Wir haben uns umgehört

Proteste gegen Luxus-Sanierungen in Türkenstraße: „Wir Mieter werden vertrieben“ - auch Ladenbesitzer geht

Mehrere Menschen stehen nebeneinander auf der Straße, zwei halten ein Plakat in der Hand
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Gemeinsam stark: Sie kämpfen gegen den Wandel der Türkenstraße.

Die Anwohner und Ladenbesitzer in der Türkenstraße fühlen sich aufgrund zahlreicher Sanierungen nicht mehr erwünscht. Mit einer Protestaktion machen sie ihrem Ärger Luft.

München - Die Slogans auf den Wahlplakaten machen stutzig: „Wir entsorgen Denkmalschutz für einen entspannten Abriss“ ist darauf zu lesen. Oder: „Und, wie lange wohnst du noch hier?“ Die Plakate von der „Deutschen Immobilien Partei“ hängen seit diesem Freitag in der Türkenstraße.

Gewählt werden kann die Partei nicht, es ist eine Kunstaktion der Arbeitskreise „Junges Forum“ und „Wer beherrscht die Stadt“ des Münchner Forums. Unter dem Motto „Leb wohl, Türkenstraße“ protestieren die Initiatoren gegen den Wandel der Gegend. Ihr Vorwurf: Es würden nur noch Luxus-Wohnungen im Viertel entstehen - und alteingesessene Münchner* Mieter vertrieben. Wir haben uns in der Türkenstraße umgesehen.

Anwohner der Türkenstraße klagen an: „Der Wohnraum wird zerstört“

Schon fast ein halbes Jahrhundert lebt Marianne Ott-Meinberg in der Türkenstraße und für sie steht fest: „Wir halten durch“, sagt sie: „Das ist unsere Heimat.“ Ihre Wohnung ist im Vordergebäude an der Türkenstraße 54 - dem letzten verbleibenden Haus in dem Komplex. Die anderen Gebäude sind abgerissen. „Früher war es ein lebendiges Ensemble“, erinnert sich die 72-Jährige. Ihre Tochter Friederike Ott ist in der Türkenstraße aufgewachsen. „Es war wie bei Pumuckl“, erzählt die heute 38-Jährige: „Wir haben in den Hinterhöfen gespielt und alle Geschäfte gekannt.“

Ihre Mutter bestätigt: „Wir waren uns immer sicher, dass die Kinder dort gut aufgehoben waren“, sagt sie: „Es war ein typisches Handwerker-Viertel.“ Jetzt befürchtet sie, dass künftig nur noch Platz für Wohlhabende ist. „Die Mietwohnungen müssen geschützt werden“, fordert sie: „Es kann nicht sein, dass alles in Eigentum umgewandelt und Wohnraum zerstört wird.“

In der Türkenstraße 52-54 errichtet die Real-Treuhand Immobilien Bayern GmbH einen Neubau mit Eigentumswohnungen. Gerade finden Arbeiten im dritten Untergeschoss statt, so die Firma. Die Fertigstellung sei 2023.

Wollen sich nicht vertreiben lassen: Marianne Ott-Meinberg (l.) und Friederike Ott fordern Mietwohnungs-Schutz.

Geschäftsleute in der Türkenstraße müssen gehen: „Müssen nach 130 Jahren hier raus“

Nächstes Jahr hätte das Antiquariat J. Kitzinger sein 130-jähriges Jubiläum an der Ecke Schellingstraße 25-27/Türkenstraße 66 gefeiert. Doch zum Ende des Jahres wird Inhaber Bernhard Kitzinger die Bücher zusammenpacken: „Wir ziehen in die Amalienstraße 65 um“, erzählt er: „Es war Zufall, dass wir den Laden gefunden haben.“ Für seinen Mietvertrag hat er einen Aufhebungsvertrag unterschrieben - mit viel Wehmut. „Die Mischung, die die Gegend früher ausgemacht hat, geht verloren“, bedauert er. Mehrfach hat der Gebäudekomplex den Eigentümer gewechselt.

Was die Initiatoren der Kunstaktion ärgert, ist ein Vorfall im Jahr 2018: Vor der Begutachtung durch den Denkmalschutz sollen die damaligen Besitzer drei Treppenhäuser mit schmiedeeisernem Geländer abgerissen haben, kritisieren sie. Seit Ende 2020 gehört das Gebäude der Josef Rädlinger Unternehmensgruppe, die neu bauen möchte. „Geplant ist, die Immobilie auch nach dem Neubau komplett im Unternehmensbesitz zu behalten und die Wohnungen anschließend zu vermieten“, erklärt ein Sprecher.

Abschied aus der Türkenstraße: Bernhard Kitzinger führt das Antiquariat J. Kitzinger.

Anwohner der Türkenstraße bedauert: „Alle suchen schon das Weite“ 

Stefan Sasse war der Letzte: Nach 25 Jahren ist der 59-Jährige Ende Mai aus seiner Ein-Zimmer-Wohnung in der Türkenstraße 50 ausgezogen - als letzter Mieter dort. „Ich wäre gerne hiergeblieben“, sagt er. Doch er befürchtete eine Kündigung. „Und wer wohnt schon gerne alleine in einem großen leeren Komplex?“, fragt er: „Früher hatten wir eine gut funktionierende Hausgemeinschaft.“ Nach und nach verließen alle Mieter das Haus - nicht immer freiwillig. „Man spürte den subtilen Druck auszuziehen“, berichtet Sasse. Neue Mietverträge gab es nur befristet.

Jetzt sollen die Bestandsgebäude abgerissen werden. Die Firma Legat Living plant einen Neubau mit 59 Wohnungen, einer Gewerbeeinheit und 73 Stellplätzen. „Unsere Bestandsgebäude waren stark sanierungsbedürftig, energetisch weit unter dem heutigen Standard und hatten lediglich eine Wohn- und Gewerbefläche von 3500 Quadratmetern“, erklärt ein Sprecher: „Das Viertel gewinnt durch diese Maßnahme.“

Er hielt am längsten im Haus durch: Stefan Sasse hat in der Türkenstraße 50 gewohnt.

Doch: „Die Mieter werden vertrieben“, beklagt Sasse. In der gesamten Türkenstraße würden 178 Wohnungen verloren gehen. „Innerhalb von fünf Jahren sind in einem Bereich von 500 Metern 323 Leute weg“, beklagt er. (Claudia Schuri) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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