Schneiderin Scherer sammelt seit 20 Jahren

Hannelore bietet Obdachlosen Hilfe nach Maß

Hannelore Scherer in ihrem Laden am St.-Jakobs-Platz. In einem Hinterstüberl ihres Geschäfts sammelt die 66-Jährige Altkleider, die sie jeden Samstag an Obdachlose verteilt Fotos: Sigi Jantz

München - Hannelore Scherer ist Schneiderin – und sie hat ein großes Herz. Sie hilft den Münchner Obdachlosen quasi nach Maß.

Schatzi, da bist du ja!“, ruft Hannelore Scherer. Ein hagerer Mann nähert sich der Menschentraube. „Hallo, liebe Frau Scherer“, flüstert er und lächelt. Hannelore Scherer drückt ihm ein Kräuterbonbon in die Hand. Dann dreht sie sich um und zupft ein Kleidungsstück aus der blauen Ikeatasche: „Wer möchte diese hübsche Jacke?“ Hannelore ist Schneiderin – und sie hat ein großes Herz. Sie hilft den Münchner Obdachlosen quasi nach Maß.

Es ist ein grauer Samstagmittag. Vor dem Backsteinhaus am St.-Jakobs-Platz stehen rund 20 Obdachlose an einer Treppe. Sie warten auf ihre warme Mahlzeit in der Suppenküche. Und wie jede Woche bringt Hannelore Scherer ihnen Kleiderspenden. Sie sammelt sie in ihrem Maßhemden-Laden auf der anderen Straßenseite. Scherer und ihr Geschäft gehören zur Altstadt.

Hinter den üppig geschmückten Schaufenstern von „Maßhemden Scherer“ steckt liebevolles Chaos. Die schwarzen Kleider der geschäftigen Schneiderin flattern, wenn sie zwischen den zu vollen Regalen und üppig behangenen Kleiderständern hin und her läuft. In Plastik gehüllte Hemden, Hüte, Taschen und Gürtel stapeln sich bis zur Decke. „Ob reich oder arm, dick oder dünn, jung oder alt: Zu mir kommen alle“, sagt Scherer.

Betritt ein Kunde das Geschäft, berät ihn Hannelore oft zwei Stunden lang. Aus 1800 Stoffen und 50 Kragen- und Manschettenformen kann der Kunde wählen: „Ich sehe bei jedem Kunden, welchen Kragen, welches Hemd er braucht.“

Das gilt auch für die Kleiderspenden. Seit 20 Jahren sammelt Scherer in einem versteckten Winkel ihres Ladens Altkleider. „Ich frage meine Kunden, ob sie etwas für meine Obdachlosen haben. Ich möchte Solidarität zeigen und habe gelernt, dass man im Leben nie aufgeben darf“, sagt die Schneiderin. „Das gilt auch für meine Leute. Die Obdachlosen sind doch wie meine Kinder.“

Nach 20 Jahren weiß Hannelore, wem welche Kleidung passen und gefallen könnte. Mit geübtem Griff legt sie ihr Maßband um die Hüfte eines Mannes. „Zu klein“, murmelt sie und fischt eine schwarze Jacke aus der Tüte. Eine Frau streicht über ihre neue fuchsfarbene Fellweste. „Wär ich ein bisschen jünger, könnte ich damit auf den Laufsteg“, witzelt sie. Ein Mann mit grau-blond gesträhnten Haaren beobachtet das Treiben. Ein großes silbernes Kreuz baumelt um seinen Hals. „Wir kommen schon oft hierher zu Frau Scherer“, sagt er gut gelaunt.

Olivia Kortas

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