Tierschützer sind erzürnt

München bekommt neue Labors für Tierversuche

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Grausam oder notwendig? Die neuen Labors für Tierversuche sorgen in München für Proteste.

München - Die Zahl der Versuchstiere in Deutschland steigt weiter an. Jetzt sollen in München zwei neue Labors für Tierversuche entstehen - sehr zum Ärger der Naturschützer.

Die Bilder wecken Emotionen: Versuchstiere in Käfigen, Mäuse unter grellen Lampen, Äffchen mit Elektroden am Kopf. Einig sind Forscher und Tierschützer, Politiker und Industrie, dass so wenig Tiere wie möglich für Versuche herhalten sollen. Computersimulation, Zellkulturen und Tests im Reagenzglas bieten in vielen Fällen bereits eine Alternative. Dennoch nimmt die Zahl der Versuchstiere weiter zu. In München sorgt der Neubau zweier Labors mit Zehntausenden Tieren daher für Proteste.

Tierschützer bezeichnen München als eine Hochburg für Tierversuche

An der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) entsteht ein neues BioMedical Center für Grundlagenforschung, in dem Lehrstühle zusammenziehen und so bestehende Einrichtungen gebündelt werden sollen. „Durch die moderne Infrastruktur - unter anderem die Möglichkeit, alternative Methoden zu Tierversuchen zu nutzen - werden die für die Grundlagenforschung notwendigen Tierversuche der einziehenden Institute reduziert“, verspricht die LMU. Bis zu 9000 Käfige für gut 50.000 Mäuse und andere Nager sowie bis zu 1.700 Käfige für Krallenfrösche sind vorgesehen. Auch am Klinikum Rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM) ist ein neues Labor geplant: Das Forschungszentrum für Translationale Onkologie soll ab 2014 gebaut werden. Auf 700 Quadratmetern werden dann, so der Plan, bis zu 36.000 Mäuse und 800 Ratten leben, darunter genveränderte Tiere. Diese brächten gerade bei onkologischen und immunologischen Fragen Erfolge, erläutert die TUM.

„München ist nur eines von vielen Beispielen“, sagt die Sprecherin von „Ärzte gegen Tierversuche“, Silke Bitz. Große Zentren gibt es auch in Berlin, Düsseldorf, Hannover, Heidelberg, Göttingen, Tübingen und Freiburg - überall, wo biomedizinische Forschung stattfindet. Der Verband nennt München aber als eine der schlimmsten Hochburgen.

Tierversuche sind teilweise sogar gesetzlich vorgeschrieben

Bei Unbedenklichkeitsprüfungen von Gebrauchsgütern wie Farben oder Pestiziden, aber auch vor der Marktzulassung von Medikamenten sind Tierversuche gesetzlich vorgeschrieben. „Bestimmte Dinge kann man nur am Gesamtorganismus sehen“, sagt Rolf Hömke vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). „Eine Zellkultur hat keinen Blutdruck, eine Zellkultur hat keine Immunsystem“, erläutert Hömke. „Meine erste Frage an einen Tierexperimentator wäre nicht: Haben Sie viele Versuchstiere? Sondern: Gehen Sie mit den Tieren gut um?“ Gerade Forschung brauche Tiere, denen es gut gehe. „Mit einem ungestressten Tier hat man aussagefähigere Messergebnisse.“

Die Unternehmen im vfa, deutsche und ausländische forschende Pharmafirmen, brauchten pro Medikament weniger Tiere, sagt Hömke. Deren Zahl sank von 2001 bis 2011 um vier Prozent. „Bei den gesetzlich vorgeschriebenen Tierversuchen gehen die Zahlen erfreulicherweise zurück“, sagt auch Bitz. Alternativ-Methoden seien billiger, schneller und zuverlässiger. Insgesamt aber steigen die Versuchstierzahlen.

Tierschützer und Forscher streiten über die Notwendigkeit von Versuchen

Gegner halten Tierversuche für ganz überflüssig. „Es gibt eine ganze Bandbreite von tierversuchsfreien Forschungsmethoden etwa an Zellen, es gibt ausgeklügelte Computermodelle, da kann man den ganzen Verlauf mit einer Substanz durchspielen und Stoffwechselvorgänge und Nebenwirkungen im menschlichen Körper digital nachahmen“, sagt Bitz. Wissenschaftler entwickeln hier ständig neue Methoden. Gerade wurde eine an der Freien Universität Berlin entwickelte künstliche Haut prämiert, die allergisch reagieren kann. Einen Preis gab es auch für die Idee, Tierversuche durch Lungenstückchen zu ersetzen, die bei OPs übrig bleiben.

Die „Ärzte gegen Tierversuche“ kritisieren, Tierversuche seien nicht nur grausam. „Tierversuche sind für uns gefährlich, weil sie eine falsche Sicherheit vorgaukeln“, sagt Bitz. „Im Tier kann man seit Jahrzehnten Krebs heilen - das hat mit der menschlichen Erkrankung einfach nichts zu tun.“ Hömke hingegen sagt, viele Medikamente wirkten bei Tier und Mensch gleich. Nicht alles sei übertragbar, dennoch verbesserten Tests an Tieren vor klinischen Studien an Menschen deren Schutz. „Ich bin diesen Menschen schuldig, dass ich nichts unversucht lasse, Schaden von ihnen abzuwenden.“

Im Kosmetikbereich muss es inzwischen ohne Tierversuche gehen. Shampoo, Deo oder Creme - seit März dürfen in der EU keine Kosmetika mehr verkauft werden, die an Tieren getestet wurden.

dpa

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