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Versteckte Armut in München: Frau erhält dringend benötigte Unterstützung - „Einmal kaufen, was ich will“

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Von: Regina Mittermeier

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Verein LichtBlick Seniorenhilfe e.V. hilft armen Rentnern
Der Kühlschrank von Brigitte J. bleibt oft leer - jetzt konnte sie dank der Soforthilfe einkaufen, was sie gern isst. © Jens Hartmann fuer tz

Wegen steigender Preise haben viele bedürftige Rentner kein Geld für Lebensmittel. Der Verein Lichtblick hilft nun jenen, die nur knapp über der Grenze für Sozialleistungen liegen. Brigitte J. ist eine von ihnen.

München - Erst wenn die letzte Scheibe Käse weg ist, erst wenn der Joghurtbecher ausgelöffelt ist, erst dann geht Brigitte J. (73) wieder einkaufen. Weil ihre Rente nicht reicht, kauft sie nur das Nötigste. Umso mehr freut sie sich über die 150 Euro Soforthilfe, die sie von der Lichtblick Seniorenhilfe bekommen hat. Ein Segen in Zeiten der Inflation. „Damit konnte ich einmal kaufen, was ich will.“ Das ist etwa ein Blumenkohl für 2,99 Euro. Der ist sonst zu teuer.

Brigitte J. rechnet vor: Von ihren 1093 Euro Rente gehen rund 460 Euro für die Miete drauf. Die Wohnung in Berg am Laim in München hat ihr das Amt vermittelt, denn sie liegt unter der Einkommensgrenze von 22.600 Euro pro Jahr. Dazu kommen 50 Euro Stromkosten, 18 Euro GEZ-Gebühren, fast 35 Euro Arztkosten, acht Euro Hundesteuer und 100 Euro für die Kredit-Tilgung.

München: Unterm Strich bleiben so knapp über 400 Euro zum Leben

Unterm Strich bleiben so knapp über 400 Euro zum Leben – und manchmal reicht das einfach nicht. Etwa wenn sie eine Tierarztrechnung über 160 Euro bezahlen muss, weil ihr Hund verletzt ist. J. wohnt alleine, sie liebt ihren Mitbewohner auf vier Pfoten über alles.

Brigitte J. hat sich an Lichtblick gewandt – ursprünglich eigentlich, um Kontakte bei kostenlosen Treffs zu knüpfen. Bekommen hat sie viel mehr. Neben Spielenachmittagen mit kostenlosem Kaffee und Kuchen hilft der Verein auch mal beim Kauf von Kleidung oder Schuhen. Und das MVV-Monatsticket von Brigitte J. wird ebenfalls bezahlt. Manchmal kann sie immer noch nicht glauben, dass sie so unterstützt wird. Jetzt hat sie die 150 Euro Lebensmittel-Zuschuss bekommen – und sich zum Beispiel Aprikosen und den geliebten Blumenkohl gekauft.

Brigitte J. arbeitete bis kurz vor ihrem 70. Geburtstag - Verein will unbürokratisch helfen

Brigitte J. hat ihre Kindheit in Waisenhäusern verbracht. Sie ist in den Nachkriegsjahren aufgewachsen, in einer Zeit voller Entbehrungen und ohne Liebe. Nie habe jemand sie nach ihren Wünschen gefragt, sagt sie. Später wurde J. selbst Erzieherin und arbeitete ihr ganzes Leben bis kurz vor ihrem 70. Geburtstag.

So kommt man an das Geld

Bedürftige Rentner leiden extrem unter der Inflation – und viele wissen schon Mitte des Monats nicht mehr, wovon sie sich ihr Essen kaufen sollen. Wer kein Geld mehr hat und keinen Ausweg sieht, kann sich bei der Seniorenhilfe Lichtblick (in der Schweigerstraße 15) melden. Unterstützt wird jeder bedürftige Rentner, der mindestens 60 Jahre alt ist. Zudem darf sie oder er zu der knappen Rente weder Wohngeld noch Grundsicherung beziehen – sondern muss knapp über der Bemessungsgrenze für die Grundsicherung liegen. Wer diese Kriterien erfüllt, kann einfach vorbeikommen, anrufen unter 089/67 97 10 10 oder eine E-Mail ­an ­info@seniorenhilfe-lichtblick.de schicken. Immer mehr Rentner sind bedürftig, allein 2021 hat der Verein mit 460 000 Euro geholfen. Tendenz: steigend. Deshalb ist Lichtblick verstärkt auf Hilfe angewiesen. Wer also spenden will – hier das Spendenkonto bei der Sparda-Bank: IBAN: DE30 7009 0500 0004 9010 10 BIC: GENODEF1S04

Lichtblick-Gründerin Lydia Staltner weiß von der Scham vieler Rentner, die ihr Leben lang gearbeitet haben und deren Rente dennoch nur für das Notwendigste reicht. Staltner nennt sie die „versteckten Armen“, weil sie nach dem Gesetz nicht bedürftig sind. Tatsächlich leben sie aber in Armut.

Um sie aufzufangen, hat sie vor 19 Jahren Lichtblick gegründet. Für die Soforthilfe wurden nun 300.000 Euro unbürokratisch und schnell verteilt. 2000 Rentner haben die 150 Euro Soforthilfe bekommen. Für manch einen mag das nicht viel sein. Für Brigitte J. und viele andere Senioren bedeutet das aber Geld weniger Sorgen und mehr Lebensfreude.

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