1. tz
  2. München
  3. Stadt

Lichtblicke in der Krise: Wie tapfer bedürftige Münchner ihren Alltag meistern

Erstellt:

Von: Sascha Karowski

Kommentare

Die frühere Floristin Ingrid G. freut sich über einen Christstern und den lebensgroßen Nussknacker, neben dem sie hier steht.
Die frühere Floristin Ingrid G. freut sich über einen Christstern und einen lebensgroßen Nussknacker. © Markus Götzfried

Über eine Viertelmillion Menschen in München leben unter der Armutsschwelle. Wir berichten von vier Beispielen, die trotz ihrer prekären Situation das Leben mit Freude meistern.

München - In München sind circa 266.000 Menschen von Armut betroffen. Heißt: Sie haben weniger als 1540 Euro monatlich zur Verfügung. Auf Antrag von SPD und Grünen soll nun jährlich die Armutsschwelle angehoben werden, um mehr Münchner zu unterstützen. SPD-Fraktionschefin Anne Hübner: „Künftig sollen mehr Menschen schneller den München-Pass und damit ein MVV-Sozialticket und Heizkostenhilfen erhalten.“ Wer auch hilft: der Verein Münchner für Münchner. Der lädt jedes Jahr im Advent arme Rentner zum Essen ein. Vier von ihnen berichten hier, was Armut für sie heißt – und warum sie dennoch voller Lebensfreude sind.

Armut in München: Trachtenverein macht Freude

Auch wenn alles deutlich teurer wird und Senioren sich nur mühsam mit einer niedrigen Rente gegen die steigenden Preise behaupten können: Die Tradition bleibt und kostet nichts. Sie gibt Ronald Krause Kraft. Er ist seit 30 Jahren Mitglied im Trachtenverein Alpenrösl in Allach, dem ältesten in ganz Deutschland. „Wir organisieren im Advent Feste und Umzüge, bei denen wir durchs Dorf ziehen.“ Es gibt auch eine Nikolausfeier, „hier werden die Schandtaten der Alten aus der Vergangenheit vorgelesen“, sagt der 76-jährige Allacher lächelnd. Bei wöchentlichen Treffen verbringen die Mitglieder aus unterschiedlichen Generationen gemeinsam Zeit und tanzen. Außerdem sammelt Ronald Krause für eine Tombola bei der Nikolausfeier – das Engagement für den Verein ist seine liebste Beschäftigung im Advent.

Gruppentherapie gibt Halt

Früher nahm er Drogen, das ist vorbei. „Seit 20 Jahren bin ich nun sauber und versuche, mir mein Leben aufzubauen“, sagt Peter Kusch (62). Die Preise für Wohnungen seien aber sehr hoch und kaum bezahlbar, „deswegen bin ich froh, bei der Arbeiter-Wohlfahrt in Aubing wohnen zu dürfen“. Das Leben gehe weiter. Er ist Teil einer Gruppe, die sich Lebensgarten nennt. Eine Therapeutin leitet die Gesprächsrunde. Fünf Mitglieder sprechen darüber, was sie in ihrem Leben noch erreichen wollen. „Die Gruppe inspiriert mich wirklich sehr und ich habe dadurch auch Halt gefunden“, erzählt er. „Zwei Mitglieder der Gruppe singen im Chor, dem bin ich nun auch beigetreten, es macht mir unerwartet viel Spaß.“ Im Advent finden hier einige Veranstaltungen statt, wie am 22. Dezember eine Feier der Caritas Aubing.

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus München und der Region finden Sie auf tz.de/muenchen.

Blumen machen Ingrids Leben bunt

Ingrid G. möchte trotz ihrer geringen Rente ihrer Leidenschaft nachgehen – und das sind Blumen. „Deswegen bezahlen Bekannte die Blumen, die sie schön finden und ich gestalte dann daraus einen Strauß oder Kranz“, berichtet die frühere Floristin. „Dieses Jahr habe ich bereits sechs Adventskränze gemacht“, verrät sie. Außerdem hat die 80-jährige Sendlingerin auch schon für die Nachbarskinder Kleidung genäht und gehäkelt. Den Weihnachtsabend verbringt sie schließlich bei ihrer Nichte. Da trifft es sich gut, dass Ingrid auch das Dekorieren liebt. Deswegen ist sie auch für das Schmücken des Weihnachtsbaums zuständig. „Ich muss immer etwas Praktisches mit meinen Händen machen. Etwas Schönes zu schaffen, ist meine Art den Advent zu genießen.“

Spaß beim Schafkopfen und Kegeln

Da die Rente oftmals nur für die nötigste Lebensgrundlage und nicht für Freizeitvergnügen reicht, sind viele Senioren einsam. Dabei sind die Gemeinschaft und das Miteinander in der Adventszeit das Wichtigste für Georg Beindl. Deswegen ist er jeden Donnerstag im Advent bei der Arbeiter-Wohlfahrt in Laim. „Dort setzen wir uns zusammen und verbringen Zeit miteinander. Entweder wir spielen Schafkopfen und Kegeln, manchmal unterhalten wir uns aber auch einfach über unsere Gedanken und Probleme.“ Auch an Weihnachten ist der 66-jährige Münchner nicht alleine: „Heiligabend bin ich in der ,Community Kitchen‘ in Neuperlach“, berichtet er. Die Gründerin Günes Seyfarth rettet Lebensmittel vor dem Abfall und kocht dann daraus etwas für die Gäste. Auch die Feiertage sind schon verplant. „An den Weihnachtsfeiertagen besuche ich zwei gute Freunde, die ich aus der AWO Laim kenne.“

Regelmäßig, kostenfrei und immer aktuell: Wir stellen Ihnen alle News und Geschichten aus München zusammen und liefern sie Ihnen frei Haus per Mail in unserem brandneuen München-Newsletter. Melden Sie sich sofort an!

Auch interessant

Kommentare