Sie sorgen für Staus ohne Ende

So viele Baustellen in München wie noch nie - das sind die Gründe

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Die Dauerbaustelle im Altstadtring-Tunnel sorgt verlässlich für Staus.

Münchens Straßen sind ohnehin verstopft – wenn dann noch an allen Ecken und Enden Baustellen auftauchen, wird der Verkehr oft unerträglich. Wir erklären, warum sich in letzter Zeit so viele Baustellen gibt.

  • Im Münchner Stadtgebiet gibt es derzeit 21 Baustellen
  • Die Baumaßnahmen verzögern sich immer wieder
  • Für fünf Baustellen zeichnen die Stadtwerke München (SWM) verantwortlich

München - Es sind schwierige Zeiten für Münchner Autofahrer: Jeden Tag steht er durchschnittlich 23 Minuten im Stau, so das Ergebnis der Inrix-Studie aus dem vergangenen Jahr. Im weltweiten Ranking ist München demnach stauanfälliger als Mekka, Los Angeles und Brasilia. Für 2019 könnte der Wert noch höher ausfallen. Denn München wächst und wächst – nur die Straßen nicht. Und gleichzeitig reißen überall Baustellen Löcher ins Verkehrsnetz. Ganze fünf Baustellen, von der Instandsetzung einer Fernwärmeleitung in der Luisenstraße bis zur Sanierung des Altstadtringtunnels, behindern aktuell den Verkehr – und das allein in der Maxvorstadt.

SWM müssen neue Kunden ans Strom- oder Wassernetz anschließen

Betrachtet man das ganze Stadtgebiet, kommt man derzeit auf 21 Baustellen – sie bescheren verengte Fahrbahnen, temporäre Einbahnstraßen oder sogar Vollsperrungen. Für fünf Baustellen zeichnen die Stadtwerke München (SWM) verantwortlich. In diesem Jahr habe man bereits etwa 1600 Baumaßnahmen eingeleitet, so SWM-Sprecherin Bettina Hess. „Im Vergleich zu den Vorjahren entspricht dies einer Steigerung von gut 25 Prozent.“ Die Gründe für diesen immensen Anstieg seien vielfältig: Die Stadtwerke müssten viele neue Kunden ans Strom- oder Wassernetz anschließen. „Hier haben wir einen Zuwachs je nach Sparte in der Größenordnung von 25 Prozent bis 40 Prozent“, so Hess. Und auch im Bestand müsse man immer wieder flicken.

Weil die Stadt den Platz um das Siegestor  umgestalten will, fällt auf der Straße je eine Spur pro Richtung weg. 

Außerdem steht die Stadt derzeit vor einer weiteren i nfrastrukturellen Herausforderung: Denn München baut die Geothermie aus und muss das Fernwärmenetz von Dampf auf Wasser umstellen. Deswegen seien „umfangreiche Arbeiten notwendig, die sich über viele Jahre hinziehen werden“, sagt Hess. 

Aufwendige Genehmigungsverfahren

Dass sich Baumaßnahmen immer wieder verzögerten, liege vor allem an den immer wieder auftauchenden Überraschungen im Münchner Boden, so Hess. Da finde man dann völlig unerwartet alte Fundamente, mit Schadstoff belastetes Erdreich oder bis zu 100 Jahre alte Leitungen, von denen vorher niemand wusste. Doch auch aufwendige Genehmigungsverfahren verzögerten „in einzelnen Fällen den Baubeginn“, so die Sprecherin. Schlimmer komme es, wenn der Bau gar nicht erst beginnen kann, weil niemand die anfallenden Arbeiten durchführen will. „Durch den Bauboom passiert es immer häufiger, dass wir nur sehr wenige oder auch gar keine Angebote auf unsere Ausschreibungen erhalten“, klagt SWM-Sprecherin Hess.

Das liege dann vor allem an der Konkurrenzsituation zu privaten Bauträgern, anderen Kommunen oder Ländern, sagt ein Sprecher des Baureferats. So kommt es vor, dass „in der Hochsaison der Straßenbauarbeiten während der Sommerferien für eine Maßnahme oder ein einzelnes Gewerk kein Angebot eingeht.“ Das seien dann aber Einzelfälle, betont der Sprecher. Doch so kann es eben passieren, dass ein geplanter Baustellen-Sommer mal bis zum Winter dauert. Damit so etwas nicht zur Regel werde, plane man Baumaßnahmen bereits standardmäßig mit einem Zeitpuffer.

Baustellen-Chaos: Das sagen zwei Betroffene und ein Experte

Der Taxler: Mahmood Pouri (57) ist seit zehn Jahren Taxler in München. Heuer sei die Baustellensituation besonders extrem – zudem sehe er täglich Baustellen, auf denen keiner arbeitet. „Ich vermute, dass es daran liegt, dass die Stadt sich nur die billigsten Anbieter sucht.“ Privat nehme er lieber die S-Bahn. „Vernünftige Leute sollten nicht mit dem eigenen Auto in die Stadt fahren.“

Mahmood Pouri (57)

Die Passantin: Sophie M. (21) arbeitet in einem Geschäft am Thomas-Wimmer-Ring. Von der Baustelle bekomme sie aber nicht viel mit. Ob sie die Baustellen stören, hängt davon ab, wie sie unterwegs ist: „Als Fußgängerin bemerke ich die Baustellen kaum“, sagt sie. Ebenso geht es ihr auf dem Fahrrad. Aber: „Sobald ich selbst ins Auto steige, nerven mich die vielen Baustellen hart.“

Sophie M. (21).

Der Stau-Experte: Bernd Emmrich (48) ist ADAC-Verkehrsreferent. Ihm bereitet die steigende Anzahl an Baustellen Sorge. Schon ohne sie „stößt die Verkehrsinfrastruktur des Großraums München immer öfter an ihre Grenzen“, sagt Emmrich. Die Bautätigkeit wirkte sich „auch angesichts der stetig wachsenden Verkehrsmengen deutlich stärker aus als noch vor einigen Jahren“.

Bernd Emmrich (48)

Lesen Sie auch: SUV-Fahrer in München sollen endlich von ihrem großen Leiden erlöst werden. Das fordert angeblich sogar Oberbürgermeister Dieter Reiter. Doch was steckt dahinter?

Und: München feilt an Maßnahmen für die Zukunft, schließlich will die Stadt auch in 20 Jahren noch ihren Spitzenplatz im Ranking der lebenswertesten Städte Deutschlands halten.

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