Feilitzschstraße: Das Ende eines Kult-Viertels

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Diese Gebäude werden abgerissen.

München - Seit Generationen genießen die Münchner das Nachtleben rund um die Münchner Freiheit. Doch damit ist bald Schluss. Das einstige Künstlerviertel soll sich in den  zum Nobelquartier mit Luxuswohnungen entwickeln.

Auf dem Grundstück Feilitzschstraße 7–9 steht jetzt der große Abriss bevor. Neben der Kultkneipe Schwabinger 7 muss auch das Metropol-Kino ausziehen, ebenso Geschäfte und Restaurants wie Mamas Kebab Haus und der Klamottenladen Tight Shop. Bereits im Juli sollen die Bagger anrollen und auf dem 1700 Quadratmeter großen Grundstück Platz machen für ein exklusives Wohn- und Geschäftshaus. Die Hamburgische Immobilien Handlung (HIH) plant dort 35 Wohnungen mit einer Gesamtfläche von 4700 Quadratmetern, was einer Durchschnittsgröße von 134 Quadratmetern entspricht. Außerdem gibt es 550 Quadratmeter Einzelhandelsflächen im Erdgeschoss und 50 Tiefgaragen-Plätze. Baukosten: 37 Millionen Euro! Der Konsum hat über die Kultur gesiegt.

Die zweite Zerstörung Münchens: Bausünden nach dem 2. Weltkrieg

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Mamas Kebab Haus

Mittagspause ohne Döner

Seit 21 Jahren versorgt Mamas Kebab Haus Büroangestellte und Nachtschwärmer mit Spezialitäten. Vor allem der „Döner de Luxe“ (mit Rucola, Frühlingszwiebeln und Schafskäse) war ein beliebtes Schmankerl in Schwabing . Doch auch hier ist Ende Juni Schluss. Betreiber Hasan Arslan (42): „Wir haben immer versucht, gute Produkte anzubieten, wir machen unsere Dönerspieße selbst und kaufen sie nicht tiefgefroren als Massenware ein.“ Doch Arslan nimmt das Ende stoisch: „Jedes Ende hat einen Anfang.“ Er denkt über eine Rückkehr in seine ostanatolische Heimat nach. „Das wäre jammerschade“, sagt ein Mittagsgast. „So einen Imbiss findet man in ganz Schwabing nicht.“ Im neuen Haus seien, so ist des dem Prospekt zu entnehmen, keine Gaststätten mehr vorgesehen. Dem US-Schnellrestaurant um die Ecke mag das wohl nur recht sein …

Die ehemalige Filmburg, jetzt Monopol

1926 eröffnete das Kino

Das Monopol.

Im Jahr 1926, noch vor dem Krieg, beherbergte das Haus das Kino „Filmburg“. Nach Bombentreffern wurde es notdürftig wieder aufgebaut und hieß „Barbarella“ später „Broadway“. Dann wurde es zum „Aircraft-Aeroport-Cinema“. „Es war wie ein Flugzeug gestaltet mit Bullaugen und man saß in Flugzeugsitzen“, erinnert sich Christian Pfeil, Betreiber des Monopol-Kinos, das 2005 folgte. Pfeil betreibt mit seinem Geschäftspartner Markus Eisele das Monopol als werbefreies Programmkino, in dem auch die Filmkunstwochen stattfinden. Eintrittspreis: 7,50 Euro. Auch hier läuft der Mietvertrag Ende Juni aus. Das Monopol hat schon eine neue Bleibe gefunden. Eisele: „Wir ziehen um in die Schleißheimer Straße beim Nordbad, die Umbauarbeiten dort laufen schon.“

München - auferstanden aus Ruinen

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Schwabinger 7

Die 63 Jahre alte Schwabinger 7 stirbt

In einer zerbombten Nachkriegsbaracke entstand bereits 1948 die Schwabinger 7. „Das Haus wurde aus den Trümmern der Filmburg errichtet, die hier vor dem Krieg stand“, erinnert sich Gerd Waldhauser (69), der seit 1969 die Geschäfte in der Kultkneipe führt. „Zuerst war der Raum noch mit Teppichboden ausgelegt. Geschäftsmänner führten dort ihre Sekretärinnen aus.“

Seite an Seite mit Rockabillies, Hippies, Punks feierten die Gäste der Schwabinger 7. 63 Jahre lang war der Schuppen, errichtet aus einer Nachkriegsbaracke, Kult. Durch die Baumaßnahmen werden jetzt sechs Jahrzehnte ausgelöscht.

Anfang der 60er wurde die Sieben, so die Abkürzung, ein Jazz-Schuppen, der mit Tonband beschallt wurde. Seinen ersten Besuch in der Sieben stattete Waldhauser als junger Kerl ab. Mit einem Spezl schwänzte der gebürtige Oberammergauer eine Opernaufführung, die er mit der Schule besuchen sollte. „Wir landeten in der Sieben, seitdem komme ich da nicht mehr weg.“ Waldhauser studierte Betriebswirtschaft – wurde aber nicht Topmanager bei BMW, sondern Partner in seinem Stammlokal. Rockabillies, Beatniks, Hippies, Punks und Rastafaris feierten gemeinsam mit Münchner Promis: „Hier hat jeder mitgesoffen, egal wer er war.“ Der spätere RAF-Terrorist Andreas Bader soll hier ebenso verkehrt haben wie die Filmemacher Rainer Werner Fassbinder und Bernhard Wicki. Waldhauser: „Alle waren immer prall, ich auch. Und jeder hat sich selbst bedient.“

„Die 7 war mein Baby“, sagt Chef Gerd Waldhauser

Dass der Laden mit den nikotin-geschwärzten Wänden, in die Hunderte von Namen gekritzelt sind, nie zugesperrt wurde, grenzt an ein Wunder. Eine Erklärung: „Einmal kamen Polizisten, um den Laden zuzusperren. Sie blieben bis früh um 7 und wurden Stammgäste.“ Jetzt kommt das endgültige Aus, nachdem das Damoklesschwert der Schließung schon seit Jahren über der Sieben hing. Doch Waldhauser und seine Geschäftspartner haben eine neue Bleibe gefunden: Die „Gummizelle“, nur ein paar Häuser weiter, ist ein Keller-Raum in der Feilitzschstraße. Mit ihren Gittern und gepolstereten Wänden garantiert das Lokal auch künftig ein eigenwilliges Ambiente. Ein kleiner Trost für die Stammgäste der alten Sieben.

München Architektur: Stadtplanung und -Entwicklung

München Architektur: Stadtentwicklung und Stadtgestaltung

Tight Shop

Ausgekauft

Macht zu: der Tight Shop von Tim Reitzner und Daniel Schmidt.

Ganz hinten im graffitigeschmückten Innenhof verkaufen Daniel Schmidt und Tim Reitzner (beide 28) im Tight Shop Klamotten für Hip-Hopper: Baseball-Mützen, Hoodie-Pullover oder T-Shirts werden nach Wunsch bedruckt, bestickt, beflockt oder mit Strass-steinen beklebt. Schmidt: „Wir sind seit fünf Jahren hier, der Laden ist mit seiner Lage ideal.“ Fußballgrößen wie Holger Badstuber oder die Rapper Sido, Samy de Luxe und Basta Ryan zählen die beiden zu ihren Kunden.

Auch wenn die selbstgemachten Klamotten nicht ganz billig sind, können sie sich die Miete im Neubau wohl nicht mehr leisten. „Was in den Neubauten auf der anderen Straßenseite schon gezahlt wird, ist für uns völlig utopisch.“ Jetzt sind Schmidt und Reitzner auf der Suche nach einem neuen Laden: „Wir werden schon etwas Neues finden, doch um das Biotop, das hier entstanden ist, ist es schon jammerschade. Hier kennt jeder jeden und man hilft sich gegenseitig.“

Johannes Welte

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