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S-Bahn-Chaos in München: Ein Tag zeigt schonungslos, wo die Probleme liegen - Pikante Gerüchte

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Von: Dirk Walter

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Eine Münchner S-Bahn
Immer wieder kommt es bei der Münchner S-Bahn zu Verspätungen und Ausfällen. © Marc Müller / dpa

Kommt sie – oder kommt sie nicht? Diese Frage stellen sich Pendler der S-Bahn München derzeit fast täglich. Es häufen sich kleinere und größere Pannen. Ist das S-Bahn-System noch zu retten?

München – Montagabend (15. November): Mitten im Berufsverkehr, um 17.33 Uhr, schlägt der Streckenagent auf dem Handy an: hohe Streckenauslastung zwischen Pasing* und Ostbahnhof, dazu noch ein Polizeieinsatz wegen mehrerer Personen auf den Gleisen in Berg am Laim – es kommt zu „Beeinträchtigungen“.

Wie die aussehen, erlebt der Fahrgast zum Beispiel live am Hauptbahnhof*: Die Zugfolge ist völlig aus dem Takt. Binnen einer Viertelstunde kommen drei S 2-Züge, teils bis Dachau, teils bis Petershausen. Die S1 wird in die Haupthalle verbannt – sie fährt dann erst ab Hauptbahnhof und hält erstmals in Moosach*. Die S4 fällt aus, nach 40 Minuten kommt sie verkürzt mit zwei statt drei Zügen. An Abstand im Zug ist nicht zu denken, trotzdem quetschen sich die Leute in den Waggon.

S-Bahn-Chaos in München: Die Bahn entschuldigt sich – mal wieder

Für die bayerische Staatsregierung ist das ja kein Problem: „Die Maske* ersetzt den Abstand“, sagte Verkehrsministerin Kerstin Schreyer einmal. Unwohl ist einem trotzdem. Mittlerweile schlägt der Störungsagent hektisch aus: Verspätungen von bis zu 25 Minuten, Zugausfälle, vorzeitige Zugwenden. Das System kollabiert gegen 21 Uhr: Da ist auch noch ein Stellwerk bei Trudering kaputt. Der Pünktlichkeitswert an diesem Tag: katastrophale 69,9 Prozent. Normal wären 95 Prozent.

So oder so ähnlich ist es häufig. S-Bahn-Sprecher Florian Kreibe sagt in solchen Fällen das, was er sagen muss: „Wir möchten uns bei allen S-Bahn-Fahrgästen entschuldigen.“ Und dass „jede Störung eine zu viel“ ist.

Es gibt auch Tage, an denen die S-Bahn* tadellos fährt. Aber sie sind – subjektiver Eindruck – seltener geworden. Irgendwas ist immer. Auffällig dabei ist: Die Zahl der Infrastrukturprobleme nimmt zu – defekte Weichen, Probleme mit Signalen, störanfällige Stellwerke.

Immer mehr Verspätungen bei der Deutschen Bahn?

Das bestätigt auch eine Erhebung der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG). „Ein großer Anteil von Verspätungen* und Zugausfällen ist durch Beeinträchtigungen der Infrastruktur ausgelöst worden.“ Die BEG führt das auf das „hohe Bauvolumen“ zurück, es gebe einen „Abarbeitungsstau“ bei der Instandhaltung, der langsam aufgelöst werde, sagt Qualitätsmanager Wolfgang Oeser. Fakt ist: Im Oktober war jeder zehnte Zug zu spät. Weitere sieben Prozent aller Züge fielen ganz aus. Die S-Bahn ist am Limit.

Die Deutsche Bahn ist ein Megakonzern, der in 600 Einzelunternehmen zerfasert. Eines der größten ist die „DB Netz“, die für die Infrastruktur verantwortlich ist – also für Schienen, Weichen, Signale. Es ist jener Konzernbereich, der zuletzt 60 Prozent des DB-Gewinns erwirtschaftete. Denn für jeden Zug, der in Deutschland unterwegs ist, kassiert DB Netz Trassenentgelt. Es sind meist einige Euro je Kilometer. Und hier, sagen Kenner der Materie, beginnt das Problem. Achtet die DB Netz zu viel auf Wirtschaftlichkeit – und zu wenig auf Qualität?

DB Netz: Planungsfehler in Holzkirchen sorgt für „totales Chaos“

Bei der S-Bahn ist von „wichtigen Weichen an neuralgischen Stellen“ die Rede, die den Verkehr zuletzt empfindlich störten. Marodes Schienenmaterial ist das eine, Missmanagement das andere. Bei der Bayerischen Regiobahn (BRB) ist Geschäftsführer Arnulf Schuchmann von DB Netz schwer genervt – er machte den „Baustellenwahnsinn“ in einer beispiellos scharfen Pressemitteilung unlängst öffentlich.

Im Oberland hatte offenbar der Planungsfehler von DB Netz den Bahnverkehr der BRB fast zum Erliegen gebracht. Was war passiert? Ein offenbar unerfahrener Mitarbeiter hatte Bauarbeiten am Bahnhof Holzkirchen so geplant, dass nur eines der drei Durchfahrtgleise offen blieb – für Züge, die in drei Richtungen (Lenggries, Bayrischzell und Tegernsee) ausschwärmen sollen. Das war Fehler Nummer eins. Fehler Nummer zwei: Ein zweiter Planer erstellte einen Baustellenfahrplan für die BRB, ging dabei aber von zwei Durchfahrgleisen aus. Die Folge: Holzkirchen wurde zum Flaschenhals, die Züge stauten sich vor und hinter dem Bahnhof. „Das hat uns ins totale Chaos geführt“, schimpft ein BRB-Verantwortlicher. Er ärgert sich auch darüber, dass DB Netz auf Befehl der Zentrale in Berlin den Fehler nicht öffentlich zugeben durfte.

DB Netz: viel Geld, zu wenig Fachleute

8,5 Milliarden Euro – so viel Geld darf die DB Netz allein in diesem Jahr in Deutschland verbauen. Das ist Rekord, nie gab es so viel Geld für die Bahn. Aber es scheint so, als sei DB Netz damit überfordert. Es fehlt Personal, an richtigen Fachleuten, sagen Eingeweihte. „Die sind nicht richtig aufgestellt für dieses Bauvolumen.“

Bauarbeiten sind ein Problem, ein zweites sind die Züge. Die S-Bahn hat 238 Züge des Typs ET 423 mit Baujahr 1998 aufwärts, hinzu kommen drei Dutzend Züge des Typs ET 420. Diese Bauart stammt aus den 1970er Jahren, die in München eingesetzten Züge sind laut S-Bahn Teil der letzten Baureihe und seit 1993 auf der Schiene. Die Exemplare der alten Olympia-S-Bahn wurden seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts im Reparaturwerk Nürnberg überholt und aufs Münchner Gleis gesetzt.

S-Bahn München: Veraltete Züge

Problem: Der alte Zug ist sehr störanfällig, berichten Lokführer, oder zumindest „etwas wartungsintensiver“, wie Sprecher im schönsten Bahndeutsch erklärt. Unter den 600 Lokführern der S-Bahn München gibt es welche, die den ET 420 nicht fahren wollen, weil sie Sorge haben, auf freier Strecke liegen zu bleiben. „Wissenstransfer“ ist auch ein Problem, berichten Beschäftigte: Der ET 420 kann nicht schnell genug gewartet werden, weil Experten für den Uralt-Zug längst in Rente sind. Auch Ersatzteilversorgung ist schwierig.

Pikante Gerüchte: Müssen Münchner S-Bahnen in anderem Bundesland repariert werden?

Und dann sind da noch Gerüchte. Auf „Drehscheibe-online“, einem Fachforum für Bahnfreaks, wird von 70 S-Bahnen des Typs ET 423 berichtet, die für Reparaturen in die Werkstätte nach Hagen (Nordrhein-Westfalen) müssen. Die S-Bahn dementiert das. Aber richtig ist, dass auch der ET 423 in die Jahre kommt. Auch wenn die Züge in einem dreijährigen Aufhübschungsprogramm eben erst ein neues Design bekommen haben, gibt es immer wieder Schäden: Risse an den Faltenbälgen zwischen den Wagen, marode Fußböden.

Man werde, verspricht der Sprecher, die S-Bahn „weiter zukunftsfest“ machen. Aber er fügt vorsichtshalber hinzu: Bei 1100 Fahrten täglich „lassen sich Störungen nicht zu 100 Prozent vermeiden“. (dw) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Wir haben für jede S-Bahn-Linie eine Facebook-Gruppe gegründet, in der sich Fahrgäste selbst organisieren können: Bilden Sie Fahrgemeinschaften, wenn Ihre S-Bahn ausfällt. Organisieren Sie ein Taxi und teilen Sie sich mit mehreren die Kosten. Oder bitten Sie andere Betroffene schlicht um Hilfe - oder bieten Sie einen Platz in Ihrem Auto an. Zusammen mit anderen Pendlern sind Sie im S-Bahn-Chaos weniger allein.

Nutzen Sie die Gruppe Ihrer S-Bahn-Linie auch, um sich und andere darüber zu informieren, bis wann ungefähr mit Zug-Ausfällen und -Verspätungen zu rechnen ist. Hier gelangen Sie zur Liste aller S-Bahn-Gruppen auf Facebook.

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