Von Telefonverkäuferin überrumpelt

Skrupellos an der Haustür abgezockt: Schwerbehindertem wird Vodafone-Vertrag aufgeschwatzt

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Betreuerin Helga Lanvermann ärgert sich, dass Toni H. ein Telefonvertrag aufgeschwatzt wurde.

Einem geistig und körperlich behinderten Mann hat eine Werberin von Vodafone einen Vertrag aufgeschwatzt. Betreuerin findet es „eine Frechheit“. So reagiert der Konzern.

München - Geschulte Verkäufer schwatzen einem Behinderten einen Telefonvertrag auf. So geschehen in einem Fall, den wir dieses Mal schildern. Vor allem ältere Menschen werden immer wieder Verträge aufgeschwatzt, die sie nicht brauchen. An der Haustüre, per Telefon, aber auch in einem Telefonladen. Dort lässt man sie nicht gehen, bevor sie nicht einen für ihre Verhältnisse viel zu umfangreichen und teuren Vertrag abgeschlossen haben.

Leider sind solche im Laden abgeschlossene Verträge nicht ohne weiteres wieder rückgängig zu machen. Deswegen sollten vor allem ältere Menschen immer eine Begleitung mit in einen Telefonladen nehmen, der die Bedürfnisse der Person kennt und auch die Fachausdrücke, mit denen die Verkäufer gern um sich werfen, in normales Deutsch übersetzt.

Auch bei Verträgen, die am Telefon geschlossen werden, wird Schindluder getrieben. Durch eine geschickte Gesprächstechnik werden die Angerufenen dazu gebracht, auf verschiedene Fragen mit „Ja“ zu antworten. Dabei merken sie unter Umständen gar nicht, dass sie einem Vertrag zustimmen. Beschwert sich der unfreiwillige Kunde dann, kann die Firma den Mitschnitt als Beweis vorlegen.

Ihr Dietmar Gaiser

München: Unhöflichkeit ist oft am effektivsten

In solchen Fällen hat der Gesetzgeber allerdings eine Bremse eingebaut. Am Telefon abgeschlossene Verträge können innerhalb von 14 Tagen widerrufen werden. Die 14-Tage-Frist fängt an zu laufen, wenn beim Kunden eine schriftliche Belehrung über seine Rechte eingegangen ist. Wenn diese nicht eingeht, ist der Vertrag ungültig.

Den ganzen Ärger kann sich ein Angerufener allerdings sparen, wenn er bei einem ungebetenen Werbeanruf seine gute Kinderstube vergisst und schon bei der Frage „Sind Sie einverstanden, dass das Gespräch aufgezeichnet wird?“ entschieden „Nein“ sagt und auflegt.

München: So wurde der schwerbehinderte Toni H. abgezockt

Helga Lanvermann, Betreuerin aus München, berichtet: „Ich bin Betreuerin eines zu 100 Prozent schwerbehinderten Mannes, der wegen schwerster Hirnverletzungen in sämtlichen Lebensbereichen nicht selbst entscheiden kann. Er ist voll geschäftsunfähig. Ich besuche ihn mindestens einmal pro Woche, außerdem hat er eine Bekannte, die für ihn putzt. Diese Dame hatte eine Werberin von Vodafone, die meinem Betreuten einen Vertrag verkaufen wollte, bereits zweimal weggeschickt mit dem Hinweis, der Herr sei behindert und brauche das alles nicht.“

Die Werberin sei wiedergekommen, als H. Ende Juni einmal alleine war, erklärt die Betreuerin. Lanvermann erklärt weiter: „Sie schwatzte ihm einen Telefonvertrag auf mit schnellstem Internet, obwohl Toni H. ja gar keinen Computer hat. Zudem noch Privatsender-Abos. Zufällig entdeckte ich die Rechnung und die zugesendete Giga-TV-4K-Box sowie den WLAN-Router. Das ist eine Frechheit, einen offensichtlich geistig und körperlich Behinderten, der nicht viel Geld hat, so hinters Licht zu führen.“

München: Vodafone entschuldigt sich bei Toni H.

Zur tz sagte ein Vodafone-Sprecher, dass die freiberufliche Werberin, die für Vodafone Verträge verkauft, nicht erkennbar gewesen sei, dass Toni H. (65) nicht geschäftsfähig ist. Er lebe nicht im Pflegeheim. Schriftlich betont der Konzern: „Es ist auch nicht ihr Job, so etwas zu erkennen, zu hinterfragen oder zu entscheiden, wem ein Produkt der Vodafone Kabel Deutschland zusteht.“ Da Toni H. nicht geschäftsfähig ist, war der Vertrag schnell aus der Welt.

Vodafone schrieb, die Werberin sei „eine sehr angesehene Beraterin, die ihrem Beruf mit beispielloser und höchster Sorgfalt, wie auch ethischen Grundsätzen nachgeht“. Das macht Betreuerin Helga Lanvermann wütend. Toni H. ist ein sehr netter Mann, aber man merkt sofort, dass er verlangsamt spricht, schlecht hört und sieht und schwankend geht. „Einem Mann ohne Computer, der nicht mal in der Lage ist, ein Telefon richtig zu bedienen, schnelles Internet und Privatfernseh-Schnickschnack zu verkaufen, ist in meinen Augen kein Beleg höchster Sorgfalt“, sagt Helga Lanvermann. Gegenüber der tz gab der Konzern zu bedenken, dass Senioren oft für die Enkel WLAN wollen – auch wenn sie selbst keinen Computer nutzen.

Toni H. selbst hat sich ein bisserl geschämt, dass er den Vertrag unterschrieben hatte. Die Werberin sei halt so nett gewesen, sagte er. Da der Vertrag storniert wurde, muss er nichts bezahlen. Von Vodafone kam letztlich doch noch eine Entschuldigung: „Wir bitten die Betreuerin von Herrn H. um Entschuldigung für Ihre Unannehmlichkeiten in dieser Sache.“

München: Das sind die üblen Tricks der Werber und so wehren Sie sich

Verträge am Telefon: Obwohl seit 2009 das Gesetz zur Bekämpfung unerlaubter Telefonwerbung und seit 2013 das Anti-Abzocke-Gesetz gelten, reißt die Zahl unerwünschter Anrufe unseriöser Firmen nicht ab, ärgert sich Esther Jontofsohn-Birnbaum, Fachberaterin für Verbraucherfragen bei der Verbraucherzentrale Bayern. „Die Zahl der Beschwerden bei uns und der Bundesnetzagentur zu unerlaubter Telefonwerbung steigen weiter an.“

Zwar ist Telefonwerbung ohne eine vorherige ausdrückliche Einwilligung rechtswidrig. Trotzdem können telefonisch geschlossene Verträge in vielen Fällen rechtlich wirksam sein.

Verträge mit Unternehmen, die Telekommunikationsdienstleistungen oder Strom, aber auch Finanzprodukte oder Versicherungen, Haushaltsgeräte oder Abonnements verkaufen wollen, können am Telefon weiterhin ohne eine schriftliche Bestätigung geschlossen werden.

Verbraucher können jedoch telefonisch geschlossene Verträge in der Regel innerhalb von 14 Tagen widerrufen.

Das Anti-Abzocke-Gesetz von 2013 sieht Bußgelder bei unerlaubten Anrufen vor. Das Gesetz regelt außerdem, dass telefonisch angebahnte Verträge bei Gewinnspielen erst nach schriftlicher Bestätigung wirksam werden.

Haustürgeschäfte: Ein Werber klingelt an der Tür, spricht einen auf der Straße an oder taucht am Arbeitsplatz auf. Und ehe man sich versieht, hat man etwas unterschrieben. „Bei derartig angebahnten Verträgen sollte man äußerst vorsichtig sein: Oftmals handelt es sich um geschulte Vertreter, die darin geübt sind, den Überraschungseffekt auszunutzen“, warnt die Verbraucherschützerin. An der Haustür hat man nicht die Möglichkeit, Verträge zu vergleichen. Man ist unvorbereitet und dadurch empfänglicher für die Anpreisungen des Vertreters.

Hat man doch einen Vertrag an der Haustür abgeschlossen, ist der Vertrag zwar wirksam, man kann ihn aber in aller Regel widerrufen. Durch einen Widerruf innerhalb von 14 Tagen ist man nicht mehr an den Vertrag gebunden.

Kaffeefahrten: Oft locken die Veranstalter von Werbefahrten in Inseraten und Hauswurfsendungen mit niedrigen Preisen, versprechen den Teilnehmern Geschenke, ein leckeres Mittagessen und natürlich viele Schnäppchen bei der Verkaufsshow. Die findet meist in einem abgelegenen Lokal fern von touristischen Attraktionen statt, damit auch möglichst alle Reisende daran teilnehmen.

Geschulte Verkäufer bieten dort ihre Waren an und animieren zum Einkaufen. Wer auf einer Freizeitveranstaltung wie einer Kaffeefahrt Waren erwirbt und dies im Nachhinein bereut, muss nicht am Kaufvertrag festhalten.

Der Verbraucher kann innerhalb von 14 Tagen ab Vertragsschluss bzw. ab Erhalt der Waren ohne Begründung vom Kaufvertrag Abstand nehmen.

Wichtiges zum Widerrufsrecht: Die Widerrufsfrist beträgt mindestens 14 Tage. Sie beginnt mit Vertragsschluss, aber nicht bevor Verbraucher die Ware erhalten haben und der Unternehmer über das Widerrufsrecht informiert hat.

Wurden man nicht über das Widerrufsrecht informiert, so erlischt das Widerrufsrecht spätestens nach 12 Monaten und 14 Tagen.

Den Widerruf muss man gegenüber dem Vertragspartner erklären. Es reicht nicht aus, die Ware einfach zurückzusenden. Eine Begründung muss man nicht mitliefern. Da Verbraucher die Absendung des Widerrufs im Streitfall beweisen müssen, ist es ratsam, den Widerruf per Einschreiben (etwa per Einwurf-Einschreiben) zu verschicken.

In der vergangenen Woche haben wir über einen Münchner berichtet, der bei der Entfernung eines Wespennests abgezockt worden ist. Die Münchner Polizei warnte zu Beginn des Jahres vor einer Masche von Telefon-Abzockern.

Video: Verbraucherzentrale warnt: Neue Abzock-Masche am Telefon

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