Bombenalarm am Gymnasium Tutzing - Polizei durchsucht Gebäude

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"Warum schützt der Staat die Diebe meiner Rente?"

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Opfer Maria V. in der Filiale, vor der ihr die EC-Karten geklaut wurden.

München - Eine 91-jährige Münchnerin versteht die Welt nicht mehr: Diebe haben sie beim Bankbesuch ausgespäht, anschließend ihren Geldbeutel mit zwei EC-Karten gestohlen. Doch die Behörden verweigern die Hilfe.

Den Ganoven gelang es, 5200 Euro abzuheben. Die Überwachungskameras in mehreren Banken haben die mutmaßlichen Täter gefilmt. Nun kämpft die Seniorin schon seit einem halben Jahr um die Veröffentlichung der Bilder. Ihre Hoffnung: Dass ein Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer die Täter erkennt und diese so geschnappt werden. Doch die Münchner Staatsanwaltschaft hält die gestochen scharfen Bilder unter Verschluss. Es läge keine „Straftat von erheblicher Bedeutung“ vor, ließ die Justiz die Renterin in einem knappen Standardbrief wissen. Noch heute steht die Staatsanwaltschaft zu diesem Vorgehen (siehe hier). Die alte Dame hingegen fragt: „Warum schützt der Staat die Diebe meiner Rente?“ Lesen Sie hier die unglaubliche Geschichte:

Es ist der 7. Oktober 2009, der das Weltbild von Maria V. (91) völlig auf den Kopf stellt: Wie jeden Mittwoch geht die Rentnerin zum Wochenmarkt am Mangfallplatz, will Gemüse und Fleisch kaufen. Um 17.16 Uhr hebt sie an der Hypovereinsbank-Filiale 100 Euro ab. Als sie wieder heraustritt, spricht sie ein junger Mann an, ob er ihr helfen könne und den Rollator (mitsamt der daranhängenden Handtasche) hinunterheben dürfe.

„Ich habe mich gefreut, weil ich seit meiner Knie-OP auf Hilfe angewiesen bin. Und das war so ein sympathischer Mann.“ Die Masche geht auf: Schon um 18.02 Uhr kann der Täter mit einer der beiden geklauten EC-Karten die ersten 400 Euro vom Sparda-Konto abheben, zwei Minuten darauf gehen die nächsten 600 Euro vom Konto ab, 13 Minuten später 1000 Euro. Parallel dazu gehen 400, 500 und nochmal 400 Euro vom Hypo-Konto ab. An den unterschiedlichsten Bankautomaten im ganzen Stadtgebiet verteilt. „Auch die Polizei hat mir gesagt, dass da eine Profi-Bande am Werk gewesen sein muss.“

Und woher wussten die Betrüger die Pin-Nummer? „Wahrscheinlich haben sie mich vorher beim Abheben beobachtet – im Geldbeutel würde ich die nie aufbewahren“, sagt Maria V.. Weil das Tageslimit ausgeschöpft ist, müssen die Täter erst einmal warten. Um 00.12 Uhr geht’s aber wieder los mit mehreren Abhebungen – bis auch dieses Limit ausgeschöpft ist. Insgesamt heben die Täter knapp 5200 Euro ab, überziehen dabei sogar Maria V.’s Dispokredit.

Opfer Maria V.

Von all dem erfährt die Rentnerin erst am nächsten Tag, als sie ihr der Verlust des Geldbeutels auffällt und Tochter Theresa, die in der Wohnung darüber wohnt, sich ans Telefon klemmt. Die 51-jährige Betriebswirtin bekommt mit ihrer Hartnäckigkeit schnell alle Bankdaten und erstattet sofort Anzeige bei der Polizei. Das Kämpfen hat Theresa von ihrer Mutter gelernt. Ihre Mutter, die Buchhhalterin, hat die erste Tochter im Kriegsjahr 1944 geboren, kurz darauf wurde ihre Wohnung in der Lindwurmstraße ausgebombt. Als Theresa sieben Jahre alt war, kam der Vater bei einem Autounfall ums Leben, Maria stand alleine mit den Kindern da. „Aber sie ist eine Kämpfernatur und hat uns immer Mut gemacht“, sagt Theresa.

So erklärt die Staatsanwaltschaft die Justizschande

Im Januar diesen Jahres dann ein Hoffnungsschimmer für die Familie: Die Polizei hat Bilder von Überwachungskameras von den mutmaßlichen Tätern. Theresa: „Als ich die Bilder gesehen habe, dachte ich: ‚Das isses! Jetzt kriegen wir sie!“ Denn: Der Anfang dreißig Jahre alte Mann und seine blonde, etwas jüngere Begleiterin sind perfekt getroffen. Aus mehreren Perspektiven von oben und sogar im Profil ganz nah vor dem Automaten. „Ich wusste gar nicht, dass solche Aufnahmen so scharf sein können.“

Zu früh gehofft: Die Staatsanwaltschaft, die die Fahndungsfotos zur Veröffentlichung freigeben muss, verweigert das. Sie beruft sich auf Paragraph 131 b der Strafprozessordnung, die Gesetze würden keine andere Handlungsmöglichkeit lassen (siehe hier). Im April flattert ein kurzer Brief ins Haus, dass trotz eines Schadens in Höhe von 5180 Euro keine Straftat von erheblicher Bedeutung vorliege. „Wie wenig die Justiz das Schicksal meiner Mutter interessiert, zeigt sich schon daran, dass sie ganz schlampig fälschlicherweise Strafgesetzbuch statt Strafprozessordnung geschrieben haben.“

Maria V. kann es nicht fassen, sie schreibt einen Brief zurück: „Diese Straftat ist für mich schon von erheblicher Bedeutung.“ Sie habe sogar ein Darlehen aufnehmen müssen, weil die Bank den sofortigen Ausgleich des Dispos gefordert habe. Weiter schreibt sie: „Nimmt das Gericht an, dass es viele Rentner gibt, die so was leicht verkraften? Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel Geld auf einmal in der Hand gehabt.“

Auch auf diesen Brief hin bleibt die Staatsanwaltschaft hart. Glücklicherweise hat Maria V. mittlerweile von der Hypovereinsbank den Großteil des Geldes wiederbekommen. „Aber darum geht es mir nicht: Ich bin seit über 50 Jahren in der CSU aktiv und habe immer Vertrauen in den Staat gehabt. Das ist jetzt dahin. Noch viel schlimmer ist, dass diese Verbrecher geschützt werden und seelenruhig andere Bürger abzocken können – und ich nichts dagegen tun kann.“

Marias Kampfgeist schwindet, die Rentnerin ist ängstlich geworden. „Wir haben eine Videokamera an der Tür installiert. Trotzdem zitter’ ich jedes Mal, wenn es klingelt. Zum Glück hab ich meine Tochter.“ Denn die gibt noch lange nicht auf: „Ich habe schon überlegt, ob ich Phantomfotos zeichnen lasse und sie im Viertel aufhänge“, sagt Theresa. „Manchmal frage ich mich, was wäre, wenn ich die Fotos klauen und doch veröffentlichen würde: Dann kann mich zwar der Täter anzeigen – aber das würde dann zumindest heißen, dass sie ihn geschnappt haben.“

nba

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