht geklärt, wie die Ampelschaltung an der vorherigen Kreuzung war. Später wurde behauptet, der Täter sei nicht über Rot gefahren“, sagt Pierre L. „Wir sehen die Tat als Mord an. Wer mit 128 km/h durch die Stadt fährt, handelt nicht fahrlässig.“

Ähnlich hatte der Bundesgerichtshof kürzlich im Berliner Raserfall geurteilt: Dort hatte ein Mann sogar mit 160 km/h einen tödlichen Unfall verursacht – und muss nun lebenslang hinter Gitter. Eine Anklage wegen Mordes gibt es auch im Fall von Victor B. (35), der in Laim vor der Polizei flüchtete und einen Buben (14) totfuhr. Im Fall des Unfalls auf der Wasserburger Landstraße war hingegen „kein Vorsatz nachweisbar“, sagt Oberstaatsanwältin Anne Leiding. „Gerade auf die Motivation des Täters kommt es aber an.“

Im Prozess hatte sich Nestor P. entschuldigt – an die Fahrt könne er sich aber nicht erinnern. Angeblich ein Blackout – daher das Gutachten. „Das hätte man vor drei Jahren schon anfordern können“, kritisiert L. und vermutet eine Verzögerungstaktik. Ihm bleibt die Ungewissheit.

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