Anklage wegen Mordes

Raserprozess nach Tod von Schüler Max: Polizist schildert dramatische Verfolgungsjagd - Verteidiger enthüllt bittere Wahrheit

Eine Verfolgungsjagd eines BMW-Fahrers unter Drogen mit der Polizei endete mit dem Tod eines 14-Jährigen. Nun muss sich der Raser vor Gericht verantworten. Seine Verteidiger enthüllen Bedenkliches.

Update vom 18. Januar 2021: Hätte man den tödlichen Unfall verhindern können? Das fragte sich nicht nur eine Zeugin zum Prozessauftakt am Landgericht, sondern auch am Montag wieder ein junger Polizist. Er hatte den Raser Victor B. (35) am 15. November 2019 auf der Fürstenrieder Straße verfolgt, bevor dieser in eine Gruppe junger Schüler gerast war und den 14-jährigen Max D. tötete.

War das ein Mord? Daran glaubt die Staatsanwaltschaft München* I und hat Victor B. entsprechend angeklagt – als ersten Raser in München überhaupt. Am zweiten Verhandlungstag gab der Polizist am Montag als Zeuge Einblicke in die Minuten vor der tödlichen Katastrophe in Laim.

Insgesamt 1,8 Kilometer lang ist die Strecke, die Victor B. vor der Polizei geflohen war – auf der Landsberger Straße war der Lagerist den Beamten aufgefallen, weil er illegal gewendet hatte. Dann war er mit Spitzen-Geschwindigkeiten von rund 120 km/h geflohen, weil er noch unter offener Bewährung stand, aber Kokain konsumiert hatte.

Raserprozess nach Tod von Schüler Max - Polizist sagt vor Gericht aus: „Ich denke noch oft an diesen Fall“

„Ich denke noch oft an diesen Fall“, schilderte der Polizist am Montag, der rund zwei Stunden im Zeugenstand saß. „Uns haut grad ein schwarzer BMW ab in Richtung Fürstenrieder Straße“, hatte er der Polizei-Zentrale gegen 23 Uhr per Funk durchgegeben. Danach begann die Verfolgungsjagd, die nach Aussage des Polizisten lebensgefährlich war. „An den Kreuzungen Gotthardtstraße und später an der Aindorfer Straße mussten etliche Verkehrsteilnehmer ausweichen.“ Denn Victor B. war auf der falschen Fahrbahn unterwegs – und gefährdete etliche Leben als Geisterfahrer. Schon hier hätte es Tote geben können.

„An der ersten Kreuzung war die Ampel noch grün, an der zweiten dann rot – und zwar schon länger“, sagte der Polizist. B. raste noch drüber, der Streifenwagen blieb stehen und verlor den Anschluss. Der Stress sei immens gewesen, erklärt der Beamte. „Wir gingen davon aus, dass der Angeklagte einen Frontalzusammenstoß mit anderen Fahrzeugen verursacht.“ Dass der Schüler von dem BMW erfasst worden war, erfuhr er erst später.

Andere Beamte und ein Notarzt reanimierten Max D. noch mehr als eine halbe Stunde lang. Vergebens: Er starb, nachdem sein Körper 43 Meter weit geschleudert worden war. - ANDREAS THIEME

Raserprozess nach Tod von Schüler Max: Emotionaler Auftritt des BMW-Fahrers - Verteidiger enthüllen bittere Wahrheit

Meldung vom 15. Januar 2021: München - Sein Opfer hatte keine Chance: Als der BMW von Victor B. (35) den Schüler Max D. (†14) traf, zeigte der Tacho 124 Stundenkilometer an. Der Aufprall: tödlich. Und so hart, dass es den Körper des Schülers regelrecht zerriss. 43 Meter weit wurde der Bub geschleudert.

Als Staatsanwältin Nina Prantl am Dienstag die Details des schrecklichen Unfalls vom 15. November 2019 vorträgt, windet sich Victor B. unter Tränen und rollt seinen Oberkörper ein, als wolle er sich verkriechen. Seit Dienstag muss er sich aber der Verantwortung stellen. Am Landgericht ist Victor B. wegen Mordes angeklagt - als erster Raser in München* überhaupt.

Raserprozess nach Tod von Schüler: Angeklagter gesteht nur die Unfallfahrt

Auf der Landsberger Straße war er unter Drogeneinfluss vor der Polizei* geflüchtet, bretterte als Geisterfahrer 1,8 Kilometer Richtung Süden, bis er gegen 23.20 Uhr auf der Fürstenrieder Straße mehrere Autos rammte und in eine Gruppe Schüler fuhr. Drei Menschen wurden schwer verletzt, Max starb. Doch Victor B. gesteht lediglich die Unfallfahrt ein und lässt über seine Anwälte Tom Heindl und Daniela Gabler erklären: „Unser Mandant ist kein Mörder.“

Das sieht Staatsanwältin Nina Prantl anders. Heimtücke und niedere Beweggründe seien als Mordmerkmale erfüllt, zudem liege Verdeckungsabsicht vor. Denn Victor B. hatte zweimal Kokain geschnupft - bevor die Polizei ihn kontrollieren wollte, weil er mitten auf der Landsberger Straße gewendet hatte. „Er geriet in Panik, weil er unter offener Bewährung stand und Angst vor erneuter Haft hatte“, sagt Gabler. Doch bei der Raser-Flucht habe B. billigend in Kauf genommen, dass seine „sehr riskante Fahrweise“ eine „nicht vorhersehbare Anzahl von Menschen töten könnte“, rügt Prantl.

Muss sich wegen Mordes verantworten: Victor B. (l.) erfasste bei seiner Flucht vor der Polizei mit seinem BMW mehrere Schüler und tötete den 14-jährigen Max.

Raserprozess nach Tod von Schüler: Laut Verteidiger fuhr Angeklagter „schon öfter“ unter Kokain-Einfluss

So rechtfertigt die Staatsanwaltschaft die Mord-Anklage, die B. zurückweist. Vorsatz oder fahrlässige Tötung? Das ist die große Frage in einem Prozess, der nur Verlierer kennt. Einer ist Victor B., ein Lagerist aus Bad Heilbrunn. Am Tatabend wollte er einem Kumpel seinen BMW 135 Coupé zeigen und danach weiter nach Krailling zu seiner Freundin, sagte Gabler - bei der Raser-Fahrt später habe B. „keine Angst gehabt, einen Unfall zu verursachen“. Er sei „schon öfter“ unter Kokain-Einfluss gefahren, im Verkehr aber sonst nie aufgefallen.

Bittere Sätze für die Angehörigen des getöteten Buben, die als Nebenkläger auftreten. Bitter auch die Erkenntnis, dass die Schüler laut Anklage bei roter Ampel den Fußgängerweg überquert hatten. Trotz Blick zur Seite konnten sie den BMW nicht sehen - ein Bus verdeckte ihre Sicht, zudem fuhr B. falsch herum auf ihrer Spur. „Tragisch“ sei der Unfall laut Heindl gewesen, die Schuld laste auf Victor B., er entschuldige sich. Aber nur über seine Anwälte. Selbst sprach der Todesraser kein Wort, sondern weinte nur.

Große Trauer: Mit Kerzen und Botschaften gedenken Freunde und Verwandte von Max dem totgerasten Schüler.

Mord-Anklage: Das ist die Rechtslage

Konnte Victor B. (35) darauf vertrauen, dass niemand zu Schaden kommt, obwohl er innerorts 124 km/h fuhr? Das ist die Frage, die einen bedingten Vorsatz klärt - und davon hängt ab, ob das Gericht den Raser wegen Mordes verurteilen kann oder nur wegen fahrlässiger Tötung. Auf Letzteres stehen maximal fünf Jahre Haft.

Angewendet werden kann beim Urteil aber auch der neue Paragraf 315d des Strafgesetzbuchs: Er wurde eingeführt, um illegale Rennen zu bestrafen, gilt aber auch für besonders rücksichtsloses Fahren - wie bei Victor B. in Laim. Wenn eine Person dadurch stirbt, kann der Fahrer laut Gesetz mittlerweile mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden. Auf Mord steht dagegen lebenslang.

Für Victor B. kommt laut Richterin Elisabeth Ehrl zudem auch die besondere Schwere der Schuld in Betracht, die Sicherungsverwahrung nach sich zieht. Er würde in diesem Fall nicht nach 15 Jahren freikommen. (A. Thieme) *tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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