Termin schlägt hohe Wellen

„Können doch nicht dafür werben“: Münchner nach Söder-Reiter-Inszenierung sauer - Corona-Folgen sind ein Grund

Engpässe wegen Corona: Bürger aus München müssen auf ihren Grippe-Schutz warten. Ein Termin mit Ministerpräsident Söder und Oberbürgermeister Reiter stößt ihnen sauer auf.

München - Ministerpräsident Markus Söder und OB Dieter Reiter beim Influenza-Impftermin: Mit diesen Bildern riefen sie die Bevölkerung am Dienstag zum Impfen auf. Die Münchnerin Doris Schlüter (84) kann da nur den Kopf schütteln. Ihr Hausarzt hat ihr am Montag den Impftermin abgesagt, weil der Impfstoff nicht da ist. Daher schimpft sie jetzt: „Das ärgert mich. Die können doch nicht dafür werben, obwohl der Impfstoff knapp ist!“

Doris Schlüter ist nach dem medienwirksamen Auftritt von Dieter Reiter und Markus Söder enttäuscht.

München: Bürger nach Söder-Reiter-Aktion sauer - Impfstoff fehlt

Auch tz-Leser Josef D. ist erstaunt. „Ich habe mir bei meinem Hausarzt das Rezept für den Impfstoff besorgt. In der Apotheke bekam ich die Auskunft, dass ich frühestens Ende November mit einem Impfstoff rechnen könne. Es bestehen lange Wartelisten.“ Die Herren Söder und Reiter hätten es da anscheinend leichter.

Und tatsächlich: Ein Rundruf bei Münchner Arztpraxen und Apotheken ergab, dass vielerorts entweder schon ein Engpass besteht oder dieser in ein paar Wochen droht. Viele Apotheken warten demnach auf Lieferungen, wie etwa die Regenbogen-Apotheke. Dort sagt eine Mitarbeiterin: „Der erste Schwung ist schon weg. Wir sollten Ende September eine neue Lieferung bekommen und warten noch. Die kommen nicht hinterher.“

Kein Impfstoff in München? Das sagen Ärzte und Apotheker

Eine Münchner Ärztin berichtet, sie habe 400 Impfdosen bestellt, aber nur 150 erhalten. In einer Laimer Praxis ist der Impfstoff schon jetzt wieder aufgebraucht. „Die Nachfrage ist heuer etwa viermal so hoch, weil sich erstmals auch Junge und Gesunde impfen lassen wollen“, berichtet auch der Allgemeinarzt Nikolaus Frühwein.

Da seine Praxis auf Impfungen spezialisiert ist, habe er auf gut Glück das Doppelte des Wirkstoffs bestellt. „Noch reicht er …“ Andere Praxen hätten weit weniger geordert. In Zeiten der Pandemie ist auch hier alles anders. „Vor Monaten, als die Ärzte bestellt haben, war diese exorbitante Nachfrage noch nicht vorhersehbar“, so Frühwein.

Zu Corona-Zeiten in München: Pandemie-Folgen für Grippeimpfungen?

Die Debatte ist bereits in vollem Gange: Ein Teil der Experten rät, dass sich möglichst alle Menschen impfen lassen sollen. Es müsse somit verhindert werden, dass die Krankenhäuser – während die Zahl der Corona-Patienten steigt – auch noch mit einer Grippewelle zu kämpfen haben.

Andere wiederum warnen vor Impfstoff-Engpässen als Folge solcher Empfehlungen. Bayern hat für diese Saison 550.000 zusätzliche Impfdosen gekauft – damit sollen ein Drittel mehr Impfungen möglich sein als in den vergangenen Jahren. Da waren es rund 1,5 Millionen. Ist das genug? Gerald Quitterer, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, ist skeptisch. „Ich habe die Sorge, dass der Impfstoff nicht reichen wird.“

München: Impfstoff-Engpässe? Hersteller nimmt Stellung

Ein Problem: Die Impfstoffhersteller können in der aktuellen Saison nicht mehr nachproduzieren. Laut dem größten Hersteller Sanofi dauert die Produktion des Stoffs sechs Monate. Eine Sprecherin sagt zur tz: „Dennoch sollen sich die Menschen keine Sorgen machen. Wir liefern gerade wieder an den Großhandel aus.“ Laut Kassenärztlicher Vereinigung Bayerns geht Mitte November eine Lieferung des Bundes (insgesamt 5 Millionen Dosen) raus. Auf diese Lieferung muss auch Doris Schlüter aus Schwabing nun offenbar warten. „Bis dahin hoffe ich, dass es mich nicht erwischt…“ (Nina Bautz)

In unserem News-Ticker halten wir Sie über die Entwicklung der Corona-Pandemie in München auf dem Laufenden. Die wichtigsten Kennzahlen im Überblick.

Rubriklistenbild: © dpa/Sven Hoppe

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