Evangelisches Pflegezentrum der Inneren Mission 

Altenpflege zwischen Berufung und Knochenjob - tz-Redakteurin erhält ungewohnte Einblicke

tz-Redakteurin Daniela Schmitt (re.) besucht Inge Jakob. 
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tz-Redakteurin Daniela Schmitt (re.) besucht Inge Jakob. 

tz-Redakteurin Daniela Schmitt blickt im Evangelischen Pflegezentrum der Inneren Mission hinter die Kulissen. Eine Gratwanderung zwischen Berufung und Knochenjob.

  • tz-Redakteurin Daniela Schmitt verbringt einen Tag im Evangelischen Pflegezentrum der inneren Mission in Sendling. 
  • Sie lernt die Arbeit der Altenpfleger kennen - eine Gratwanderung zwischen Berufung und Knochenjob.
  • „Mein Tag als Schwester Dani!“

München - Mit kleinen, schnellen Schritten läuft Claudia Fischer den Flur entlang. Der Teppichboden dämpft ihre Schritte. Sie trägt ein Tablett mit bunten Becherchen. An den Zimmertüren hängen Bilder – farbenfrohe Landschaften, ein Poster von Chuck Berry. Wer da wohl wohnt, frage ich mich. Bestimmt ein jung gebliebener Senior. Gibt es so etwas überhaupt in einem Pflegezentrum?

Ich habe keine Zeit, weiter nachzudenken: Claudia Fischer ist schon im Speisesaal verschwunden, wo sie die Becher mit den Medikamenten an Bewohner verteilt. Es ist kurz vor dem Abendessen im Evangelischen Pflegezentrum  der Inneren Mission in Sendling. Claudia Fischer ist seit 13 Uhr im Dienst. Sie hat heute Spätschicht bis 21.30 Uhr. Ich, tz-Redakteurin Daniela Schmitt, darf sie begleiten. Mein Tag als Schwester Dani!

München: Evangelisches Pflegezentrum der Inneren Mission in Sendling

Seit fünf Jahren arbeitet Claudia Fischer (35) in der Einrichtung an der Baierbrunner Straße. Ihre Ausbildung absolvierte die Gesundheits- und Krankenpflegerin vor 19 Jahren in einem Krankenhaus. „Ich habe dann aber gemerkt, dass ich doch in die Altenpflege möchte, weil ich die Menschen länger begleiten kann.“ Sie kennt die Bewohner hier größtenteils seit dem Einzug. „Ich weiß, wie sie in bestimmten Situationen reagieren.“

Krankenpflegerin Claudia Fischer. 

205 Senioren leben momentan in der Einrichtung, betreut von 100 Pflegekräften. Klingt erst mal viel – aber die Zahlen relativieren sich schnell, wenn man einrechnet, dass hier im Schichtbetrieb gearbeitet wird: Es muss ja immer jemand da sein. Am Ende sind auf einer Station drei bis vier Pflegefach- und Hilfskräfte für 36 Senioren zuständig. Und: Dieses Heim hier ist im Vergleich zu anderen gut ausgestattet. Als Pflegerin zu arbeiten: Das ist auf der einen Seite zwar Berufung – auf der anderen Seite aber auch ein Knochenjob.

Altenpflege in München: Personalmangel - auch beim Evangelischen Pflegezentrum in Sendling

Etwa 75 Prozent der Belegschaft hat Migrationshintergrund: Philippinen, Vietnamesen, Kroaten, Italiener. Wegen des Personalmangels werden viele Kräfte aus dem Ausland rekrutiert. Die Anforderungen an die Pfleger sind hoch, wie überall in der Branche. Fischer erzählt mir, dass die Zahl der Menschen, die an der Basis arbeiten wollen, wegen der hohen Belastung immer kleiner wird.

Im „Sonnengarten“ im lichtdurchfluteten Erdgeschoss werden Menschen betreut, die an Demenz erkrankt sind und das Haus nicht verlassen dürfen, weil sie sich sonst selbst in Gefahr bringen könnten. „Wir sind rund gebaut, damit die Leute auch drinnen ihren Bewegungsdrang ausleben können“, erklärt Rossana Noe, Assistentin der Einrichtungsleitung. Ganz oben, im fünften Stock, leben die „rüstigen Senioren“ in Ein- bis Drei-Zimmer-Appartments. Diese Plätze sind begehrt. Zwei bis drei Jahre beträgt die Wartezeit für eine der 20 Wohnungen.

München-Sendling: Evangelisches Pflegezentrum der Inneren Mission - zwischen Berufung und Knochenjob

Claudia Fischer kümmert sich um 36 pflegebedürftige Bewohner im Wohnbereich 4. Dort leben auch Inge Jakob (77) und ihr Mann Josef (77). An der Tür hängt ein Bild von Cinque Terre, Italien. Früher, erzählt sie mir, sei sie oft mit ihrem Mann verreist. Doch nach einem Stammhirninfarkt 2013 sei er in die Demenz abgerutscht. Inge Jakob ist trotz Rollstuhl noch fit, Tanzen ist ihre Leidenschaft. „Früher“, sagt sie, und ihre Augen leuchten, „da hab ich getanzt wie der Lump am Stecken“. Möglichkeiten, etwas zu unternehmen, hätte sie viele. „Aber ich will meinem Mann nicht alleine lassen. Wir sind seit 51 Jahren verheiratet.“ Sie haben getrennte Zimmer, weil Josef mehr Pflege braucht. Dass sie auch im Heim selbständig bleibt, ist Inge Jakob wichtig. „Ich lasse keinen an meine Sachen ran, das mache ich selber.“

Evangelisches Pflegezentrum der Inneren Mission in München Sendling. 

Jetzt muss es aber schnell gehen: Claudia Fischer bereitet vor dem Abendessen Tropfen vor. Viele Bewohner bekommen Schmerzmittel. Hier ist genaues Zählen wichtig. Ich helfe. 20 Tropfen muss ich abzählen und dabei gut aufpassen. Die Verantwortung ist groß. Es geht darum, alten Menschen die letzte Phase ihres Lebens so würdevoll und angenehm wie möglich zu gestalten. Schmerz, Leid und Tod gehören zum Arbeiten im Altenheim. Man brauche Einfühlungsvermögen, sagt Fischer. „Ich werde einen Menschen, der im Sterben liegt, nicht mehr von Kopf bis Fuß waschen, weil das eine Strapaze ohne Ende ist.“

Altenpflege in München: -Redakteurin Daniela Schmitt verbringt einen Tag als Altenpflegerin

tz-Reporterin Daniela Schmitt (li.) im Gespräch mit Pflegeheim-Bewohnerin Josefine Tietze.

Im Speiselsaal riecht es würzig. Es gibt Suppe als Vorspeise, ich verteile die Teller. Die meisten Bewohner nehmen keine Notiz von mir, ein paar mustern mich neugierig. So wie Josefine Tietze (82), eine zierliche Dame, die sich nach einem Schlaganfall mit dem Sprechen schwer tut. Claudia Fischer misst ihren Blutzucker: leicht erhöht. „Haben sie heute beim Kuchen zugelangt“, fragt Fischer mit gespielter Strenge. Die Seniorin schüttelt energisch den Kopf. „Nur ein großes Stück und einen Kaffee. Aber ich habe nicht gesündigt.“ Sie erzählt mir, dass sie nach dem Krieg aus dem Sudetenland vertrieben wurde und in München Verkäuferin in einer Metzgerei war.

Während ich noch mit Josefine Tietze spreche, eilt Claudia Fischer wieder über die Gänge – rund zehn Kilometer legt sie in einer Schicht zurück. Einigen Bewohnern bringt sie Essen aufs Zimmer. Sie verteilt Inkontinenzmaterial, bereitet Zahnprothesen vor. Nach dem Essen wartet sie auf die Apotheke, die Medikamente liefert. Dann beginnt sie mit der Abendversorgung – waschen, Zähne putzen, umziehen. Auch die „Lagerung“, das Umbetten der Bewohner, damit sie sich nicht wund liegen, gehört zu ihren Aufgaben.

München: „Mein Tag als Schwester Dani“ - tz-Redakteurin Daniela Schmitt

Sie mag den Wechsel zwischen den Schichten. „Nur so lernt man die Bewohner richtig kennen.“ Dass ihr Beruf oft negativ dargestellt wird, ärgert sie. „Für mich ist es ein Traumberuf. Wenn man sich auf den Menschen einlässt und einen Zugang findet, nimmt das auch die Schwere raus.“ Klar sei ein Pflegeheim auch ein Wirtschaftsunternehmen. „Aber wenn die Bürokratie in diesem Beruf überhand nimmt, finde ich das schlimm. Man kann die Arbeit nicht gut machen ohne das Interesse an den Menschen.“

Für mich neigt sich die Schnupperschicht dem Ende zu. Auf dem Heimweg muss ich an die Worte von Inge Jakob denken: „Wenn mich der liebe Gott einmal holt, bitte ich ihn darum, noch einmal tanzen zu dürfen.“ Es gibt sie, die Junggebliebenen im Altenheim

Video: Personalmangel in der Altenpflege

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