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Schock für Rentner: Stromabschlag hat sich vervierfacht

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Von: Sophia Oberhuber

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Viermal höhere Stromkosten: Josef Berndl versucht, sich gegen seinen Energieanbieter zu wehren
Viermal höhere Stromkosten: Josef Berndl versucht, sich gegen seinen Energieanbieter zu wehren. © markus götzfried

Die Stromkosten des Ehepaar Berndls aus München haben sich seit Anfang des Jahres beinahe vervierfacht. Um die Mehrkosten zu schultern, sparen sie beim Essen. Die Verbraucherzentrale arbeitet aktuell an einer Sammelklage gegen den zuständigen Energieanbieter. Der Vorwurf: Das Unternehmen soll die Preise erhöht haben, obwohl es mit den Kunden anders vereinbart war.

München - Auf den Kontoauszügen von Josef Berndl sind jeden Monat Posten mit Kugelschreiber eingekringelt. Manchmal steht da auch ein Fragezeichen neben den Beträgen, die der Stromanbieter des 72-Jährigen abgebucht hat. Josef Berndl lebt mit seiner Frau Berta seit mehr als 30 Jahren in derselben Wohnung in Haidhausen zur Miete - mit denselben Stromkosten.

Doch seit Anfang des Jahres erschrickt Berndl immer wieder, schaut er auf die Kontoauszüge. Der Stromanbieter hat die monatlichen Kosten fast vervierfacht. Und der Rentner weiß nicht, wie er die Mehrkosten schultern soll.

Münchner, der von den drastisch erhöhten Stromkosten betroffen ist: „Man kann sich nichts mehr leisten.“

„Man kann sich nichts mehr leisten. Dann müssen wir eben beim Essen sparen. Fleisch gibt es nur noch ab und zu“, sagt der 72-Jährige. Früher hat sein Stromanbieter Voxenergie monatlich 178 Euro abgebucht. Anfang des Jahres waren es dann aber plötzlich 672,19 Euro. Ob das Unternehmen die Erhöhung schriftlich angekündigt hat, daran kann sich Berndl nicht mehr erinnern.

Um gegen die Kosten etwas zu unternehmen, hat der Haidhauser im März Widerspruch gegen die Abbuchung eingelegt. Das hatte aber eine Mahnung zur Folge - und die Drohung mit einer Betrugsanzeige, würde Berndl den Betrag nicht überweisen.

Ab dem Sommer belief sich die monatliche Abbuchung sogar auf 703, 48 Euro. Das entspricht etwa einer Vervierfachung der Kosten. „Wir verbrauchen aber nicht mehr Strom als sonst“, versichert der Rentner.

Verbraucherzentrale arbeitet bereits an Feststellungsklage gegen Voxenergie und Primastrom

Berndl ist bundesweit nicht der Einzige, der beim Blick auf Stromabbuchungen erschrickt. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (Vzbv) plant aktuell eine Sammelklage gegen Voxenergie und Primastrom. Die Energieanbieter haben demnach immer wieder die Preise erhöht, obwohl das so vertraglich nicht vereinbart war.

Seit Jahresbeginn erreichten die Vzbv dazu auffallend viele Beschwerden, denen teilweise eine Verdreifachung der Kosten zugrundelag. Das ist laut Vzbv nicht hinnehmbar. Die Musterfeststellungsklage hat zum Ziel, die Erhöhungen für unwirksam zu erklären - und Verbraucher damit nur die ursprünglich vereinbarten Preise zahlen müssen. Etwa 700 potentiell Betroffene hätten sich laut einem Pressesprecher bereits gemeldet (weitere Informationen und Umfrage der Verbraucherzentrale).   

Drastisch erhöhte Energiekosten bei Voxenergie waren in den Fällen, die der Verbraucherzentrale vorliegen, gar nicht zulässig

Anruf bei der Verbraucherzentrale in Bayern. Marion Gaksch ist Referentin für Marktbeobachtung Energie. „Alle Fälle, die uns vorliegen, hatten vertraglich eine Preisgarantie vereinbart. Die Erhöhung ist also gar nicht zulässig.“ Ob auch die Berndls in ihrem Vertrag mit Voxenergie eine solche Garantie haben, weiß der 72-Jährige nicht.

Aber auch ohne Preisgarantie, so Gaksch, muss im Vertrag eine Erhöhungsklausel enthalten und diese wiederum überhaupt zulässig sein. Auch wenn beides vorliege, müsse der Stromanbieter die Erhöhung zudem transparent anzeigen und auf ein Sonderkündigungsrecht hinweisen.

Die Bundesnetzagentur hat ein Aufsichtsverfahren gegen Voxenergie und Primastrom eingeleitet

Die Bundesnetzagentur zweifelt daran, dass der Hinweis auf höhere Kosten die Voxenergie- und Primastrom-Kunden rechtzeitig erreicht hat. Es läuft ein Aufsichtsverfahren.

Warum die Preise so drastisch gestiegen sind, teilen die Anbieter laut Gaksch „wenig transparent“ mit. Eine Anfrage bei Voxenergie blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Grundsätzlich rät Gaksch Betroffenen, wie Familie Berndl, einen Anwalt einzuschalten. „Die Anbieter lassen nicht mit sich reden.“

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