Die Stadt der Extreme

München - zwischen bettelarm und steinreich

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München - eine Stadt der Extreme.

München - Armut und Reichtum sind in München extrem verteilt: Rund 204.000 Bürger gelten als bedürftig. Dagegen sind rund 111.000 Münchner reich.

Die einen durchwühlen Mülltonnen nach Essen und betteln um Cents – die anderen kaufen sich leichte Herbstjäckchen für Hunderte Euro und regen sich über Schrammen im Porsche auf: München ächzt immer mehr zwischen bettelarm und steinreich. „Die Schere geht weiter auseinander“, sorgt sich auch Sozialbürgermeisterin Christine Strobl (SPD). Im Rathaus hatte OB Christian Ude vor der Zuwanderung gewarnt (tz berichtete). Die Stadtspitze ist sich sicher: Das wird eine der wichtigsten Fragen der Zukunft Münchens!

Schon heute sind Armut und Reichtum in der Stadt extrem verteilt: Rund 204 000 Bürger gelten als bedürftig, weil sie etwa als Alleinstehende weniger als 1000 Euro oder als Familie mit zwei Kindern weniger als 2100 Euro netto im Monat haben. Dagegen sind rund 111 000 Münchner reich. Sie verfügen als Singles über mehr als 3334 Euro oder als Familie mehr als 7000 Euro netto im Monat. So steht es im Armutsbericht der Stadt von 2011 – die Lage dürfte sich seitdem verschärft haben. Vor allem bedrückende Armut mache sich allmählich bemerkbar, sagt Bürgermeisterin Strobl, trotz eines Sozialetats von einer Milliarde Euro.

Dabei sind die Ärmsten der Armen in der Statistik gar nicht verzeichnet – Arbeiterstrich, Bettelgruppen, Obdachlose. Wenn bald die Temperaturen fallen, geht bei der Stadt wieder das Hoffen und Bangen los. Sozialreferentin Brigitte Meier (SPD) hat sich vom Stadtrat die Zahl der Not-Betten für den Winter von 443 auf 520 aufstocken lassen. Die nutzten im letzten Winter 1800 Menschen – vor allem aus Rumänien und Bulgarien. Oberstes Ziel des Kälteschutzprogramms ab 1. November: dass in dieser reichen Stadt kein Mensch erfriert. Armut – eine Frage von Leben und Tod.

Zu sechst auf 66 qm – doch dank BISS kann ich überleben

Ercan Uzun verkauft seit 13 Jahren die BISS

Seit 13 Jahren verkauft Ercan Uzun die Obdachlosenschrift BISS, 1200 Exemplare im Monat. Für ihn ist das die einzige Möglichkeit, seine Familie zu ernähren. Der 46-Jährige hat vier Kinder im Alter zwischen acht und 17 Jahren. Sie wohnen alle zusammen mit ihren Eltern in einer 66-Quadratmeterwohnung. Die Jüngeren gehen zur Schule, der älteste, Metin, arbeitet als Konditor. Bevor Uzun als BISS-Verkäufer anfing, lag sein Leben in Scherben. Er hatte einen privaten Hausmeister- und Reinigunsservice betrieben und bei der Buchhaltung geschlampt. „Bei der Steuerabführung habe ich ziemlich versagt“, sagt er. Rund 70 000 Mark Schulden häufte er so an. Mit der Stelle bei BISS ging es dann aufwärts. Nach einigen Jahren versuchte er es noch einmal mit der Firma und scheiterte erneut. Jetzt ist er zurück bei der BISS und will auch dort bleiben. Er habe nicht viele Perspektiven, sagt er. Denn Uzun ist schizophren: „Ich trau mir psychisch und körperlich keinen anderen Job mehr zu.“ Zum Leben reiche das Geld knapp, nicht aber für die Wünsche der Kinder.

Wie in den Slums von Rio de Janeiro

Ins dichte Gestrüpp haben die Rumänen die Zelte gebaut

Sie hausen in selbst gebauten Zelten aus Decken und Plastikplanen: Am S-Bahnhof Perlach gibt es seit Monaten auf einem Grünstreifen in Privatbesitz ein Lager, das eher an die Slums von Rio erinnert als an die reichste Stadt der Republik. Die Bewohner kommen wohl aus Rumänien – mal heißt es, sie seien Bettler, mal Wanderarbeiter. Auch Kinder leben dort. Die Müllsäcke türmen sich mittlerweile meterhoch.

Das Sozialreferat kennt zwei weitere Camps – auch im Arnulfpark und unter der Donnersbergerbrücke übernachten Menschen aus Osteuropa teilweise in Autos. Manchmal sind es um die 100! Die Stadt duldet die Lager nicht, räumt aber auch nicht sofort. Stattdessen setzt man auf Beratung und schenkt Betroffenen schon mal eine Rückfahrkarte.

In Perlach fühlt sich der Eigentümer aber allein gelassen: „Das Müllproblem muss ich allein in den Griff bekommen.“ In den nächsten Tagen wird das Lager wohl von der Polizei geräumt, wenn die Bewohner bis dahin nicht freiwillig gegangen sind.

jam

Arm und Reich trennt nicht nur das Geld, sondern auch das Stadtbild. Am günstigsten pro qm kalt sind laut dem City-Report des Immobilienberaters JonesLangLa­Salle:

Die günstigsten Viertel

1. Allach: 11,40 €

2. Fasanerie: 11,75 €

3. Pfanzeltplatz: 11,85 €

4. Neuperlach: 12,00 €

5. Hasenbergl: 12,05 €

6. Aubing: 12,15 €

7. Forstenried: 12,20 €

8. Ostpark: 12,20 €

9. Moosach: 12,35 €

10. Messestadt Riem: 12,50 €

Die teuersten Lagen

Nobel, nobel: Die reicheren Münchner treffen sich im Zentrum – zwischen Altstadt und Englischem Garten. Das klassische Villen-Viertel Herzogpark ist nicht dabei, hier dominiert das Eigentum.

1. Altstadt: 20,70 €

2. Königsplatz: 19,25 €

3. Schellingstr.: 18,95 €

4. Hofgarten: 18,60 €

5. Biederstein: 18,45 €

6. Glockenbachviertel: 18,30 €

7. Leopoldpark: 18,00 €

7. Josephsplatz: 18,00 €

9. Lehel: 17,85 €

9. Klinikviertel: 17,95 €

Tafel ist für viele letzte Hoffnung

Wolfgang G. ist froh über die Unterstützung durch die Tafel

Seit zweieinhalb Jahren holt sich Wolfgang G. seine Lebensmittel bei der Tafel. Eine Woche muss er damit auskommen. Der 64-Jährige bezieht Hartz IV, knapp 300 Euro im Monat. „Ich bin dankbar, dass es die Tafel gibt. Das sind ja alles gute Sachen und von dem Geld allein kann ich nicht leben“, sagt er. So wie G. geht es vielen Münchnern: Die Tafel versorgt pro Woche 18 000 Bedürftige mit rund 100 000 Kilogramm Lebensmitteln. Dafür sind 500 ehrenamtliche Helfer im Einsatz. 25 Verteilstellen gibt es in der Stadt. Zusätzlich beliefert die Tafel 85 soziale Einrichtungen wie Frauenhäuser oder Notunterkünfte. G. wird noch etwa ein Jahr sein Essen dort holen. Dann bekommt er Rente. Einen Job wird er sich nicht suchen. „Ich bin nicht vermittelbar“, sagt er. Denn aufgrund diverser Arbeitsunfälle ist der gelernte Gas- und Wasserinstallateur zu 60 Prozent behindert: „Ich habe es immer mal wieder versucht in den letzten zehn Jahren, aber es hat nicht funktioniert.“

Dieser Luxus hat seinen Preis

Auf der Bank lagern ihre Millionen? Von wegen: In München stecken immer mehr Millionäre und Investoren ihr Geld in teure Immobilien. „Ich erkenne auf dem städtischen Immobilienmarkt stark überdurchschnittliche Zuwachsraten“, sagt Detlev Freiherr von Wangenheim (68), der seit 47 Jahren als Luxusmakler im Geschäft ist. Er kennt die Reichen und Schönen – weiß, wie sie leben. Und was sie lieben: „Exklusives Wohnen in Bestlage. Beliebt ist der Herzogpark – auch innerhalb des Altstadtringes gibt es viele Objekte im Luxussegment, zum Beispiel Penthouses.“ Aktuell vermittelt die Duken & von Wangenheim AG zum Beispiel Luxuswohnungen in der Pienzenauerstraße 125. Der Preis: 2,5 bis sechs Millionen Euro für bis zu 400 Quadratmeter „in einer grünen Oase mit unverbaubarem Blick und direktem Zugang zum Isarufer“. Zu teuer? Nicht in München: Jede dritte Wohnung ist bereits verkauft. Am Herzogpark bietet der Makler eine 16-Millionen-Villa an. Es ist eine Frage der Zeit, wann sie verkauft ist – und nicht des Geldes!

Im Trend liegen zeitgemäße, moderne Häuser. Mit hellen Fassaden, viel Licht, Dreifach-Fensterverglasung und Wärmerückgewinnung. Kein Prunk von außen. Sondern innen: Reiche Kunden wünschen hochwertigste Materialien, Böden aus Naturstein, edles Parkett. Neben Möbeln, Bädern und Armaturen sind teils auch die Tapeten von Edel-Herstellern.

„Fitness ist Luxus“, sagt von Wangenheim. Sauna, Swimmingpool und Trainingscenter gehören oft selbstverständlich zur Ausstattung. Beliebt sind offene Kamine und weite Räume. Nach oben gibt es keine Grenzen: Auch ein Kino lässt sich in die Villa einbauen. Wenn das Geld stimmt. Denn der Luxus hat seinen Preis …

A. Thieme

Shopping-Hauptstadt: Für Geld gibt’s alles

München zählt vor allem wegen der Fußgängerzone zu den bedeutendsten Einzelhandelsmärkten Deutschlands: Für Geld gibt es hier alles, was das Kundenherz aus der ganzen Welt begehrt – bundesweit zählt München zu den besten Shopping-Plätzen, wie die aktuellen Zahlen des Immobilienberatungs-Unternehmens BNP Paribas Real Estate beweisen:

Die Frequenz: Die Kaufingerstraße zählt im Schnitt 13 490 Passanten pro Stunde – das ist Platz 1 in Deutschland. Neuhauser Straße, Wein- und Theatinerstraße folgen auf 7, 11 bzw. 12.

Die Mieten: Auch bei den Ladenmieten ist die Kaufinger vorne: 365 Euro kostet hier ein Quadratmeter, dahinter folgt direkt die Neuhauser Straße (340 Euro) und der Pracht-Boulevard mit den Boutiquen in der Maximilianstraße auf Rang 4 (290 Euro). Zum nationalen Vergleich die Höchstmieten in den anderen deutschen Metropolen: Frankfurt (320), Berlin (280), Stuttgart (275), Hamburg, Köln (je 270) und Düsseldorf (260).

Der Umsatz: Der Münchner Einzelhandel ist fast doppelt so produktiv wie andere deutsche Städte. Geschäfte in München verdienen 6700 Euro pro Quadratmeter Verkaufsfläche jährlich, der bundesweite Schnitt liegt bei 3600 Euro. 11,5 Milliarden Euro an Umsatz werden in ganz München erwirtschaftet. Allein vier Milliarden sind es in der Innenstadt. Ein weiterer Rekord: 8000 Betriebe in der Stadt haben zusammen eine Verkaufsfläche von 1,7 Millionen Quadratmetern.

David Costanzo, Ramona Anner

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