1. tz
  2. München
  3. Stadt

Weihnachts-Serie zugunsten der Münchner Tafel und Unicef: Der Weg zum gedeckten Tisch

Erstellt:

Kommentare

Frieso kennt sich im Lager der Münchner Tafel bestens aus. Für das Foto hat er (dreifach geimpft) die Maske abgenommen.
Frieso kennt sich im Lager der Münchner Tafel bestens aus. Für das Foto hat er (dreifach geimpft) die Maske abgenommen. © Klaus Haag

In unserer Weihnachts-Serie stellen wir die großen logistischen Aufgaben der Münchner Tafel vor. Unicef in Malawi steht dagegen vor ganz anderen Herausforderungen.

München - Jeden Tag hat die Münchner Tafel große logistische Aufgaben zu bewältigen. Damit die Lebensmittel rechtzeitig zu den Ausgabestellen und sozialen Einrichtungen kommen. Unicef steht in Malawi vor ganz anderen Herausforderungen: Wie kommt die Hilfe in die entlegenen Gebiete und welche Hilfe macht dort Sinn? Wir stellen Ihnen das System der Münchner Tafel vor und haben mit Rudolf Schwenk, Unicef-Chef in Malawi, darüber gesprochen, wie die Programme des Kinderhilfswerks in dem kleinen ostafrikanischen Staat überhaupt funktionieren.

Münchner Tafel: Die Ausgabestellen

28 Ausgabestellen verteilt über die gesamte Stadt gibt es aktuell in München*. Tendenz steigend. Die Zahl der Gäste ist unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab. Bedarf, Raumangebot und Zahl der Ehrenamtlichen. Größte Anlaufstelle ist die Ausgabe auf dem Großmarktgelände. Am Westtor gab es vor Corona* montags, mittwochs, freitags eine Verteilung. Dann war die Ausgabestelle neun Wochen lang die einzige Anlaufstelle für die Gäste. Bis zu 3000 Menschen kamen täglich. Die Mitarbeiter legten 15-Stunden-Schichten ein, um die neue Herausforderung zu meistern. Inzwischen läuft es an allen Ausgabestellen wieder im Vollbetrieb, allerdings mit einem strengen Hygiene- und Sicherheitskonzept. Und viel Mehrarbeit für die Helfer (Kontrollen, Abstandsflächen schaffen…).

Münchner Tafel: Der Fuhrpark

Die Flotte der Tafel umfasst 19 Lieferfahrzeuge, davon 17 Kühltransporter. Jeden Morgen gegen 7 Uhr in der Früh treffen sich die Fahrer auf dem Großmarktgelände, wo die weißen Lkw mit dem Logo der Münchner Tafel stationiert sind. In festen Teams sind Fahrer und Beifahrer unterwegs, jetzt in Corona-Zeiten gehört dies zum Hygiene- und Sicherheitskonzept. 400 0000 Kilometer pro Jahr werden pro Jahr zurückgelegt, um Waren von Spendern und Lieferanten abzuholen und ins Lager und zu den Ausgabestellen zu bringen. Die Strecke aller Transporter entspricht acht Runden um die Erde. Vier fest angestellte Mitarbeiter und weitere Helfer kümmern sich darum, dass die Flotte immer startklar ist und behebt kleinere Schäden etc. selbst. Jedes Mal ein Fahrzeug in die Reparatur zu geben, wäre viel zu teuer. „Wir haben Gott sei Dank so viele Helfer mit Talenten, davon profitieren wir häufig“, so Hannelore Kiethe, Chefin der Münchner Tafel.

Münchner Tafel: Die Mitarbeiter

Über 750 Ehrenamtliche setzen sich 365 Tage im Jahr für die Tafelgäste ein. Darunter mehr als 100 Fahrer und Beifahrer (siehe Fuhrpark). Die Helfer versorgen ihre Gäste nicht nur mit Lebensmitteln, sondern begleiten Sie auch Woche für Woche mit ein paar herzlichen und verständnisvollen Worten, einem wertvollen Rat oder nützlichen Tipps. Wer bei der Münchner Tafel mitmacht, übernimmt zu 100 Prozent ein Ehrenamt. Über 150 000 Stunden leisten die Ehrenamtlichen jedes Jahr. Allein bei einem Mindestlohn von 9,60 Euro würde das 1,4 Millionen Euro Personalkosten entsprechen. „Unsere Ehrenamtlichen sind das Fundament der Münchner Tafel, ohne Sie würde das ganze System nicht funktionieren“, erklärt Hannelore Kiethe. Dazu kommen 11 Festangestellte und 38 geförderte Arbeitsplätze (unter anderem Bundesfreiwilligendienst, junge Menschen, die ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren, 1 Euro-Jobber)

Münchner Tafel: Die Waren und das Lager

Jede Woche werden 125 Tonnen Lebensmittel, die qualitativ einwandfrei, aber im Wirtschaftsprozess nicht mehr verwendet werden können (zum Beispiel Überproduktion, Verpackungsfehler, nicht in der Normgröße) an Bedürftige verteilt. So bewahrt die Münchner Tafel etwa 6,5 Millionen Kilo Lebensmittel jährlich vor der Entsorgung. Spender sind unter anderem Bäckereien, Bioläden, Großmärkte, Molkereien, Bauern. Dazu kommen Kooperationen und Geldspenden. Spender und Sponsoren – inzwischen unterstützen 170 Firmen die Arbeit der Münchner Tafel – stellen zudem sicher, dass es im Winter beispielsweise genug Obst und frisches Gemüse an den Ausgabestellen gibt. Hannelore Kiethe: „Die Sponsoren stellen die Grundversorgung sicher und helfen mit gezielten Zusatzaktionen, mit denen die Münchner Beispielweise Kinder in der Coronakrise auch mit anderen Leistungen beispielsweise Laptops unterstützen konnten.“

Zentral für die Verteilung der Lebensmittel ist das Lager auf dem Großmarktgelände. Die Mitarbeiter sorgen dafür, dass für die Ausgabestellen die richtigen Mengen und die richtigen Produkte geliefert werden. Sie ent- und beladen die Transporter, sortieren die Waren, bereiten Lieferungen unter anderem für soziale Einrichtungen vor, die von der Tafel beliefert werden.

Münchner Tafel: Die Gäste

22 000 Gäste versorgt die Tafel jede Woche mit Lebensmitteln. Hierzu gehören unter anderem von Armut betroffene Rentner, Menschen, die durch schwere Schicksalsschläge in die Armut geraten sind, Flüchtlinge, kinderreiche Familie, die mit einem kleinen Einkommen in München nicht überleben können, Alleinerziehende, Arbeitslose, kranke Menschen und inzwischen viele Münchner, die in versteckter Armut leben und rund 100 soziale Einrichtung, über die eine Vielzahl von Bedürftigen erreicht werden. Um Gast der Münchner Tafel zu werden, braucht de Verwaltung einen offiziellen Nachweis der Bedürftigkeit. Inzwischen gibt es bei jeder Ausgabestelle eine Warteliste. Sobald ein Gast rausfällt, weil er die Unterstützung nicht mehr benötigt, rückt der nächste nach. „Härtefälle nehmen wir aber immer auf“, verspricht Hannelore Kiethe. „Wir lassen niemanden, der in einer echten Notsituation ist, im Stich.“

Unicef in Malawi: Gespräch mit Mitarbeiterin Claudia Berger

Seit 1964 arbeitet Unicef in Malawi. Doch noch immer gehört der kleine Staat in Ostafrika (knapp 20 Millionen Einwohner) zu den ärmsten Ländern der Welt. Wie schaut die Arbeit des Kinderhilfswerk in Malawi konkret aus, wie funktioniert das System Unicef in Malawi? Ein Gespräch von Unicef-Mitarbeiterin Claudia Berger, die für uns Malawi besucht hat, mit Rudolf Schwenk, der das dortige Büro seit 2019 leitet.

Auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen liegt Malawi immer noch auf Platz 172 von 183. Warum?

Rudolf Schwenk: Malawi hat einige seiner Entwicklungs-Ziele der UN schon erreicht - HIV und Kindersterblichkeit sind signifikant gesunken, die Einschulungsrate ist ebenso gestiegen. Das Land macht langsam aber sicher wirklich Fortschritte. Es gibt trotzdem noch viel zu tun: im Bereich Gesundheitssystem, Kindersterblichkeit, Müttersterblichkeit. Wir müssen auch zwingend weiter impfen.

„In Krisen-Ländern wie Somalia oder Südsudan helfen wir bei den absoluten Grundlagen“

In welchen Bereichen arbeitet Unicef in Malawi?

Hier in Malawi bedienen wir mit rund 200 Leuten das gesamten Menü von Unicef-Aktivitäten: Erziehung, Ernährung, Gesundheit, Wasserversorgung, Kinderschutz, Arbeit mit Jugendlichen, HIV, Notfallvorsorge, Notfallhilfe.

Können Sie das Engagement von Unicef konkretisieren?

Wir arbeiten immer direkt mit der Regierung zusammen. So entstehen individuelle Länderprogramme, die normalerweise auf fünf Jahre angelegt sind. In Malawi läuft das aktuelle Programm noch bis 2023. Wenn wir den Plan erstellen, fragen wir: Was braucht und will das Land? Was will die Regierung? Was ist die Entwicklungsidee? Was können wir von Unicef dazu beitragen?

Haben Sie dafür Beispiele?

In einem Land wie Ecuador zum Beispiel, also in einem Staat, der schon weiterentwickelt ist, geht es eher um Kinderrechte, Interessenvertretung und technischen Support. Und dann gibt es große Krisen-Länder wie Somalia oder Südsudan, in denen die Regierung gar nicht die Kapazität hat, selbst richtig aktiv zu werden. In solchen Ländern helfen wir selbst bei den absoluten Grundlagen. Da kaufen wir Schulbücher, Impfstoffe, arbeiten gegen Hunger und sorgen für sauberes Wasser.

Und Malawi?

Malawi ist ein Low-Income Country (Niedriglohnland). Hier müssen wir Aufgaben für die Regierung übernehmen und mit lokalen Partnern kooperieren. Wir helfen einerseits mit Dienstleistung oft über lokale Organisationen. Andererseits machen wir auch „policy work”, also Politikberatung. Zum Beispiel erstellen wir Analysen, wofür die Länder das wenige Geld, das sie haben, ausgeben. Anhand dieser Daten helfen wir der Regierung, zu priorisieren.

Was sind die großen Probleme für Kinder in Malawi?

Nummer 1 ist natürlich die Mangelernährung. Im Bildungsbereich hapert es eigentlich an allem. Viele Schulen haben nicht mal Tische. Lehrer sind nicht ordentlich ausgebildet. Es gibt also sehr viel zu tun. Und das ist in Zeiten von Corona nicht weniger geworden.

Wenn alle Zuhause sind - wie kann man dann weiter für die Kinder arbeiten?

Dafür muss man noch mal unseren Ansatz hier verstehen: Unicef implementiert hier in Malawi nicht. Sondern wir helfen zu implementieren. Für die meisten Projekte haben wir lokale Partner. Die Workshops macht zum Teil die Regierung oder NGOs., Und die Leute vor Ort haben dann auch gearbeitet. Die Schulen sind relativ schnell geschlossen worden, leider viel zu unvorbereitet. Da hätte man den Kindern eigentlich noch was mitgeben können, z.B. wie wichtig Hände waschen ist.

„Nur zehn Prozent der Leute haben Zugang zu Strom“

Wie haben Sie als Unicef reagiert?

Als eines der ersten Länder haben wir Distanzlernen übers Radio angeboten. Weil das Internet hier nur vereinzelt stabil verfügbar ist. Ohnehin haben nur zehn Prozent der Leute Zugang zu Strom, und beim Internet ist es ähnlich. Zu Covid haben wir dann auch das ganze Gesundheitssystem auf Vordermann gebracht - von den Abläufen bis hin zum Händewaschen. Anfang des Jahres 2021 erreichten uns dann die COVAX Impfstoffe und die ganze Immunisierungskampagne ist gestartet. Die wird komplett von Unicef gesteuert.

Was genau machen Sie dabei?

Erstmal die Impfstoffe organisieren, dann die Impfstoffe dahin bringen, wo sie hingehören, und die Menschen überzeugen, dass sie sich auch impfen lassen. Das hat gut funktioniert. Der erste Impfling war der Präsident.

Wie wirkt sich Covid denn auf die Bevölkerung aus?

Die Regierung hat es eigentlich ganz gut gemacht und keine kompletten Lockdowns ausgerufen. Die Menschen sind zum Großteil Tagelöhner, die brauchen ihre zwei Dollar am Tag, sonst verhungern sie. Die Kinderarbeit ist aber zum Beispiel gestiegen, auch Kinderehen, und Mangelernährung. Ich meine, der beste Platz für Kinder ist in der Schule, logischerweise. Zudem gab es recht schnell mehr Teenager-Schwangerschaften und das, was wir early marriage, nennen, also Kinderehen.

Wenn die Schulen ausfallen, fällt auch die Schulspeisung aus….

Ja, dadurch ist die Mangelernährung natürlich nicht besser geworden. 30 % oder fast 40 % der Menschen hier sind „stunted”, d.h. zu klein für ihr Alter. Das müsste nicht sein.

Viele Kinder konnten während Corona nicht in die Schule gehen. Welche Perspektiven gibt es jetzt für junge Menschen?

Das ist genau die Frage: Was kriegen die Kinder denn überhaupt für Jobs? Malawi hat eine Version für das Jahr „2063“, zusammen mit der Afrikanischen Union: Bis dahin will das Land ein Middle-Income-Country werden.

Wie sinnvoll ist die Arbeit von Unicef dabei?

Ich glaube, dass unsere Arbeit Malawi sehr hilft. Aber dafür brauchen wir natürlich auch Unterstützung. Denn es ist nicht so, dass die Geber hier Schlange stehen. Malawi ist oft ein vergessenes Land… *tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

So können Sie spenden

Mit Ihrer Spende – und sei sie auch noch so klein – unterstützen Sie die tz-Hilfs­aktion Gemeinsam gegen Armut für die Münchner Tafel und Unicef. Konkret geht der Erlös an Familien, die in München trotz aller eigenen Anstrengungen auf Hilfe angewiesen sind – und an Kinder in ­Malawi, die nach Flut- und Dürrekatas­trophen weder genug zu essen haben noch in die Schule gehen können. Gemeinsam mit unseren Partnern und Ihnen, liebe Leser, möchten wir direkt vor unserer Haustür helfen. Und wir wollen Menschen in Malawi unterstützen, einem der ärmsten Länder der Welt. Denn Armut kann jeden treffen. Egal wo.

Spende per Online-Überweisung: Bitte wählen Sie zunächst die Organisation aus, für die Sie spenden möchten. Geben Sie bei der Überweisung auf das jeweilige Konto unbedingt als Stichwort Armut an. Bei Spenden bis 100 Euro gilt der Einzahlungsbeleg als Quittung fürs Finanzamt. Bei größeren Beträgen bekommen Sie von der jeweiligen Organisation automatisch eine Spendenquittung zugesandt. Bitte geben Sie im Feld Verwendungszweck unbedingt Ihren Namen und die ­Adresse an, sonst können wir Ihnen keine Spendenbescheinigung zuschicken. Empfänger: entweder Münchner Tafel oder Unicef.

Ein wichtiges Versprechen, das die tz seit über 30 Jahren hält: Jeder Cent, den Sie spenden, kommt zu 100 Prozent bei den Kindern und Familien an. Alle Verwaltungskosten werden aus anderen Töpfen und von Sponsoren übernommen.

Die Spendenkonten

Für Unicef
Commerzbank
IBAN: DE78 7008 0000 0326 9000 00
BIC: DRESDEFF700

Für die Münchner Tafel e.V.
HypoVereinsbank
IBAN: DE37 7002 0270 6850 1933 10
BIC: HYVEDEMMXXX

Ihre Ansprechpartnerin

Haben Sie noch Fragen oder möchten selbst aktiv werden, beispielsweise eine eigene Spendensammlung oder ­Versteigerung organisieren? Dann rufen Sie an oder schreiben eine E-Mail.

tz-Redakteurin Dorit Caspary hat sich ­sowohl bei den Projekten der Münchner Tafel als auch bei Unicef ein Bild ­gemacht. Sie können sich sicher sein: ­Jeder Spenden-Euro wird dringend ­gebraucht und sinnvoll verwendet.

Unsere Reporterin erreichen Sie unter Tel. 089/5306-512 oder per E-Mail unter dorit.caspary@merkurtz.de.

Spendenbeispiele

Nur 78 Euro reichen, um einen Tafelgast ein ganzes Jahr lang mit Lebensmitteln zu unterstützen. Wie Sie ganz einfach Gastgeber für Münchner in Not werden: www.muenchner-tafel.de. Mit 30 Euro kann Unicef einen Monat lang ein akut mangelernährtes Kind mit lebensrettender Erdnusspaste versorgen.

Auch interessant

Kommentare