Offizielle Tauschbörse geplant

Biete drei Zimmer, suche eins: Stadt will Wohnungs-Tausch in Schwung bringen

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Als viel zu groß empfindet Petra Fischer (li.) ihre Wohnung in Neuaubing. Wie sie an eine andere kommen soll, weiß sie allerdings nicht. Das soll sich ändern: Die Stadt will eine Tauschbörse einrichten.

Viele Münchner leben in zu großen Wohnungen – während andere händeringend mehr Platz suchen, ihn sich aber nicht leisten können. Im Herbst will die Stadt nun eine Wohnungsbörse für alle Münchner an den Start bringen.

München - Die Wohnung, in der Petra Fischer (Name geändert) lebt, war einmal perfekt – vor 22 Jahren, als sie hier mit ihrem Mann und den beiden Kindern einzog. Heute ist die 52-Jährige geschieden, die Kinder sind aus dem Haus und sie wohnt allein in der 93 Quadratmeter großen Dreieinhalbzimmerwohnung in Neuaubing. „Das ehemalige Kinderzimmer nutze ich höchstens zum Wäscheaufhängen“, sagt Fischer. Und: „Ich würde gerne in eine kleinere Wohnung ziehen.“ Doch 1000 Euro plus x, die kann sie sich einfach nicht leisten.

Digitale Wohnungsbörse für alle Münchner Bürger 

So wie Fischer geht es vielen älteren Menschen: Sie leben in Wohnungen, die sie selbst als deutlich zu groß empfinden. Und gleichzeitig gibt es zahllose Familien, die auf der Suche nach einer bezahlbaren größeren Bleibe sind. Um sie zusammenzubringen, wird die Stadt nun aktiv. Hedwig Thomalla, Sprecherin des Sozialreferats erklärt auf Anfrage: „Aktuell erarbeitet das Amt für Wohnen und Migration eine Konzeption, die die Einrichtung einer digitalen Wohnungsbörse für alle Münchner Bürger vorsieht.“ Mit beteiligt sind die städtischen Wohnungsbaugesellschaften, aber auch interessierte Genossenschaften und Wohnungsbauunternehmen. Im Herbst soll der Stadtrat sich mit der Börse befassen.

Beatrix Zurek, die Präsidentin des Mietervereins München, findet die Idee einer Wohnungs-Tauschbörse gut.

Für Menschen wie Petra Fischer wäre eine derartige Einrichtung ein Segen – denn wie sie an eine andere Wohnung kommen soll, weiß sie nicht. „Bisher habe ich auf Nachfragen immer nur gehört: ,Seien Sie doch froh, dass Sie so wenig Miete zahlen müssen‘.“ 708 Euro zahlt die Buchhalterin im Moment. 1700 Euro netto verdient sie im Monat. „Mir würden 45 Quadratmeter reichen. Zahlen könnte ich 800 Euro.“

Viele Münchner haben zu viel Wohnraum. bestätigt Beatrix Zurek, die Präsidentin des Mietervereins München. „Und viele von ihnen nehmen den Nachteil einer zu großen Wohnung in Kauf. Denn die Alternative ist oft doppelt so teuer.“ Der Vorschlag, angesichts des Wohnraummangels eine Wohnungstauschbörse einrichten, damit die bestehenden Wohnungen in München optimal genutzt werden, wird seit langem diskutiert: Jahrelang gab es Rufe vom Seniorenbeirat, zuletzt brachte die Bayernpartei im Stadtrat das Thema im vergangenen Sommer auf die Tagesordnung. Passiert ist bisher nichts.

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Von einer zu großen in eine kleinere Wohnung umziehen konnten bislang nur Mieter bei den städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Bei der GWG heißt es von Sprecher Michael Schmitt, die Umzüge im Bestand seien aber bislang „überschaubar“ geblieben. „Bereits seit Jahrzehnten bietet die GWG umzugswilligen Mietern die Möglichkeit, innerhalb des Wohnungsbestandes der GWG in eine zu den veränderten Lebensumständen besser passende Wohnung umzuziehen“, betont Schmitt. Eine Tauschbörse, bei der Dritte, wie das Amt für Wohnen und Migration und weitere Wohnungsanbieter, eingebunden werden, sei in der Vergangenheit aber kaum angenommen worden.

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Die Tauschbörse für alle sei eine gute Idee, sagt Mietervereinspräsidentin Zurek. „Leider ist das aber nicht so einfach.“ Es gebe zwei limitierende Faktoren. Erstens wollten viele ältere Menschen im angestammten Stadtviertel und gewohnten Umfeld bleiben. Das ist auch bei Petra Fischer so. „Mein Sohn lebt in der Nähe, deshalb will ich unbedingt im Viertel bleiben.“ Und zweitens, so Zurek, müsse gewährleistet sein, dass die Umzugswilligen nachher für ihre kleinere Wohnung nicht mehr zahlen. „Sie müssten in der neuen Wohnung denselben Quadratmeterpreis zahlen.“

Letzteres ermöglicht die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewofag bereits. Beim Umzug in eine kleinere Wohnung könnten Mieter „den bislang entrichteten Quadratmeterpreis in die neue Wohnung mitnehmen“, sagt Sprecher Frank de Gasperi. In Berlin ist 2018 eine Wohnungstausch-Plattform des Berliner Senats online gegangen – ein Angebot der sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften.

Jetzt tut sich also auch bei der Stadt München etwas. Für Petra Fischer kommt die neue Plattform für alle womöglich zu spät. „Die Anlage, in der ich wohne, wird gerade saniert“, berichtet sie. Dann werde sie wohl 140 bis 160 Euro mehr zahlen müssen. „Da komme ich dann wirklich an meine Grenzen.“

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