tz erklärt unsere Grundstimmung

München, Stadt der Grantler

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Der berühmteste Grantler ist immer noch Alois Hingerl, der Münchner im Himmel von Ludwig Thoma

München - "Die Lust am Granteln ist vielleicht die münchnerischste Eigenschaft, die es überhaupt gibt." Das sagte einmal OB Christian Ude. Heinz Gebhardt ist der Lebensgrundstimmung mal nachgegangen.

„Die Lust am Granteln ist vielleicht die münchnerischste Eigenschaft, die es überhaupt gibt.“ So schrieb es Christian Ude (geboren in München) – und der in Bozen geborene Herbert Rosendorfer schlug in die gleiche Kerbe: „Dem grantigen Münchner ist es am liebsten, wenn man ihn für einen Deppen hält und ihn in Ruhe lässt.“

Solche weisen Sätze können nur von Menschen ­stammen, denen tiefe Einblicke in die Münchner Seele vergönnt waren. Ude als Oberbürgermeister und Rosendorfer als Amtsrichter von ­München. Würde ein Münchner auf der Couch ­eines Psychiaters sagen: „Herr Doktor, ich bin dauernd so grantig, ist das heilbar?“, dann würde der heutige Professor Dr. Freud wahrscheinlich sagen: „Nein, mein Lieber, du bist unheilbar ­gesund, grantle weiter!“ Granteln ist nämlich die Lebensgrundstimmung der Münchnerinnen und Münchner. Lesen Sie hier eine Reportage von Heinz Gebhardt:

Vorsichtshalber misstrauisch bleiben

 Der Münchner Grant ist der Zwillingsbruder des Münchner Humors. Und beide sind sie für Menschen oberhalb des Weißwurstäquators unverständlich. Humor und Grant fließen bei den Münchnern nahtlos ineinander. Oft weiß man nicht: Macht der jetzt einen Witz oder ist der grantig? Beide Phänomene sind wissenschaftlich völlig unerforscht, auch die Münchner Universität hat bis heute keinen Lehrstuhl für Grantologie und Humorwissenschaft eingerichtet. Dafür gibt’s den Schriftsteller Alfons Schweiggert (geboren in Altomünster), sozusagen einen Privatgelehrten für Grant und Humor sowie Autor mehrerer Karl-Valentin-Bücher.

Als Präsidiumsmitglied der Turmschreiber, einer Vereinigung von rund 50 München-Literaten, hat er schon von Amts wegen einen hohen Humorverbrauch und Erfahrung in schöpferischem Granteln. Er sagt: „Die Münchner sind ja immer a bissl anarchistisch. Die lassen sich nix befehlen. Beim Humor hört sich bei den Münchnern der Spaß auf, denn ein Münchner lacht nicht auf Kommando. Der lacht, wann er will.“ Darum ist den Münchnern auch der Rheinländer Karneval und Frohsinn so fremd, bei dem nach jedem Täterätä schallend gelacht werden muss. Schweiggert weiter: „Die Münchner reden auch ungern über das Grantigsein. Und wenn sie einer darauf anspricht, dann führt das schon wieder zu einer Intensivierung des Zustands. Und dann weicht man aus: Das Wetter ist schuld. Oder der Föhn oder die Politiker. Das Wort Granteln lässt sich ja auch in keine Sprache übersetzen. Es gibt nur sinngemäße Annäherung von ,große psychische Erregung’ über ,Unmut’ bis zum ,Krieg’ – alles Schmarrn!“ Eine typische Grantlerhaltung findet man bei Karl Valentin: „Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon is.“ Oder: „Gar nicht krank ist auch nicht g’sund.“ Und überhaupt: „Sicher ist, dass nix sicher ist, drum bin ich vorsichtshalber misstrauisch.“

Der Engel Aloisius und die himmlische Aufregung

Der berühmteste Grantler ist immer noch Alois Hingerl, der Münchner im Himmel von Ludwig Thoma (geboren in Oberammergau). Den Dienstmann Nummer 172 trifft im Hauptbahnhof der Schlag, er kommt als „ Engel Aloisius“ in den Himmel und soll nun auf Befehl von Petrus ein himmlisches Leben führen. Aber ein Münchner lässt sich nix befehlen, auch im Himmel nicht. Und schon gar nicht Frohlocken und Hosianna-Singen. „Ja, wos glabn denn sie? Weil mir da im Himmi san, miaßat i singa wie a Zeiserl, an ganzn Tag, und z’trinka kriagat ma gar nix! A Manna hat der andre gsagt, kriag i! A Manna! Da balst man net gehst mit dein Manna! „Ha-ha-halä-lä-lu-u-hu Himmi-Herrgott-Erdäpfe-Saggrament - lu - uuu-iah!“

Um ihn zu beruhigen, schickte ihn Petrus einmal die Woche nach München, um der Regierung die göttlichen Ratschläge zu überbringen. Aber Aloisius treibt’s ins Hofbräuhaus (wo auch das Aloisius-Bild hängt, das Sie oben in das München-Panorama eingearbeitet finden). Der Aloisius trinkt a Mass und noch eine – „und so wartet die bayerische Regierung bis heute auf die göttlichen Eingebungen“. Die schlimmsten Grantler waren damals aber die Minister: Sie verklagten Thoma wegen Majestätsbeleidigung. Er wurde von einem humorlosen Gericht zu einer saftigen Geldstrafe verurteilt.

Ein Münchner ist nur gesund, wenn er richtig grantig ist

Walter Sedlmayr

„Der Grant ist der Bodyguard des kleinen Mannes“, schreibt Thomas Grasberger (geboren in Altötting) in seinem Buch Grant, der Blues des Südens (Diederichs Verlag). Da heißt es auch: „Grant ist eine Haltung und ein Lebensgefühl. Er kann große Oper sein oder kleines Vorstadttheater, manchmal traurig, düster und pessimistisch, manchmal renitent und wütend, dann wieder leise, fast poetisch. Grant ist der Blues des ­Südens – und als solcher leistet er ­Widerstand gegen den ­Gute-Laune-Terror einer globalen Verblödungsmaschinerie.“ Für ihn sind ­beispielsweise Walter Sedlmayr (geboren in München), Gustl Bayrhammer (geboren in München), Erni Singerl (geboren in ­Fürstenfeldbruck, auf dem runden Foto mit Beppo Brem) „allesamt ­begnadete Grantler“. Und er kommt zum Schluss: „Ein Münchner fühlt sich erst völlig gesund, wenn er grantig ist.“

Genau so viele Grantlerinnen wie Grantler

Monika Gruber

Wie nahe Humor und Grant beieinander liegen, sieht man an den großen Münchner Humoristen wie Karl Valentin und Gerhard Polt: Es gibt so gut wie keine Fotos, auf denen sie lachen. „Eine typische Grantl-Grundhaltung hat Gerhard Polt. Ein Grantler kann wie ein Vulkan plötzlich ausbrechen, sich aber nach einem Ausbruch auch sofort wieder beruhigen: Samma wieder guat. War was? Schwoab mas obi“, sagt Schweiggert. Eine typische Grantlerin ist für Schweiggert auch Monika Gruber (Bild): „Die geht sofort ins Granteln über, schimpft und beleidigt, was sie aber gar nicht böse meint. Granteln ist auch völlig geschlechtsneutral. Es gibt genau so viele Grantlerinnen wie Grantler. Man braucht bloß einmal über den Viktualienmarkt gehen …“

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