Henriette Jordan sucht eine „charmante Baracke“

Kündigung: Restauratorin muss raus - Mieter gewerblich genutzter Räume offenbar schlechter geschützt

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Restauratorin aus Leidenschaft: Henriette Jordan in ihrer Münchner Werkstatt.

Seit gut zehn Jahren restauriert Henriette Jordan jetzt schon Möbelstücke in einer Hinterhofwerkstatt in der Zielstattstraße. Jetzt flatterte der 41-Jährigen die Kündigung ins Haus.

  • Henriette Jordan muss nach zehn Jahren in ihrer Hinterhofwerkstatt in der Zielstattstraße raus.
  • Die Eigentümer wollen das alte Gebäude im Gewerbegebiet abreißen und neu bauen.
  • Weil die Mieter gewerblich genutzter Räume schlechter geschützt sind als Wohnraummieter, muss sie sich jetzt nach neuen Räumen umsehen.

München - Sie hat schon riesige Räume vergoldet, selbst aber sucht sie „eine charmante Baracke, in die es nicht reinregnet“, sagt Henriette Jordan: „Das klingt seltsam, ist aber die Wahrheit.“ Die 41-Jährige restauriert seit fast zehn Jahren in einer Hinterhofwerkstatt an der Zielstattstraße in Sendling Antiquitäten – und fliegt nun zum 31. März raus.

Die Eigentümer wollen das alte Gebäude im Gewerbegebiet abreißen und neu bauen. „Ich wusste immer, irgendwann ist es vorbei“, sagt Henriette Jordan. Die Kündigung jetzt ist trotzdem ein Schock für sie. Wo sie hin soll, weiß sie nicht. „Im schlimmsten Fall muss ich meine Maschinen und Werkzeuge einlagern“, sagt sie. 

Drama um Hinterhofwerkstatt in München-Sendling: 41-jährige Restauratorin muss raus

Neue Aufträge nimmt sie nicht mehr an – bis März muss noch einiges fertig werden: etwa ein wertvoller Parkettboden aus dem Schloss Esterhazy südlich von Wien. Jordan verwendet das gleiche Holz und den gleichen Leim wie beim Original – Restaurieren ist ein wenig wie Detektivarbeit.

Um das alles zu können, hat sie in München und in Florenz studiert. Auch ins Fernsehen hat sie es schon geschafft: Für die Sendung „Dein bestes Stück“ bei DMAX restaurierte sie einen Biedermeier-Sekretär der Schauspielerin Dana Geißler, der früher mal deren Großtante, der berühmten Puppenmacherin Käthe Kruse, gehört hatte.

Video: Wie teuer sind Wohnungen in München?

Gewerbemieter sind deutlich schlechter geschützt als Wohnmieter – der Gesetzgeber geht davon aus, dass beide Geschäftsleute quasi auf Augenhöhe agieren. Kündigen können Vermieter ohne Grund – im Gegensatz zum Wohnraum-Mietrecht. Kündigungsfristen können im Gewerbe-Mietrecht frei vereinbart werden, ansonsten gilt eine Frist von sechs Monaten. 

Im Gewerbemietrecht gilt keine Mietpreisbremse, und auch der Mietspiegel ist unerheblich. Wie hoch die Miete ist, können die Parteien alleine aushandeln. In den meisten Fällen wird ein monatlicher Festpreis vereinbart. Manchmal wird die Miete auch abhängig gemacht vom Umsatz. Bei den Nebenkosten sind Preise pro Quadratmeter oder Pauschalpreise üblich.

München-Sendling: Restauratorin muss raus - nach zehn Jahren in der Hinterhofwerkstatt

Die Werkstatt an der Zielstattstraße war für sie optimal: Ebenerdig, mit einer großen Eingangstüre. „Ich habe mich umgeschaut, wo es so etwas noch gibt – und in Brandenburg viel gefunden, aber nichts hier in München“, sagt sie. Auch die Hausverwalterin bedauert die Kündigung: „Es war von Anfang an klar, dass irgendwann gebaut wird, aber mir tut das selbst auch leid, zu sehen, dass die kleinen charmanten Hinterhofwerkstätten, die es früher in München ja überall gab, immer weiter verschwinden.“

Die charmante Hinterhofwerkstatt in Sendling muss einem Neubau weichen.

Diese Entwicklung sei die Folge davon, dass München boomt und viel gebaut wird. „Der Traum eines Restaurators ist ein Schwabinger Hinterhof, aber klar, so etwas zu finden, wird von Jahr zu Jahr mehr unrealistisch“, sagt Henriette Jordan.

München-Sendling: Nach Kündigung sucht Restauratorin „eine charmante Baracke“

Die Stadt zu verlassen, kommt für sie trotzdem nicht infrage. Höchstens für außergewöhnliche Aufträge. Für solche ist sie schon weit gefahren: Nach Taschkent in Usbekistan, wo sie gemeinsam mit anderen Handwerkern 2288 Quadratmeter Wände eines Kongresszentrums vergoldete. Oder nach Baku in Aserbaidschan, wo es galt, einen Flaggenplatz zu vergolden. „Das Gold dazu kam übrigens auch aus Bayern: Die Goldschlägerei in Schwabach bei Nürnberg hat weltweit einen hervorragenden Ruf“, sagt die 41-Jährige. Ebenso die Kunst der deutschen Handwerker und Restaurateure. „Deutschland und insbesondere München ist bekannt für gutes Handwerk.“ Bleibt zu hoffen, dass München auch künftig noch Platz hat für die Menschen, die sich mit der Handwerkskunst auskennen.

In Sendling hat auch ein beliebtes Lokal kürzlich die Kündigung erhalten - und muss im Januar die Pforten schließen. 

Nach 44 Jahren flatterte im März 2019 auch dem 89 Jahre alten Rudolf Kluge die Kündigung seiner Wohnung ins Haus. Für den Rentner brach eine Welt zusammen - und er wehrte sich. Schließlich entschied das Gericht: Kluge muss seine Wohnung doch nicht verlassen. Auch einer Münchnerin (69) wurde nach 40 Jahren ihre Wohnung gekündigt. Die Wohnungssuche bewertet sie als „immer aussichtsloser“

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