Exklusiv-Interview

„Verkehrskollaps in München gehört längst zur Realität“: Experte erklärt, was schief läuft

München: Stau in der Innenstadt.
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München ist Deutschlands Stauhauptstadt: Was kann gegen den Verkehrskollaps unternommen werden?

Pendler stehen in München trotz Corona-Lockdown durchschnittlich 65 Stunden im Stau. Professor Torsten Busacker erklärt, was getan werden kann.

München - München* ist die Stauhauptstadt Deutschlands. Pendler standen hier laut Verkehrsdatenanbieter Inrix 2020 trotz Corona*-Lockdown im Schnitt 65 Stunden im Stau. Auch Münchens Altstadt* soll autofrei werden. Das allein reicht aber nicht, sagt Torsten Busacker, Professor für Verkehrsträgermanagement an der Hochschule München.

„Verkehrskollaps in München gehört längst zur Realität“: Experte erklärt, was schief läuft

Eine Stadt nach der anderen verbannt Autos aus den Zentren. Paris will bis 2022 nachziehen. Warum ist es in München noch nicht so weit?
Weil das Auto in Deutschland noch immer eine sehr wichtige Rolle einnimmt – die Autoindustrie ist nun mal ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Außerdem ist das Auto für manchen noch das liebste Kind, ein Identitätsanker. Da werden Fahr- und Parkverbote auch mal als Einschränkung der persönlichen Freiheit empfunden. Daher will man oft eher Lösungen finden, die in Richtung Elektromobilität gehen. Das löst allerdings nicht das Problem der Flächenkonkurrenz. Der Verkehrskollaps in München gehört längst zur Realität. Aber man tut sich schwer, die Interessen von Radfahrern und Fußgängern adäquat zu berücksichtigen.
Immerhin soll Münchens Altstadt bis 2025 auch autofrei werden.
Man muss dazu aber sagen: Der Verkehr in München ist schon jetzt mit den Pariser Plänen vergleichbar. Was Paris plant, ist ja keine komplette Autofreiheit: Busse, Taxis, Anwohner und Handwerker sind nicht betroffen. Man will vor allem den Durchgangsverkehr verbannen. Und der macht in Paris einen großen Teil aus – von rund 180.000 Autofahrten pro Tag etwa 100.000 in den diskutierten Stadtvierteln. In der Münchner Altstadt spielt der Durchgangsverkehr hingegen längst keine Rolle mehr. Der Altstadtring leitet den Verkehr größtenteils ab, dazu kommen innerhalb des Rings viele Fußgängerzonen, Einbahnstraßen und Tempo-30-Zonen. Da möchte man nicht durchfahren, wenn es nicht unbedingt sein muss.
Von den Grünen kam auch schon die Forderung, innerhalb des Mittleren Rings autofrei zu werden. 
Man könnte schon darüber nachdenken, zumindest den Durchgangsverkehr auszuschließen. Aber wie soll man das kontrollieren? Soll jeder Handwerker kontrolliert werden? Was ist, wenn ich einen Arzttermin in der Stadt habe – muss ich dann einen schriftlichen Nachweis mitführen? Man muss aufpassen, dass man kein neues Verwaltungs-Monstrum erschafft.
Klingt so, als seien Sie kein Fan vom Konzept der autofreien Innenstadt.
Die Pläne von Paris gehen in die richtige Richtung. Genauso wie das Münchner Konzept einer autofreien Altstadt. Aber da geht es eher um die symbolische Funktion: Solche Vorhaben können einen Bewusstseinswandel bewirken, der Autofahrern klar macht, dass es andere Alternativen gibt. Viel wichtiger ist aber, dass die Alternativen auch attraktiv sind. In München ist es immer noch ein Hindernislauf, mit Lastenradl, Kinderwagen oder Rollator vormittags an Werktagen durch die Stadt zu kommen.
Was schlagen Sie vor?
Wir könnten von Paris lernen – allerdings sollten wir uns eher direkt auf den Radverkehr konzentrieren. Paris ist seit 20 Jahren dabei, Radwege massiv auszubauen. Dafür wurden auch mal großzügig Fahrstreifen geopfert. Außerdem gibt es dicke Bordsteine, die Autofahrer daran hindern, auf Radwegen zu parken. München ist bei Weitem nicht so konsequent. Dabei würden die Menschen auch aus freien Stücken aufs Rad umsteigen, wenn es komfortabler ist, als im Stau zu stehen. Das bewirkt mehr, als Autos einfach auszusperren.
Das Fahrrad kann aber ja wohl nicht die einzige Lösung sein.
Grundsätzlich hat München ein gutes ÖPNV-Netz. Aber es ist schon lange klar, dass U- und S-Bahn an ihre Belastungsgrenzen stoßen. Die U2 ist zum Beispiel viele Stunden am Tag komplett dicht. Die zweite Stammstrecke kommt zum Glück – allerdings frühestens 2028. Und da liegt das größte Problem: an den absurd langen Planungen in Deutschland. Ein weiteres Beispiel: Die U9 kommt erst 2040 – wenn’s schnell geht! Das sind Zeiträume, die besorgniserregend sind. Wir können nicht so lange auf Entlastung warten.

Das Interview führte Kathrin Braun. *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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