Fahrzeugmodernisierung

So sieht die S-Bahn der Zukunft aus - ab Montag strahlen die Züge in neuem Design

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Ein Blick in die neuen S-Bahnen. Ab Montag beginnt nach und nach der Umbau.

Alle 238 Münchner S-Bahn-Züge erhalten ein neues Innendesign. Am Montag kommt der erste Zug aus der Werkstatt. Er ist das Werk von Industriedesigner Matthias Fischer – dem Mann, der der S-Bahn die Ideen gab.

München - Es ist die größte Fahrzeugmodernisierung der Deutschen Bahn: 34 000 neue Sitzpolster, 1904 Monitore, 36 000 Quadratmeter neuer Fußbodenbelag – alle S-Bahnen werden bis Ende 2020 innen rundum erneuert. Sitze, Haltegriffe, Gepäckablagen – alles wird anders. Ein „offeneres Raumkonzept“ verspricht die Bahn. Ob das Design gelungen ist, davon können sich die Fahrgäste ab kommender Woche selbst überzeugen. Dann kommt der erste Zug aus der Krefelder DB-Werkstatt zurück. Am Montag wird er offiziell in München vorgestellt, ab Donnerstag fährt er im normalen S-Bahn-Netz.

In seinem Büro in der Isarvorstadt schaltet Matthias Fischer, 38 Jahre alt, den Beamer an. Viele bunte Bilder ploppen auf, eine neue Bahn-Welt, futuristisch und irgendwie ganz anders. Fischer ist der Mann zum Zug, derjenige, der der S-Bahn einen Hauch von Schick verpasste. Er kommt gerade aus Graz, wo er seine Erfindung, den „Ideenzug“, präsentiert hat. Er ist das Paradestück aus Fischers Büro „Neomind“: ein Zugwaggon mit 22 Modulen, eines verrückter als das andere. Mit Fitnessabteilen, Entertainment, Public Viewing und Privatkabinen zum konzentrierten Arbeiten, aber auch zum „Power Napping“ – das heißt Kurzzeitschlafen.

Entworfen hat die neue S-Bahn ein Team um Matthias Fischer vom Industriedesign-Büro Neomind. 

Alles pure Utopie. Oder vielleicht doch nicht? Die S-Bahn kam gerade recht. Der Auftrag der S-Bahn München und der Bayerischen Eisenbahngesellschaft lautete: „Pimp my train“ – motz die alten Züge auf. Ein Praxistest für täglich 840 000 Fahrgäste.

Fischer ging bei dem Technikdesigner Alexander Neumeister in die Schule, einem Großmeister seines Faches, der unter anderem den ICE 3 entworfen hat. Er lernte dort, wie der Fahrgast tickt. Es gibt nur ein Problem dabei: Wer ist „der“ Fahrgast? Die S-Bahn, sagt Fischer, nutzt jeder – „der digitalaffine Berufspendler genauso wie der mobilitätseingeschränkte Senior“. Jeder hat individuelle Bedürfnisse, die sich oft widersprechen. Dennoch gibt es Dinge, die „der“ Fahrgast schichtübergreifend beachtet haben wissen will. Häufig unterschätzt, sagt Fischer, wird zum Beispiel das Bedürfnis nach einem Minimum an Privatsphäre. Es gibt Bahnverweigerer, die das Verkehrsmittel meiden, weil sie schlicht Angst vor Ansteckungen durch hustende Fahrgäste haben. Aus dieser Erkenntnis entwickelte Fischer die Idee von „My Cabin“, also ein Privatabteil, wo der Kunde auch ungestört arbeiten kann. Das geht natürlich in einer S-Bahn nicht, vielleicht aber mal in einem ICE der Zukunft.

Am Montag beginnt die S-Bahn der Zukunft - und die sieht ungefähr so aus, wie diese Visualisierung. Es gibt Eckbänke, Haltepilze und mehr Freiflächen.

Auch mit Licht, sagt Fischer, lässt sich arbeiten. Früher funzelten in den S-Bahnen schlichte Neonröhren und versprühten den kargen atmosphärischen Charme eines Kellerraums. Die neuen S-Bahnen sollen tageslichtabhängig beleuchtet sein. Immerhin ein erster Schritt. Es ginge wohl noch mehr, etwa Sensoren, die Personengruppen unterscheiden. Man könnte Helligkeit nutzen, um Fahrgastströme zu steuern. Dann geht der Banker in sein Abteil, der Lehrer mit seinen Schülern in ein anderes. Zukunftsmusik.

Eisenbahner alter Schule definieren einen Zug gerne nach der „Gefäßgröße“ – sprich der Sitzplatzkapazität. Sie denken in Normen, und den Rest an Kreativität zerstören dann Brandschutzauflagen. Würde BMW so vorgehen, gäbe es heute noch kein E-Auto der Baureihe i.

„Neomind“ erinnert ein bisschen an ein Start-up. Der obligatorische Fußballkicker steht da, und alte Zugsessel, in die sich Fischer fläzt, wenn er nachdenken muss. 15 Leute designen Konsumgüter. An einer Wand hängen Entwürfe für das Design eines neuen Kaffeeautomaten, Staubsauger sind auch im Portfolio. Nicht alles wird Realität.

Nach und nach wandern die S-Bahnzüge in die Werkstätten in Krefeld und Nürnberg und werden komplett entkernt. 

So wie bei der S-Bahn. Fischer hätte gerne die Gepäckablagen komplett entfernt. Er findet sie „doof“, sie stören sein Raumempfinden. Die meisten Fahrgäste stellen die Koffer schlicht neben sich, wo sie dann die Zugänge versperren. Immerhin wurde die Zahl der Ablagen in der neuen S-Bahn reduziert. Denn künftig lassen sich Koffer bequem unter die jetzt frei schwebenden Sitze schieben.

Die Bahn ließ sich auch von einem offenen Raumkonzept überzeugen, mit Gruppenbereichen, Eckbänken und „Haltepilzen“. Die Zahl der Sitze wurde von 192 auf 166 je Zug reduziert. Eine schwierige Entscheidung. Die Gesamtkapazität steigt dafür von 544 auf 612 Plätze.

Überhaupt die Sitze: Fischer ist im Bahnland Japan – „als normaler Geschäftsmann fährt man dort Zug“ – mit dem ICE-Vorbild Shinkansen gefahren. Dort lassen sich die Sitze je nach Fahrtrichtung drehen. Das wär’s, dachte er sich. Doch er hat in Europa keinen Sitzhersteller gefunden, der so etwas macht.

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