Eine Odyssee, die einem Action-Film gleicht

Er schrieb schon eine Abschieds-Notiz: Münchner (26) starb beinahe auf einem Vulkan

Max wird nach seiner Tour von Helfern untersucht.
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Max wird nach seiner dreitätigen Tour von Helfern untersucht.

Max N. wäre vor genau einem Jahr beinahe gestorben. Nun feiert er am 3. November einen weiteren „Geburtstag“. Eine Geschichte wie ein Thriller.

München – Vor einem Jahr erlebte Max N. (damals 26 Jahre alt) den puren Horror. Im November 2019 dachte er nämlich: „Ich werde sterben“. Eine Geschichte, die auch Teil eines Indiana-Jones-Films sein könnte, wurde bitterböse Realität. Ein grausamer Trip.

Der abenteuerlustige Münchner war vor einem Jahr in Guatemala. Nahe der alten Hauptstadt Antigua war er wandern. Auf Vulkanen. Am 1. November saß der Alleinreisende mit einer Gruppe Fremder im Hostel und erzählte ihnen, am Folgetag den Vulcan Fuego (3600 Meter hoch) besteigen zu wollen. Erstaunt von der Idee hielten sie ihn für einen „verrückten Deutschen“. Die Tour sei sehr gefährlich. Sie wird auch seit vielen Jahren kaum genutzt. Auch ein Franzose, der ihm die Tour empfahl, fügte hinzu: „Du musst extrem aufpassen“.

Max ist zu dem Zeitpunkt 26, drahtig, sehr sportlich. Er spielt in seiner Freizeit Fußball, Beachvolleyball, geht wandern, fährt Fahrrad, probiert alles mal aus. Seiner Ernährung ist er sich bewusst. Er ist gern an der frischen Luft. Lethargie ist eher ein Fremdwort. Kurz gesagt: Eine Bergwanderung sollte kein Problem sein.

Tag 1: „Das war richtig geil - einer der besten Momente in meinem Leben“

Mit einem Grinsen auf den Lippen ging Max im Hostel schlafen und sagte zu den anderen: „Ach, ich werde schon überleben“. Rückblickend betrachtet lacht er süffisant über den Satz, der noch eine ganz neue Bedeutung bekommen würde. Bepackt mit etwas Bargeld, zwei Semmeln, einem Croissant, drei Flaschen Wasser (0,5 Liter) und mit weißen Sneakers, T-Shirt, kurzen Hosen sowie einer leichten Regenjacke ging es früh Morgens los.

Sein Plan: den Vulcan Fuego besteigen. In vier Stunden hoch, drei Stunden runter. Um 5 Uhr saß er knapp eine Stunde im Bus, er wollte mit der Mittagshitze den Abstieg beginnen. Der schier unfassbare Überlebenskampf, den er noch nicht ahnte, ging damit los, dass er sich schon vor dem Aufstieg in Kaffeeplantagen verlief. Nach einiger Zeit fand er den Weg, der anders als im Voralpenland, schlecht ausgezeichnet war. Gelbe Bändchen an Büschen zeigten den Weg, der schon nahezu zugewachsen war. So ein Vulkan ist nicht vergleichbar mit dem Herzogstand.

Nach kurzen Irrwegen stand er um 6.40 Uhr auf dem richtigen Weg zur Spitze. Eingekesselt von Pflanzen ging eine „matschige Forststraße“, wie Max es am anschaulichsten beschreibt, den Hügel hoch. Ein grüner Schlauch, den er durchschritt. „Am Anfang hat es sich richtig gezogen, der dicht bewachsene Weg war nicht sonderlich steil, aber ewig lang. Ab der Mitte wurde es dann richtig steil und das Dickicht immer unübersichtlicher. Unregelmäßige gelbe Bändchen, ich musste schon fast kraxeln und ich bereute zu dem Zeitpunkt meine weißen Sneaker“, sagt Max.

Links: Der Weg durch die Forststraße Richtung Vulkan. Rechts: Ein gelbes Bändchen im Dickicht.

Weiße Sneaker trug er deswegen, weil ihm Bergschuhe beim Reisen zu viel Platz wegnehmen. „Die Dschungelverhältnisse beim Aufstieg waren schwierig. Überall hingen Pflanzen, es war ein richtiger Kampf, das ging ordentlich in die Kraft“, sagt der zu dem Zeitpunkt top fitte Max.

Gestartet auf 1300 Meter verließ er nach knapp 2000 zurückgelegten Höhenmetern die Vegetation. „Ein Vulkanausbruch im Juni 2018 hat dort alles niedergewalzt. Es war ein heftiger Ausbruch. Kurz vor Ende des Aufstiegs war nur noch Stein, Geröll und kaum Pflanzen. Der Pfad war richtig schlecht“, sagt Max und fügt anschaulich und grinsend an: „Selbst für guatemaltekische Verhältnisse ein extrem schlechter Weg“.

Angekommen – nach fünf Stunden ohne Unterbrechung – machte er eine Pause. Sein Aufstieg wurde nicht belohnt. „Überall Nebel, keine gute Aussicht“. Nicht nur die Umgebung war da betrübt. Er aß und trank seine drei Flaschen leer. „Zusätzlich war es bitterkalt, windig und ich war konditionell fertig. Außerdem brach die ganze Zeit der Vulkan aus. Das Aufschlagen der Steine hörte ich, der Boden vibrierte“.

Nach einer halben Stunde Pause hinter einem windgeschützten Stein lichtete sich das Nebelfeld und Max‘ Stimmung schlug um. Er konnte den Krater sehen, die Rauchwolke, die aufstieg. „Das war richtig geil. Mein Adrenalin war am Anschlag, ich bin selten so ehrfürchtig vor der Natur gewesen. Einer der besten Momente in meinem Leben“, so der enthusiastische Bergsteiger.

Max oben am Vulkan - Foto mit Selbstauslöser.

Eine Stunde schaute er sich das Szenario an. Mitgerissen und Natur-trunken machte er sich auf den Rückweg. Auch vor diesem hatte ihn der Franzose gewarnt. Aufgrund der fehlenden Vegetation fehlen die gelben Bändchen und ergo die Orientierung. Beim Abstieg um kurz vor 14 Uhr folgte er einer Gesteinsrinne und das sollte der Anfang seiner Odyssee werden.

Hier gesteht er sich den ersten Fehler ein. „ Ich bin den Weg gegangen, ohne ein Bändchen zu sehen. Ich dachte mir: Ich finde das schon wieder. Das war naiv“. Nach einiger Zeit war der Weg, seine Rinne, zu Ende und er stand vor einem tiefen Schlucht. „500 Meter ging es nach unten“. Max war komplett falsch, der Weg lag irgendwo links von ihm, das wusste er.

Um 14:43 Uhr hatte er zwei Möglichkeiten: Zurückgehen oder vom Gefühl nach links, um den Weg wieder zu kreuzen. Er entschied sich für die zweite Variante, die falsche, wie sich später herausstellte. „Jetzt war es vogelwild. Ich kämpfte mich durchs Gestrüpp, wobei eine Machete überragend gewesen wäre“, sagt Max und fügt an: „Ich hatte nur meinen Stoffbeutel“. Ihm wurde auch bewusst: Auf der eine Seite ging es steil nach oben, auf der anderen die Schlucht: „Rutsche ich weg, bin ich tot. Was ich mache, ist gefährlich“, dachte er sich in dem Moment.

Seiner guten Freundin Elise aus Paris schrieb er eine Nachricht. „Bleib bitte noch eine Stunde wach“. Die Eltern wollte er nicht unnötig beunruhigen, seine besten Kumpels „sind bestimmt saufen, es ist Samstagnacht, deutscher Zeit“, so der Gedanke. Er sollte mit allem recht behalten. Elise blieb noch wach, seine beiden besten Kumpels waren sogar zusammen einen trinken.

Ausschnitte aus dem Chat zwischen Max und Elise.

Währenddessen hielt Max seine Höhe, um auf den eigentlichen Weg zu gelangen. Immer öfter kam er in Sackgassen: Rechts Schlucht, links Steilwand, Geradeaus zu eng. „Beim Klettern sterbe ich“, dachte er sich. Dann kam Max an eine entscheidende Stelle. Zurück ging es nicht, vorne war ein fünf Zentimeter breiter weg zwischen Abhang und Steilwand, kein Gestrüpp zum Festhalten. „Ich war gefangen“.

17:36 Uhr: Max schreibt Elise. „Ich bin gefangen im Vulcan Fuego. Kannst du mir die Notfallnummern von Guatemala schicken?“. Peu à peu schickte er Elise Standort-Infos. Er wechselt bei 30 Prozent Akku zu Flugmodus und wieder zurück, um Strom zu sparen. Er hoffte, dass Elise jemand erreichte.

22 Uhr: Immer noch keiner da. „Ich war endgültig auf mich alleine gestellt. Akku leer, keine Uhrzeit mehr. Ich hatte relativ viel Angst, ich war noch nie in Lebensgefahr“, erzählt er. Die größte Angst sei gewesen, im Schlaf die Schlucht vor ihm herunterzufallen. Er grub ein Loch, setzte sich hinein. Er hatte Shorts an, es war nachts bitterkalt. Seine Natur-Decke aus Gräsern half wenig. Sein nächster Gedanke: „Bricht der Vulkan aus, dann war es das“. Die Lava-Funken hat er in der Dunkelheit besser erkannt. Ständig brodelte es um ihn herum. Von der anderen Seite sah er Blitze und Gewitter: „Nass brauche es nicht werden, sonst rutsch ich weg“.

Emotional war er nun an einem Punkt, an dem er über sein Leben sinnierte. Er hatte nun seit neun Stunden nichts getrunken, nichts zu sich genommen. Zum Zeitvertrieb und in Hoffnung auf Hilfe, ging er jeden Tag durch, an den er sich seit seiner Kindheit erinnerte. Schlussgefolgert sagte er sich: „Ich mag riskante Sachen. Lieber in Gefahr sein, als langweilig rumhocken. Der Tag war bisher ja geil“. Er unterstrich: „Lieber mit 40 bei so etwas sterben als gelangweilt mit 80. Allerdings ist 26 noch etwas zu früh“.

Mittlerweile hatte er sich an die Situation gewöhnt und war mit sich selbst im Reinen.

Sogar eine Abschiedsnotiz an seine Eltern verfasste er kurz bevor der Akku seinen Geist aufgab. „Macht euch keine Sorgen, ich hatte ein erfülltes Leben, war richtig glücklich“. „In dem Moment war ich bereit zum Sterben“, sagt Max.

Tag 2: „Ich war nicht weit weg vom Verdursten - der 3. November ist mein zweiter Geburtstag“

Ohne eine Sekunde Schlaf und mit dem Entschluss, hier bis Ende des zweiten Tages auf Hilfe zu warten, brach langsam die Sonne durch die Wolken. Er hatte Elise so gut es ging seine Position beschrieben. Irgendwer wird ihn schon finden. In dem kleinen Bereich, in dem sich Max gefangen fühlte, suchte er eine Lichtung, damit er besser gesehen wird. Er hackte das Gestrüpp weg, hing sein Shirt und seine Jacke an die Äste. Mittags wurde es richtig heiß. Manchmal rief er laut nach Hilfe.

In Deutschland: Elise hatte mittlerweile die Infos an Ralf, einer der angesprochenen Kumpels, weitergegeben, der zwölf Stunden nach der Nachricht aufwachte. „Ich wollte Mittagessen machen und bin nur durch Zufall auf die Messenger-App gekommen. Da hatte mir Elise alles geschrieben“, sagt Ralf und meint: „Ich wollte erstmal Max anrufen, weil ich dachte, es hätte sich schon erledigt“. Anschließend telefonierte er mit Elise und gab die Infos an eine von zwei Schwestern von Max weiter. Die setzten sich mit Elise auseinander und standen dann im Anschluss im direkten Kontakt mit den verantwortlichen Suchern und Helfern in Guatemala. Während des Verschwindens von Max schickten diese Infos nach Deutschland und die Situation im Hause N. war ziemlich angespannt. Auch für Ralf waren es nervenzerfetzende Tage. „Mist, nicht mein bester Freund. Aber dann kam mir: Wenn es einer schafft, dann der Maxi, weil er clever genug ist. Da war mir aber das ganze Ausmaß noch nicht bewusst“.

In Guatemala: Plötzlich kam ein Helikopter. „Er flog weit entfernt über den Vulkan. Ich dachte, es wäre ein Ausflugs-Touristen-Heli, der aber in Wirklichkeit nach mir gesucht hat. Nach einer Stunde war er wieder weg“. Die nächste Enttäuschung. Nachmittag stellte er fest: „Ich habe ja noch meine drei leeren Flaschen, zwei Tage halte ich ohne Trinken aus“. Er merkte auch: Die Steilwand kam er nicht hoch. Nach langer Suche fand er eine kleine Höhle, eine überhängende Wand. Wassertropfen rannen herab. Er positionierte seine Flaschen darunter. Nach einer Stunde sammelte sich ein Schluck. Die Nacht über sollte die Flaschen volllaufen – so die Rechnung. Er brauchte Geduld. Die Tropfen war sehr klein und flossen sehr langsam.

Er schlug sich einen Weg breit, um die Umgebung zu erkunden – und um die Flaschen wie die Höhle wiederzufinden. Doch nach mehreren Versuchen, verirrte er sich erneut. Keine Flaschen, keine Höhle. Sein Körper war sichtlich mitgenommen: Trockener Hals, Schlucken tat höllisch weh, aufgeplatzte Lippen, aufgeplatzte Zunge. Max hatte seit eineinhalb Tagen kaum etwas zu sich genommen. Er war konditionell am Ende, musste sich alle fünf Minuten setzen. „Ich war nicht weit weg vom Verdursten“.

Max durchdrang ein seltenes Gefühl. Er hatte zwei Gedanken. „Den nächsten Tag zu überleben war nicht mehr selbstverständlich“, beschreibt er und sagt: „Und ich werde so den nächsten Tag auf gar keinen Fall überleben“. Ansätze, die im Arbeitsalltag keine Rolle spielen.

Die Verzweiflung wurde so groß, dass er sich sagte: „Aufgeben ist auch scheiße“. In der Dämmerung fasste er die Entscheidung weiterzukämpfen. Einen Weg runter finden. Wenn es ist, sogar in Schluchten zu springen und irgendwann in einem Dorf rauskommen.

Der Gedanke, auf der Stelle sitzend und wartend zu krepieren war grausamer, als schnell und schmerzfrei bei einem Fall in die tiefe Schlucht zu sterben. Max versuchte die Steilwände zu umgehen, kämpfte sich teils Minutenlang durch dichtes Gestrüpp und kam nur meterweise vorwärts. Letztendlich stand er vor einer Klippe, an der er einen grotesken Entschluss fasste: „Ich springe“.

Vor ihm ragten zwei Bäume aus den Felsspalten der zehn Meter tiefen Schlucht heraus. Einer ganz oben, einer auf der Hälfte des möglichen Falls. Seine Aktion: lebensmüde aber auch lebenswichtig. „Ich ließ mich mit gestreckten Armen vom ersten Baum runterhängen, um die Fallhöhe zu reduzieren“, sagt Max. Er ließ sich spektakulär in den zweiten Baum fallen. „Dort ließ ich mich wieder bis zum Baumstumpf runter, sogar bis zu den Wurzeln. Von hier aus waren es fünf Meter nach unten“. Zieht man seine Größe von 1,80 Meter ab, reduzierte er in die Fallhöhe immer weiter. Und dann ließ er mit den Worten „das wars“, die er laut vor sich her sagte, los.

Max fiel schräg, verteilte sein Gewicht gut und landet nicht nur auf den Beinen. Er landete auf einem flachen Fels – ein Meter neben ihm ragte eine Spitze heraus. „Ich blickte Richtung Himmel und konnte nicht glauben, dass noch alles da ist. Wie ein zweites Leben“. Ein bisschen schmerzte sein Fuß. „Hier machte ich eine längere Pause“, sagt Max und schluckt: „Seitdem ist der 3. November mein zweiter Geburtstag“

Nach der halsbrecherischen Aktion fasste Max neuen Mut. Er lag in der sehr breiten Gesteinsrinne, die sich der Vulkan mit einem Lava-Ausbruch vor einigen Jahren selbst durch die Vegetation bahnte. Eineinhalb Tage hatte er nun nichts mehr zu sich genommen. Er musste weiter Wasser suchen, also ging er die Rinne weiter.

Die Gesteinsrinne, die sich nach Lava-Ausbrüchen bildet.

Weil er nichts sah, warf er kleine Steine vor sich. Schlugen sie öfter auf und klackten vor ihm, war es eben. Hörte er länger nichts, lag vor ihm eine Schlucht, die er sehr sorgsam zu Umgehen versuchte. „Ich bewegte mich extrem langsam fort“, erklärte Max.

Seine Beine waren von Kratzern übersät, seine Arme vom Aufstützen aufgeschürft, sein Knöchel angeschlagen, sein Körper dürstete nach Flüssigkeit. Die Nachtwanderung, die er insgesamt „als Katastrophe“ beschreibt, bekam auf einmal eine unerwartete Endung.

Die Kratzer an Armen und Beinen, die Max bei seiner Tour davontrug.

„Irgendwann habe ich Tropfen gehört. Ich entdeckte einen riesengroßen Felsen, eine Art Höhle. Überall rannen Tropfen herunter. Viel größer, dicker und häufiger als in der ersten, kleineren Höhle“. Da seine Flaschen in der alten Höhle waren, legte er sich selbst drunter und trank die Tropfen. Alle 20 bis 30 Sekunden ergaben einen Schluck. „Kurz vorm Verdursten ist das ein immens geiles Gefühl“.

Nun änderte sich seine Risikobereitschaft: je mehr Flüssigkeit er in sich hatte, desto weniger Risiko musste er auf sich nehmen. Er verbrachte die Nacht durchnässt, in der Kälte zitternd und zwischen vier bis sieben Stunde („schwer einzuschätzen“) ohne Schlaf kauernd in der Höhle. Der Zeitdruck war weniger geworden, die Angst ein wenig gedämmt.

Tag 3: „Jetzt wusste ich, dass ich es schaffen würde“

In den vier Stunden überlegte er sich eine Taktik. „Jetzt wusste ich, dass ich es schaffen würde. Die Höhle zu finden war Glück, den Sturz zu überleben auch, die Nachtwanderung hatte gut geendet – was sollte jetzt noch passieren?“, fragte sich Max. Bei den ersten Sonnenstrahlen trank er weiter. Sein Plan: 60 Schlücke und dann weitergehen. Beim zwölften Schluck hörte er plötzlich Rotorenblätter.

Dieses Mal war es ganz sicher der Helikopter, der ihn suchte. Doch dieser schwebte direkt über ihn, und blickte wohl auf die Lichtung von Tag 1. Max stand drunter, winkte, schrie, wedelte sein T-Shirt – doch der Heli drehte ab. Max ging weiter talwärts, er hatte wieder Energie. Davon ließ er sich nicht unterkriegen. Nach 20 Minuten kam der Heli wieder, dieses Mal flog er tiefer – aber Max selbst war auch weiter unten. Wäre er eben an Ort und Stelle geblieben, wäre er vielleicht entdeckt worden. So stand er zum zweiten Mal in kurzer Zeit im toten Winkel.

Der Wille zu überleben war groß, Nachwirkungen spürte er erst später im Krankenhaus. Er kam dem Tal immer näher. Wie weit es noch ging, konnte er nicht sagen. Und auch wenn er Wasser in sich hatte, war es noch lange nicht genügend Flüssigkeit.

Und dann kam der rettende Moment. Ein Rinnsal. Ein zehn Zentimeter hoher Wasserfall, unter dem er mit den Händen Wasser ins Gesicht schaufeln konnte. In der Hosentasche hatte er noch eine Sonnenmilch, die er sich komplett über den Körper schmierte. Die leere Dose füllte er mit Wasser. „Giftig konnte das nicht sein“, dachte er sich. Dann machte er eine Stunde lang Pause, er trank bis zu drei Liter. „Jetzt überlebe ich, ohne nochmal explizit nach Wasser zu suchen“, so Max und machte sich auf den Weg. Ihm war fast schlecht von der Menge Wasser.

Nach der Pause konnte er der Lava-Rinne entkommen. Es war nun weniger steil, aber die Vegetation stellte sich ihm wieder in Weg. Die Gebüsche und das Dickicht machten ihm den Durchgang schwer. Plötzlich entdeckte er eine leere Flasche. Wichtig! „Ich war noch nie so glücklich, Müll gefunden zu haben. Hier ist Zivilisation. Es gibt einen Weg raus. Ich habe es geschafft“, so Max.

„Ich bin den Spuren gefolgt, es war ein Weg erkennbar und da, auf einmal: ein gelbes Bändchen“, so der hoffnungsvolle Bergsteiger. „Jetzt in Bus, dann ins Hostel und die Eltern anrufen“, geisterte durch seinen Kopf. „Ich bin langsam weitergegangen, dann habe ich Stimmen gehört. Die Helfer, die nach mir gesucht haben, haben mich gefunden. Sie wollten mich stützen, doch das war gar nicht nötig“, sagt Max, der mittlerweile aussah wie eine Mischung aus Tarzan und Minenarbeiter.

Dann wurde Max erst identifiziert und alle Helfer, die verteilt gesucht haben, zusammengerufen. Den Medizincheck überstand er einwandfrei. Dann wurde er vor einer Horde Journalisten auf Spanisch befragt. Ein großes Thema im Land. „Ich wurde später auf der Straße in Guatemala City angesprochen, ob ich der verschollene Deutsche sei“, so Max. Er musste Fotos mit Passanten machen, aber auch die Helfer machten damals vor Ort einige Erinnerungsstücke mit ihm.

Im Auto zum Helikopter, der ihn anschließend ins Krankenhaus bringen sollte, telefonierte er mit seiner Mutter, die stinksauer war. „Ich sagte ihr, dass ich eigentlich nicht ins Krankenhaus müsste. Da wurde ich zusammengestaucht. ‚Du hast ja gar nichts gelernt‘“, sagt Max mit bestimmter Stimme.

Im Krankenhaus schlief er nach 60 Stunden ohne Schlaf am Nachmittag sofort ein und wachte am nächsten Tag um 11 Uhr auf. Er durfte das Spital schon wieder verlassen. Als er aufstand, musste er humpeln. Das Adrenalin verdrängte am Berg noch, dass er eigentlich ziemlich angeschlagen war. Sein Knöchel schmerzte enorm.

Seinen Jahresurlaub startete er am 3. Oktober 2019, planmäßig kehrte er auch am 7. November heim. Bis zum Abflug verbrachte er in Guatemala City noch eine vergleichsweise langweilige Zeit. Eine zweite Wanderung auf einen anderen Vulkan war vor seiner Exkursion auf Vulcan Fuego geplant, wurde aber verständlicherweise verworfen.

„Im Nachgang quält mich schon das schlechte Gewissen. Meine Eltern saßen 36 Stunden unwissend am Tisch und durchlebten eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Viele Leute haben mich gesucht. Das tut mir leid“, so Max, dessen Geburtstagsparty am 3. November 2020 wegen Corona flachfällt.

Ralf schrieb ihm, als er von seiner Rettung erfuhr: „Du bist unfassbar. Die beiden Tage schuldest du mir“ und fügte lachende Emojis an. Maxi entschuldigte sich und bedankte sich bei Ralf, der „ein wichtiger Teil bei der Rettung war“.  

Irgendwann will Max zurückkehren. „Vielleicht in 30, 40 Jahren. Nochmal ganz hoch“, sagt Max, fügt zur Beruhigung aller an: „Aber mit Guide und Security“.

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