Das Netz der Spione an der Isar

Studie deckt Geheimdienst-Orte in und um München auf - auch die Frauenkirche gehörte dazu

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Im Nordturm der Frauenkirche befanden sich Anlagen des Observationskommandos „QB30“ des BND.

Von der Tarnfirma über die konspirative Wohnung bis zur offiziellen Dienststelle: Der Weilheimer Geheimdienst-Kenner Erich Schmidt-Eenboom hat für ein Kunstprojekt rund 150 ehemalige und aktuelle nachrichtendienstliche Adressen in und um München zusammengetragen.

München - Geheimdienste: Die einen verbinden sie mit James Bond, die anderen mit Methoden am Rande des Rechtsstaats. Zuletzt hatte in München die Meldung für Aufregung gesorgt, im Nordturm der Frauenkirche befinde sich eine Funkanlage des Bundesnachrichtendienstes (BND). Katholische Laien waren empört, der Auslandsgeheimdienst baute die Anlage nach Angaben der Erzdiözese um Ostern herum ab.

Die Information über die Anlage stammte vom Weilheimer Publizisten Erich Schmidt-Eenboom (64), der sich seit 30 Jahren mit Geheimdiensten beschäftigt. Aktuell hat er für ein Kunstprojekt (unten) rund 150 aktuelle und ehemalige nachrichtendienstliche Adressen von 1945 bis heute in München und Umland zusammengetragen.

Für seine Studie hat Schmidt-Eenboom ein zentrales CIA-Dokument von 1965 und zahlreiche weitere amerikanische, französische und deutsche Geheimdienstdokumente sowie Münchner Adressbücher und Handelsregister ausgewertet. Außerdem sprach er mit Ex-Agenten. Sieben aktuelle BND-Adressen in und um München hat er herausgefiltert. Die BND-Pressestelle wollte diese Adressen, wie in solchen Fällen üblich, weder bestätigen noch dementieren.

  • Die Zentrale in Pullach (Heilmannstraße 30) ist eine ehemalige NS-Mustersiedlung und trägt den Decknamen „Objekt Nikolaus“. Sie war seit dem 6. Dezember 1947 der Sitz einer Vorläufer-Organisation des BND. Nach dem endgültigen Umzug des BND nach Berlin werden noch 1020 Mitarbeiter der technischen Aufklärung in Pullach bleiben.
Die Einfahrt zum Bundesnachrichtendienst in Pullach bei München.
  • In der Helene-Weber-Allee 23 in München wurden zuvor auf das Stadtgebiet verteilte BND-Dienststellen zusammengefasst. Hinter der auf einem Namensschild vermerkten Garner-Stiftung verbirgt sich laut Schmidt-Eenboom wahrscheinlich ein „Versorgungswerk für herausgelöste oder verhaftete BND-Agenten und ihre Familien“.
  • Gleich um die Ecke liegt das Anwesen Dachauer Straße 128. In der Bundeswehrliegenschaft befindet sich – in unmittelbarer Nähe zum Militärischen Abschirmdienst MAD – das Observationskommando „QB30“ des BND. Die Funkleitzelle für die Funkkreise des Kommandos befand sich im Nordturm der Frauenkirche. In dem Kommando arbeiten laut dem Experten statt 40 nur noch 20 Observanten.
  • In der Bayernkaserne (Heidemannstraße 50) liegt das Personalbüro für Soldaten, die beim BND arbeiten.
  • In der Andechser Straße in Starnberg befindet sich ein Internats- und Lehrgebäude des BND. Im Rahmen der Transparenzoffensive des Dienstes wurde der Parkplatz mit einem Schild versehen: „Privatparkplatz nur für Mitarbeiter und Gäste des BND“.
  • In Stockdorf (Landkreis Starnberg) wurde Mitte der 1960er-Jahre ein „Fernmeldetechnisches Institut“ aufgebaut. Das ist ein Entwicklungslabor für Fernmelde- und Sicherheitstechnik. In der Wanneystraße 10 (Objekt Stellwerk) befindet sich die sogenannte Messstelle 3. 2006 waren hier noch 329 Bedienstete im Einsatz, die Einrichtung soll mit dem Umzug des BND nach Berlin nach Pullach verlegt werden. Auch dieser Standort ist seit 2014 mit „BND“ gekennzeichnet.
  • In der Wasserburger Straße 43 in Haar liegt das BND-Objekt „Weberei“. An dieser Adresse werden unter anderem Mitarbeiter für den gehobenen nichttechnischen Dienst ausgebildet.
Die Einfahrt zur Bayernkaserne im Jahr 2005.

Ehemalige Adressen

  • Eine prächtige gelbe Villa am Shakespeareplatz (Keplerstraße 15, Bogenhausen). Hier residierte von Ende 1948 bis 1962 ein Stab des US-Marinenachrichtendienstes ONI, der eng mit Pullach zusammenarbeitete. Bis Ende 2010 befand sich dann eine Verbindungsstelle der Defense Intelligence Agency der US-Streitkräfte hier. Die Villa steht nun leer.
  • Zu den Tarnfirmen der Vorläuferorganisation des BND, der Organisation Gehlen, zählte die CIA etwa die „Gloria Film-Verleih“ (u.a. „die Trapp-Familie) von Ilse Kubaschewski am damaligen Karlsplatz 19. Die Organisation Gehlen hatte die Firma, als sie noch den Namen „Süd-Film-Vertriebs GmbH“ trug, 1947 teilweise finanziert und übernahm sie laut Schmidt-Eenboom später ganz. „Die Firma hatte viele nützliche nationale Kontakte.“
  • Hier wollte niemand arbeiten: In der Tangastraße 22 siedelte der BND 1982 eine intern „Bund der Unfähigen“ genannte Einheit an. Hierhin wurden Mitarbeiter versetzt, die ihren Sicherheitsbescheid etwa wegen Alkoholismus verloren hatten.
  • In der ehemaligen „Oberpostdirektion“ in der Arnulfstraße 60 lag bis mindestens 1969 eine Abhörzentrale.
  • Das Objekt „Sattelhof“ befand sich in den 1980er-Jahren in der Karl-Theodor-Straße 55 am Bonner Platz. Hier ging es um die operative DDR-Aufklärung. Doch: Das Objekt war jahrelang von der Stasi ausgespäht worden. „In einer gegenüberliegenden Wohnung ließ das Ministerium für Staatssicherheit sogar eine attraktive Blondine unbekleidet Morgengymnastik machen, um die voyeuristischen BND-Mitarbeiter von einem Dachfenster aus abzulichten“, so Schmidt-Eenboom.
Auf dem Gelände des Bundesnachrichtendienstes in Pullach bei München.

Dieses Kunstprojekt führte zu der Studie

Die Geheimdienst-Orte in München und Umgebung hat Erich Schmidt-Eenboom im Auftrag des Künstlers Franz Wanner (43) recherchiert. Der ist bekannt für seine multimedialen Installationen. Wanner ist mit seinem Projekt „Die Befragung“ beim dreimonatigen Festival von Kunst im öffentlichen Raum „Public Art Munich“ dabei (noch bis 27. Juli). Bei „Die Befragung“ geht es um das Befragungswesen des BND. In der „Hauptstelle für Befragungswesen“ hatte der BND zur Informationsgewinnung Asylsuchende ausgefragt – teilweise gemeinsam mit Partnerdiensten. Partnerdienste durften die Befragungen teils auch selbst durchführen. Heiß diskutiert im Herbst 2013: Asylbewerbern sollen, wenn sie kooperierten und Informationen lieferten, Aufenthaltsgenehmigungen in Aussicht gestellt worden sein. Zum 30. Juni 2014 wurde die Stelle nach Angaben des BND aufgelöst. Solche Vernehmungen soll es aber an anderen Orten weiterhin geben. Wanners Inszenierung simuliert eine Übung im Rahmen der Beamtenausbildung. Ab Donnerstag bis Sonntag ist das Projekt in der Ludwigsvorstadt gemeinsam mit zwei anderen Stationen zu sehen (je 15 bis 20.30 Uhr). Alle Inszenierungen laufen unter dem Namen „X Shared Spaces“, eine Kooperation von „Public Art Munich“ mit den Kammerspielen. Treffpunkt ist der „Club 29“ an der Dachauer Straße 29. Karten gibt es für 19 Euro unter kammerspiele.de (Premiere ausverkauft).

Das sind die Aufgaben des Bundesnachrichtendiensts (BND)

Der BND ist als einziger der drei deutschen Nachrichtendienste zuständig für die Auslandsaufklärung. Neben ihm gibt es noch das Bundesamt und die Landesämter für Verfassungsschutz. Sie sammeln Informationen über verfassungsfeindliche Bestrebungen und bekämpfen ausländische Spionage. Hinzu kommt der Militärische Abschirmdienst (MAD) der Bundeswehr zur Abwehr von Spionage und Sabotage gegen die Streitkräfte. Beim BND arbeiten etwa 6500 Mitarbeiter. Er entstand 1956 aus der „Organisation Gehlen“. Erst seit dem Jahr 1990 regelt auch ein Gesetz die Aufgaben des BND (Gesetz über den Bundesnachrichtendienst). 2016 wurde es reformiert und verschaffte dem BND mehr Befugnisse, was zu Kritik führte. Deutsche abhören darf der BND nicht – der Dienst hat diese Regel aber in der Vergangenheit mehrfach verletzt, etwa indem er Journalisten des Spiegel oder auch den Publizisten Erich Schmidt-Eenboom bespitzelte. Seit seiner Gründung erschütterten den BND zahlreiche Affären. Seit dem Jahr 2014 gibt es eine Transparenzoffensive: Bisherige Tarnnamen einiger Einrichtungen wurden abgeschafft. Mitarbeiter dürfen sich öffentlich zu ihrer Arbeit bekennen. Die Zentrale des BND lag lange Zeit in Pullach (Kreis München), sie wird aber seit 2014 nach Berlin in einen Neubau verlagert. In Pullach sollen Arbeitsplätze für rund 1000 Spezialisten der technischen Aufklärung verbleiben.

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