Stadt stellt Liste problematischer Namen vor

Streit um Münchner Straßennamen - welche müssen umbenannt werden?

Wenn eine Straße umbenannt wird, bleibt für kurze Zeit noch der alte Name - durchgestrichen.
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Die Meiserstraße wurde in Katharina-von-Bora Straße umbenannt

Wann ist ein Straßenname so historisch belastet, dass die Stadt ihn umbenennen muss? Welche Kriterien gibt es? Stadtarchiv und Kommunalreferat stellten nun Ergebnisse umfassender Untersuchungen aller Münchner Straßennamen vor - und eine Liste der Namen, die speziell diskutiert werden muss.

Weiße Schrift auf dunkelblauen Schildern: Der Name der Straße, in der man wohnt, ist immer ein Stück Identität – da bin ich daheim! Aber: Problematisch wird’s, wenn die Straße einst nach Menschen mit (nach heutigem Verständnis) negativem Hintergrund benannt wurden. Kriegsverbrecher, Rassisten oder Juden-Hetzer. 2016 startete in München eine Initiative, alle Straßennamen systematisch untersuchen zu lassen. Gestern nun stellten Stadtarchiv und Kommunalreferat das weitere Vorgehen vor.

Sechs Münchner Straßen seien seit diesem Jahrtausend wegen einer „schwerwiegenden Belastung des Namensgebers“ umbenannt worden: Wegen dessen antisemitischer Äußerungen wurde etwa die nach Bischof Meiser benannte Straße 2008 zur Katharina-von-Bora-Straße, die Paul-Lagarde- wurde 2014 zur Ilse-Weber-Straße). Dass die Ludwig-Thoma - Straße wegen dessen antisemitischen Hetzschriften einen neuen Namen bekommt, hatte OB Dieter Reiter heuer im Juli mit seinem Veto verhindert.

Mittlerweile seien alle Münchner Straßennamen grundlegend überprüft worden, erläuterte gestern Dr. Andreas Heusler, Sachgebietsleiter Zeitgeschichte im Stadtarchiv. „Zuerst wurde die Herkunft rekonstruiert, der nächste Schritt ist die Evaluierung.“ Ist ein Name historisch belastet? Das werde nach exakten Kriterien beleuchtet. Gibt’s beim Namensgeber etwa den Verdacht auf extremen Nationalismus? Militarismus? Frauenfeindlichkeit?

Nach dem Check aller Hintergründe seien nun zwei Listen entstanden, erklärte Heusler:Eine lange mit 327 Straßennamen mit „problematischer Konnotation“, und eine kurze Liste mit 45 Namen. Darunter Namen wie: Emil-Nolde, Kardinal-Faulhaber-, Martin-Heidegger-, Messerschmitt-, Richard-Wagner, Richard-Strauss- oder Robert-Koch-Straße.  „Hier besteht erhöhter Diskussionsbedarf – das heißt nicht: Umbenennungsbedarf!“

Ein ganz spezielles Gremium mit Fachleuten – etwa vom Stadtarchiv, dem NS-Dokuzentrum oder dem Jüdischen Zentrum – besprechen nun diese aufgelisteten Namen. Und sie geben „Empfehlungen“ ab, wie mit diesen Straßen weiter umgegangen werden soll.

Ob ein nach einer Person benannter Straßenname dann letztlich tatsächlich geändert wird – dafür sei als vorberatendes Gremium der Ältestenrat zuständig. Das letzte Wort habe: der Stadtrat.

Bis Ende nächsten Jahres wollen die Experten mit der Liste durch sein, dann komme sie in den Stadtrat. Ein langer Prozess, der aber nötig sei, betonte Heusler: „Straßennamen haben eine viel stärkere Wirkung, als wir das im Alltagsleben wahrnehmen.“ Gerade wenn eine Umbenennung im Raum stehe, führe das immer zu hitzigen Debatten. Alle Namen hätten immer „erinnerungskulturelle Jahresringe“ und spiegelten ein Stück Stadtgeschichte wieder. Wenn man diese auslösche, gehe das Wissen auch für spätere Generationen verloren.

Gerade weil das Thema Straßennamen hochsensibel ist, will die Stadt nun auch den Bürgern ihre Vorgehensweise genau erklären. Die erste Möglichkeit dazu gibt es bei einer Info-Veranstaltung an diesem Donnerstag ab 19 Uhr. Sie kann im Livestream verfolgt werden unter https://youtu.be/ 9DQXHL_RxDw.

So entstehen Straßennamen in München

München wächst – und deshalb müssen immer wieder neue Straßennamen gesucht werden. Alleine in den vergangenen 25 Jahren wurden etwa 460 Straßen neu benannt. Doch wer entscheidet eigentlich, wie die Straßen heißen? Und welche Kriterien gibt es?

Zuständig für das Verfahren ist der Kommunalreferat-Geodaten-Service München. Grundsätzlich gilt: „Bei der Auswahl soll vorrangig entweder eine Verbindung zur Münchner Geschichte, zu örtlichen Gegebenheiten und Überlieferungen, zu verdienten, in München einst ansässigen Personen oder ein internationaler, weltoffener, bedeutender Bezug vorhanden sein.“

Es gibt eine Vorschlagsliste von Personen, deren Namen für eine Benennung infrage kommen. Zurzeit stehen rund 950 Persönlichkeiten darauf, das Verzeichnis wächst ständig. Derzeit werden vorrangig Frauen vorgeschlagen, da sie bei den Straßennamen noch unterrepräsentiert sind. Bei Menschen, die vor 1926 geboren sind, wird überprüft, ob sie NSDAP-Mitglied waren. Experten geben eine Stellungnahme ab und der Ältestenrat beschäftigt sich mit dem Thema. Anschließend wird der Namensvorschlag im Kommunalausschuss behandelt. Werden Straßen nicht nach Personen, sondern nach anderen Sachen oder Begriffen benannt, entscheidet der Bezirksausschuss

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