Kein Anzeichen eines Verbrechens

Einsamer Tod im Münchner Hofgarten: Obdachloser stirbt - das sagen seine Freunde

Der Hofgarten in München.
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Der Hofgarten in München.

Das traurige Gesicht der Stadt hat sich am Mittwoch im Hofgarten gezeigt. Einsam starb dort ein wohl obdachloser Mann. Eine Spurensuche unter seinen Freunden.

Update vom 8. Februar 2021: Robert, Lukas, Vito und Blagoi sitzen am Tag nach dem Drama auf einer Parkbank, vis-à-vis der Arkaden, unter denen sie ihre Schlaflager gebaut haben. Sie alle sind obdachlos wie der Verstorbene. Und sie kannten ihn: Sein Name ist Angel S. und er war einer von ihnen. „Er ist eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht“, erzählen sie unserem Reporter in einer Mischung aus Deutsch, Bulgarisch und Englisch. Wie berichtet hatten andere Obdachlose am Donnerstagnachmittag Passanten gebeten, den Notarzt zu rufen, weil sich der Mann, ein Bulgare (59), nicht mehr rührte. Es war zu spät.

Gruppe Obdachloser: Sie stammen alle aus Bulgarien

Die zwischen 29 und 58 Jahre alten Männer stammen alle aus Bulgarien. Auf zum Teil abenteuerlichen Wegen sind sie vor Jahren nach München gekommen, zum Teil zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Sie suchten Arbeit, sie suchten ein besseres Leben. Das große Glück haben sie nicht gefunden.

Sporadisch bekommen sie Arbeit, meist auf Baustellen, erzählen sie. „Der Chef hat mir 20 Euro versprochen für einen Tag Arbeit, gegeben hat er mir 15.“ Es sei schwierig, Jobs zu kriegen, weil sie so heruntergekommen – so „ugly“, wie sie es nennen – ausschauen, das geben die Männer zu. Nun leben sie auf der Straße, schlafen draußen, auch im Winter.

Verstorbener Obdachloser Angel S..: Warum er starb, wissen seine Freunde nicht

Auch der verstorbene Angel S. war Teil ihrer Gruppe. Warum er starb, wissen sie nicht. Das soll eine Obduktion klären, sagt die Polizei. Es gibt eine Organisation in der Stadt, die sich um Obdachlose wie die Männer vom Hofgarten kümmert: „Schiller 25“ hilft wohnungslosen Menschen aus EU-Ländern wie Bulgarien, bietet ihnen „Übernachtungsschutz“ in der Unterkunft an der ehemaligen Bayernkaserne und berät sie.

Die Streetworker kommen auch zu den Leuten auf der Straße und sind mit dem Wärmebus unterwegs, wie Andreea Garlonta, Einrichtungsleiterin beim Evangelischen Hilfswerk, erklärt. „Unsere Streetworker haben die Männer auch nach dem Todesfall besucht.“ Die vier wüssten, welche Hilfsangebote es für sie gebe. „Sie haben aber entschieden, dies nicht zu nutzen.“

Nein, in die Bayernkaserne wollen sie nicht, sagen Robert, Lukas, Vito und Blagoi. Da werde geklaut, da gebe es Drogenabhängige. „Wir wollen hier am Hofgarten bleiben.“ Hier, unter den Arkaden, eingewickelt in ihre Decken, fühlen sie sich halbwegs sicher – selbst in einer kalten Winternacht.

Viele entscheiden sich trotz des Angebots der Stadt gegen eine Unterkunft

Es ist ein Angebot, das das Evangelische Hilfwerk den Wohnungslosen macht – zwingen kann sie niemand. „Alle Menschen, die zu uns kommen, bekommen einen Schlafplatz im Übernachtungsschutz“, sagt Andreea Garlonta, Einrichtungsleitung beim Evangelischen Hilfswerk. „Ob nur für eine Nacht oder länger – da gibt es keine Grenzen.“ In der Unterkunft in der früheren Bayernkaserne sei es früher so gewesen, dass die Menschen nur über Nacht bleiben durften. „Seit Corona ist die Einrichtung auch tagsüber offen.“ Die Männer schlafen seit Corona in den Zwölf-Bett-Zimmern zu sechst.

Trotzdem behagt die Unterkunft nicht allen, die auf der Straße leben. Viele Obdachlose denken, dort werde geklaut, erklärt Garlonta. Diese Sorge sei aber unbegründet, schließlich könne jeder dort mittlerweile sein Hab und Gut einschließen. Auch die Angst, bei der Fahrt zur Bayernkaserne als Schwarzfahrer aufgegriffen zu werden, müsse niemand mehr haben. Die Stadt bezahle die Fahrt zur Bayernkaserne.

Dennoch würden sich viele gegen die Unterkunft entscheiden – aus unterschiedlichen Gründen. Es gebe beispielsweise öfters Streit unter den Männern, fürchten einige. Und mancher wolle lieber gar keine anderen Menschen um sich herum haben. Garlonta weiß: „Sie wollen lieber für sich sein.“ VON ANDREA STINGLWAGNER UND ACHIM SCHMIDT

Meldung vom 6. Februar 2021: München - München ist eine Stadt der Gegensätze. Hier leben ein paar der reichsten Familien Deutschlands, während andere auf der Straße schlafen. Einer von ihnen starb am Donnerstag mitten in der Stadt im Hofgarten. Laut Polizei handelt es sich um einen 59-jährigen Bulgaren. Die anderen Obdachlosen, die dort regelmäßig ihr Nachtlager aufschlagen, hatten am frühen Nachmittag einen Passanten gebeten, den Notarzt zu rufen.

Rettungsdienst kann nur noch seinen Tod feststellen

Zu diesem Zeitpunkt lag der Mann bereits reglos da. Der Rettungsdienst konnte nur noch seinen Tod feststellen. Kurz nach 13 Uhr war die Polizei vor Ort. „Es gibt bisher keine Anzeichen eines Verbrechens“, sagt Polizeisprecher Michael Marienwald. Die genaue Todesursache sei derzeit aber noch unklar.

Nach einer Schätzung des Sozialreferats leben rund 550 Menschen in München* auf der Straße, wohnungslos sind insgesamt rund 8400 Menschen. Wer war der Mann? Wie hieß er? Warum schlief er auf der Straße? Ungeklärte Fragen, doch eines ist gewiss: Dass Menschen in der Millionenstadt einsam sterben, ist kein Einzelfall. LAURA FELBINGER - *tz.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

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