Zehntausende gingen am Samstag gegen die IAA auf die Straße

München steht Kopf: Diese Bilanz ziehen Veranstalter und Protest-Aktivisten nach der IAA

Nicht nur IAA-Begeisterte waren in der vergangenen Woche in München anzutreffen. Auch um gegen die Ausstellung zu protestieren, waren Tausende in der Stadt. Ihr Ziel: den reibungslosen Ablauf der IAA verhindern.

So viel los war seit Corona nicht in München*. Die letzte Woche war aufgrund der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) geprägt von Veranstaltungen für Auto-Begeisterte und Gegnern*. 400 000 Besucher zählte die Messe – und das spürte man in der ganzen Stadt. Bereits am Dienstag, dem ersten Messetag, lag die Passantenfrequenz zum Beispiel in der Theatinerstaße mit 51 000 Passanten fast um das Doppelte über dem Durchschnitt der bisher dort gemessenen Werte – am Samstag wurden sogar über 69 000 Passanten gezählt. Profitiert hat von den Besuchern auch das Gastgewerbe: „Endlich wieder Leben in der Landeshauptstadt – und unsere Gastgeber haben mehr Gäste als zuvor erwartet“, sagt Christian Schottenhamel, Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga Bayern.

München: Diese Bilanz ziehen Veranstalter und Protest-Aktivisten nach der IAA

Aber nicht nur Auto-Fans waren in der vergangenen Woche anzutreffen. Auch um gegen die IAA zu protestieren, waren Tausende in der Stadt. Ihr Ziel: den reibungslosen Ablauf der IAA verhindern. Laut Polizei gab es im Einsatzverlauf 200 Identitätsfestellungen und 144 Anzeigen, 87 Personen wurden vorübergehend fest- oder in Gewahrsam genommen.

Die Kundgebung der IAA-Gegner am Samstag auf der Theresienwiese

Gleich am Dienstag hatten sich Aktivisten von Autobahnbrücken rund um München abgeseilt. Die Protestler wurden mehrere Tage in Gewahrsam genommen – laut Polizei wegen Wiederholungsgefahr. Verankert ist die Anwendung der sogenannten Präventiv-Haft im umstrittenen bayerischen Polizeiaufgabengesetz.

Radsternfahrt der Gegner: Auf 16 Routen nach München

Am Wochenende fanden dann gleich mehrere Demonstrationen statt. Die größte war eine Radsternfahrt am Samstag, die auf 16 Routen in die Stadt führte. Parallel dazu gab’s einen Demozug zu Fuß, laut Polizei mit 4500 Demonstrierenden. Die Protestler versammelten sich auf der Theresienwiese, liefen zum Königsplatz und wieder zurück zur Theresienwiese. Dort trafen sich beide Demonstrationen am Ende zu einer gemeinsamen Kundgebung.

Radeln fürs Klima bei der großen Radsternfahrt

Die Theresienwiese war das Zentrum der Organisation der Proteste: Am Dienstag hatten Aktivistinnen und Aktivisten hier das Protestcamp gegen die IAA eröffnet.

Während der Demos kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Aktivisten und Polizei, immer wieder setzten Polizisten Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Wie am Freitag: IAA-Gegner besetzten ein leerstehendes Haus an der Karlstraße, kletterten auf Bäume, um Banner zu befestigen. Andere blockierten Stände auf dem Odeonsplatz und die Umweltspur „Blue Lane“ auf der A94 (tz berichtete). Die Proteste und die Polizeieinsätze sind jetzt auch Thema im Landtag. Die Grünen haben eine Reihe von Anträgen gestellt, um die Geschehnisse „detalliert und umfassend“ aufzuarbeiten: „Hier ist größtmöglich Transparenz gefragt.“

IAA in München: Das sagen die Veranstalter

Von den Veranstaltern ist die IAA als voller Erfolg gewertet worden. „Über 400 000 Teilnehmer in nur sechs Tagen sind eine deutliche Abstimmung mit den Füßen“, sagte die Präsidentin des Branchenverbandes VDA, Hildegard Müller. Das neue Konzept der Ausstellung, die Autos und Fahrräder in der ganzen Stadt und nicht nur in den Messehallen zu präsentieren, sei von allen gut angenommen worden. „Besonders positiv bewertet wurde die Mischung der Aussteller und die Möglichkeit, Neuheiten direkt testen zu können.“ 

IAA in München: Das sagen die Aktivisten

„Die Klimagerechtigkeitsbewegung hat gezeigt, dass sie nicht mehr aufzuhalten ist“, sagt Elena Balthesen, Sprecherin des Protest-Camps auf der Theresienwiese. Unverhältnismäßig sei die Polizei aber gegen Aktivisten vorgegangen. Das erzählt Klimaaktivistin Matilda (18, auf dem Foto links): Am Freitag war sie auf einen Baum vor dem besetzten Haus an der Karlstraße geklettert. Drei Polizisten hätten sie runtergezogen, sodass sie aus zwei Metern Höhe auf den Rücken fiel. Eine sofortige Behandlung der Aktivistin, die über Schmerzen im Rücken- und Brustbereich klagte, sei durch die Polizei verhindert worden. Mirjam (24, Foto rechts), die bei der Abseil-Aktion von der Autobahnbrücke dabei war, war vier Tage in Gewahrsam. Sie erzählt: Keine Telefonanrufe und Isolationshaft wegen Corona.

Kritik am Polizeieinsatz* gab es auch von Journalisten. Ein freier Mitarbeiter der Tageszeitung taz etwa, der bei der Hausbesetzung an der Karlstraße am Freitag dabei war, wurde zeitweise von der Polizei festgehalten. Vorübergehend habe die Polizei ihm zudem ein Berichtsverbot erteilt, so die taz. Ein Presseausweis schütze nicht vor Straftaten, so die Polizei. Die taz-Chefredaktion ist empört: Natürlich hätte die Presse das Recht, Aktivisten bei ihren Protestaktionen zu begleiten und diese zu dokumentieren. Auch Journalistenverbände üben scharfe Kritik.

Oberbürgermeister Dieter Reiter freut sich über die Entscheidung, die IAA nach München zu holen.

IAA in München: Das sagt die Stadt

Oberbürgermeister Dieter Reiter* (SPD) zeigt sich mit der Entscheidung, die IAA nach München zu holen, zufrieden. Sowohl für die Besucher als auch für Handel, Hotels und Gastronomie sei die Messe ein Erfolg gewesen. „Der Anfang der Transformation, von einer reinen Automesse zur Mobilitätsmesse, ist aus meiner Sicht gelungen.“ Natürlich polarisiere die IAA auch, Proteste seien legitim. „Insgesamt wurden diese erfreulicherweise – bis auf wenige Ausnahmen – friedlich und im Rahmen der genehmigten Demonstrationen vorgetragen.“ L.Billina, L.Felbinger *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Klaus Hag

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