Justizministerium untersucht den Vorfall

Mutmaßlicher „Porsche-Mörder“ besuchte auf seiner Flucht seinen Vater: „Ich dachte erst, er macht einen Scherz“

Der mutmaßliche Täter David H. brach am Dienstag aus Stadelheim aus.
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Der mutmaßliche Täter David H., dem vorgeworfen wird, 2020 einen Mann in seinem Porsche erschossen zu haben, brach am Dienstag aus Stadelheim aus.

Anstatt unterzutauchen, besuchte der mutmaßliche „Porsche-Mörder“ lieber seinen Vater im Hasenbergl. Dann schlugen Zivilfahnder zu und brachten ihn zurück nach Stadelheim.

München - Es war ein Schock für die JVA Stadelheim: Erstmals seit Jahrzehnten war am Dienstag ein Häftling ausgebrochen*. Er versteckte sich im Laderaum eines Lasters – und flüchtete anschließend ins Hasenbergl, wo die Polizei ihn zwei Stunden später festnahm. Jetzt stellt bestätigen sich Informationen unserer Zeitung, wonach es sich bei dem Ausbrecher um den mutmaßlichen Mörder David H. handelt. Der Vater des 24-Jährigen erklärt gegenüber unserer Zeitung, dass er seinen Sohn nach dessen Flucht in seiner Wohnung empfangen habe.

Flucht aus Stadelheim: David H. gaukelt seinem Vater Hafturlaub vor

David H. steht laut Staatsanwaltschaft im Verdacht, im März 2020 einen Mann (25) in dessen Porsche Panamera erschossen zu haben, die Leiche war Am Hart gefunden worden. Vater Amin H. (62, Name geändert) erzählt, David habe ihn am Dienstag gegen 9.30 Uhr angerufen und gefragt, ob er zu ihm kommen könne. „Ich dachte erst, er macht einen Scherz, denn er sitzt ja seit März 2020 in Untersuchungshaft.“ Er habe Hafturlaub, schwindelte David H. seinem Vater zufolge – dieser glaubte ihm. „Als er tatsächlich kam, habe ich ihn gleich in den Arm genommen“, sagt Amin H. „Wir hatten uns ja fast ein Jahr nicht persönlich gesehen – nur, als ich in Stadelheim zu Besuch war.“

Bei Orangensaft und Schokolade habe David ihm dann die Wahrheit gebeichtet, sagt der Vater. „Ich konnte das kaum glauben, denn er ist ja ein zierlicher junger Mann. Ich fragte mich, wie er das angestellt hatte. Stadelheim ist ja das größte Gefängnis in ganz Bayern.“

Justizministerium will Ausbruch aus Stadelheim genau untersuchen

Durch eine aufgeschlitzte Plane war David H. in den Laster gelangt und hatte sich im Laderaum versteckt, als der Lkw vom Gefängnis-Gelände fuhr. Laut Polizei* hatte der mutmaßliche Mörder Hilfe von anderen Insassen. „So etwas darf nicht passieren“, sagt Gefängnis-Direktor Michael Stumpf danach. Das Justizministerium will den Ausbruch gründlich untersuchen lassen. „Mir war gleich klar, dass David zurück nach Stadelheim gehen muss“, sagt sein Vater. „Sonst hätten wir doch keine ruhige Minute mehr gehabt.“ Gegen 11 Uhr seien beide wieder nach draußen gegangen, in Richtung Einkaufszentrum „mira“.

Ein kurzer Besuch: David H. fuhr nach seiner Flucht zu seinem Vater.

Es erscheint rätselhaft, warum H. nicht untertauchte, sondern den Vater besuchte, wo man ihn recht einfach ausfindig machen konnte. „Mein Eindruck war, dass er der Justiz nur einen Streich spielen wollte“, sagt Amin H.. „ In der JVA hat er einen Brief hinterlassen. Darin stand, dass er unschuldig sei und die Situation nicht mehr aushalten könne.“

Flucht aus Stadelheim: Zivilbeamte nehmen David H. fest

Die Polizei löste eine Großfahndung ein. „Wir hörten die Hubschrauber kreisen“, sagt Amin H. Als er gegen 11.15 Uhr mit David nahe der Münchner* U-Bahn-Station Dülferstraße gestanden sei, „sprangen plötzlich zwei große Männer aus einem Auto“. Es waren zivile Spezialkräfte der Polizei. „Einer zückte sofort seine Waffe. Sie haben David zu Boden gedrückt und an Händen und Füßen gefesselt.“ Von der Polizei hieß es später, der Häftling habe sich bei seinem Ausbruch am Knie verletzt. Der Vater behauptet dagegen: „David wurde erst bei der Festnahme verletzt. Vermutlich, als die Beamten auf ihm gesessen haben.“

Nun muss H. seine restliche U-Haft absitzen. In welcher JVA hält die Justiz geheim. Fest steht nur, dass er in Isolationshaft sitzt – wegen der Flucht, aber auch wegen einer möglichen Corona*-Infektionsgefahr. Sein Mordprozess könnte im Sommer beginnen.

Für einen Ausbruch aus einem Gefängnis droht keine zusätzliche Strafe (Video)

Flucht aus Stadelheim: Helfern von David H. drohen empfindliche Strafen

Es mag kurios klingen, aber rein rechtlich erwartet einen Häftling, der aus dem Gefängnis ausbricht, keine Strafe. Denn es gibt in Deutschland schlicht kein Gesetz, das die mögliche Strafbarkeit eines Knast-Ausbruchs regelt. Laut Paragraf 103 des Grundgesetzes kann man aber nur dann bestraft werden, wenn ein Verbrechen überhaupt definiert ist und eine Strafe entsprechend festgelegt wurde – deshalb hat eine Knast-Flucht keine Folgen.

Eine Ausnahme gilt nur, wenn der Häftling beim Ausbruch Personen verletzt oder Gegenstände zerstört hat – etwa, wenn er einen Wachmann bedroht und überwältigt oder die Gitterstäbe durchgesägt hätte.

Sehr wohl strafbar ist dagegen der Tatbestand der Gefangenenbefreiung: Falls andere Häftlinge David H. tatsächlich beim Ausbruch geholfen haben, droht ihnen bis zu drei Jahren Haft. So regelt es der Paragraf 120 des Strafgesetzbuches. Justizbeamten würde für so eine Tat sogar bis zu fünf Jahren Haft drohen. *tz.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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