Wie der Betrug abläuft und Opfer leiden

Die üblen Tricks der falschen Polizisten - professioneller Betrügerring gesprengt

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Vorsicht bei unbekannten Anrufern: Die Masche der falschen Polizisten kommt bei Betrügern gerade so richtig in Mode.

Sie geben sich als falsche Polizisten aus und prellen nichtsahnende Senioren um deren Erspartes. Doch den Betrügern soll es nun an den Kragen gehen. Wir zeigen, wie Ermittler den Tätern auf die Schliche kommen.

München - Falsche Polizisten, sogenannte „Keiler“, rufen bei Senioren an und versuchen, an deren Geld zu gelangen - dieser Trick hat bisher in München Schäden in Millionenhöhe verursacht. Immer mehr ältere Menschen werden Opfer der dreisten Betrugsmasche.

„Die falschen Polizisten haben die Enkeltrick-Betrüger abgelöst“, sagt Staatsanwalt Peter Tischler (31), der mit einem Kollegen die Betrüger-Banden jagt. Wie die tz exklusiv erfuhr, gelang den Ermittlern nun ein Riesenerfolg: Sie konnte sieben Täter festnehmen und einen Betrügerring sprengen - die Täter stehen demnächst in München vor Gericht.

Im großen Report erklärt Staatsanwalt Tischler, wie gefährlich die Betrugsmasche mittlerweile geworden ist, wer die Täter sind, wie man sich wehren kann - und wie die ­Behörden gegen die Betrugs-Mafia vorgehen.

Die aktuelle Situation in München

Im Jahr 2015 ging alles los: Die ersten falschen Polizisten versuchten, Senioren in der Stadt abzuzocken. Die Polizei registrierte zunächst 31 Vorfälle, in acht Fällen wurden die Taten vollendet, die Beute der Betrüger lag bei insgesamt 70.000 Euro.

Schon 2016 stieg die Zahl dieser Verbrechen deutlich an - auf 290 Vorfälle, 18 Taten wurden vollendet. Der Schaden damals: 220.000 Euro. „Mitte 2017 kam dann eine regelrechte Welle auf uns zu, von da an sind die Fallzahlen rapide angestiegen“, sagt Staatsanwalt Peter Tischler. „In dem gesamten Jahr hatten wir 3200 Vorgänge und 40 vollendete Taten. Der Schaden lag bei 4,3 Millionen Euro. Das ist immens.“

Aber es gab auch erste Erfolge: „2017 gab es im Zuge unserer Ermittlungen insgesamt 26 Festnahmen.“ Und wie wird’s fürs laufende Jahr ausschauen? „Man kann jetzt schon sagen, dass es im Grunde konstant so weitergeht“, sagt Tischler.

So funktioniert die Betrugsmasche

„Enkeltrick gibt es in München so gut wie gar nicht mehr, nur noch vereinzelte Fälle. Das ist eine sehr gute Nachricht“, sagt Tischler. Aber auch die falschen Polizisten suchen sich gezielt ältere Leute heraus, die oft größere Bargeldbeträge zuhause oder bei der Bank haben und oft alleinstehend sind. „Wir gehen davon aus, dass Call-Center-Betreiber in der Türkei anhand eines Telefonbuchs einfach alt klingende Vornamen heraussuchen und diese Personen gezielt anrufen.“

Meist sind die Opfer älter als 60 Jahre. Ihnen gegenüber verhalten sich die Betrüger sehr geschickt: Sie fragen nach den familiären Verhältnissen und wie alt die Person ist. Wenn sie merken, die angerufene Person springt darauf an, bleiben sie hartnäckig dran. „Bei Anrufen werden zum Teil sogar fiktive Gespräche im Hintergrund nachgestellt, Sirenen oder Geräusche im Büro.“ Alles, damit der Anrufer denkt: Das ist wirklich die Polizei! Am Telefon behaupten die Betrüger auch wörtlich: „Ich leite hier den Einsatz und schicke jetzt meine Kollegen zu Ihnen.“

Der Druck, der aufgebaut wird, ist enorm. Den Senioren wird glaubhaft gemacht, dass angeblich bewaffnete Einbrecherbanden in ihrer Nähe seien, Gefahr drohe und schnell gehandelt werden müsse. Tischler: „Diesem Druck halten Senioren oft nicht stand, zumal sie oft großes Vertrauen in Polizei und Staatsanwaltschaft haben und keine Bezugspersonen mehr da sind, mit denen sie sich besprechen könnten.“ Für die Trickbetrüger wiederum seien diese Art Verbrechen lukrativ, weil sie schnell abgewickelt werden können.

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Das sind die Täter

„Wir gehen davon aus, dass in den Call-Centern in der Türkei die sogenannten Keiler sitzen: Das sind die Personen, die die Anrufe nach Deutschland tätigen“, sagt Tischler. „Nach unseren Erkenntnissen handelt es sich überwiegend um Täter, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, Deutsch also sehr gut beherrschen. Es gibt auch mehrere Fälle, wo uns bekannt ist, dass diese Personen aus Deutschland in die Türkei abgeschoben worden sind oder ausgereist sind. Mit ihren guten Sprachkenntnissen betreiben sie dort die Call-Center.“

Vor Ort in Deutschland haben sie Landsleute, die dann als Logistiker fungieren - meist handele es sich um Freunde von früher, häufig seien es auch Mitbürger mit türkischem Migrationshintergrund, weiß Tischler. Zur selben Gruppe gehören dann auch die sogenannten Abholer, die später bei den Senioren zuhause die Wertsachen abgreifen.

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So laufen die Taten ab

Vom Call-Center in der Türkei aus klappern die Keiler die ganze Stadt und das Münchner Umland ab. „Am Telefon suchen sie ältere, alleinstehende Personen und versuchen diese, durch die Legende von den falschen Polizisten unter Druck zu setzen“, erklärt Tischler. Wenn die Keiler das Gefühl haben, ihre Masche funktioniert, sagen sie es einem Logistiker.

Der wiederum weiß nun: Dieser Auftrag ist erfolgversprechend - er teilt seine weiteren Komplizen im Bundesgebiet mit, „dass es in München aktuell mehrere potenzielle Opfer gibt“, so Tischler.

Als nächsten Schritt informiert der angerufene Logistiker dann den dritten Logistiker, der wiederum mit dem Abholer-Team in Kontakt steht. „Der dritte Logistiker schickt die Abholer nach München und stattet diese mit Mobiltelefonen aus“, erklärt Tischler. „Verwendet werden dabei ausschließlich Prepaid-Karten, die nach dem Auftrag entsorgt werden. Währenddessen hält das Keiler-Team telefonisch Kontakt mit dem Opfer - teilweise über Stunden hinweg.“ Wenn alles vorbereitet ist, um die Abholung des Geldes einzuleiten, werden die Abholer schließlich von dem Logistiker in der Türkei unmittelbar angerufen. Tischler: „Der Keiler sagt dann etwa zum Geschädigten: ‚Jetzt steht der verdeckte Ermittler bei Ihnen vor der Tür.‘“

Der Logistiker gibt diese Informationen an den Abholer vor Ort weiter, um den Auftrag abzuschließen und das Geld entgegenzunehmen. „Alles ist sehr gut organisiert und läuft höchst professionell ab. Die Strukturen sind eingespielt“, sagt Tischler.

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Geschickte Psychologie und neueste Technik

„Vor Gericht haben schon einige Zeugen berichtet, dass ihnen der Kontakt zum Anrufer zwar selbst komisch vorkam, sie aber keinen Ausweg aus der Situation gefunden haben“, weiß Oberstaatsanwältin Anne Leiding. „Teilweise wollten sie einfach nur noch das Gespräch beenden, waren völlig verwirrt und kamen erst wieder zur Besinnung, als sie das Geld schon herausgegeben hatten.“ Laut Staatsanwalt Tischler kommt es teils die ganze Nacht hindurch zu Kontrollanrufen - sodass die Senioren nicht mal Angehörige kontaktieren können.

Was viele nicht wissen: Die Betrüger rufen mit fingierten Nummern auf dem Festnetz an. Tischler: „Auf dem Display der Senioren steht dann tatsächlich die 110. Es gibt Computer-Programme, die diese Nummer generieren.“ Die Technik nennt man Caller-ID-Spoofing. „Dem Opfer wird dadurch suggeriert: Ich habe es jetzt wirklich mit der Polizei zu tun.“ Wird der Angerufene nervös oder will auflegen, bieten die Betrüger sogar an, dass man zur Überprüfung die 110 zurückrufen könne. „Wenn man das unmittelbar nach dem Auflegen tut, wird man dennoch zurück zum vorherigen Anrufer, also dem Betrüger, umgeleitet.“

Dank spezieller Technik schaffen sie es, die Leitung kurzfristig aufrechtzuerhalten. „Wir wissen noch nicht, wie die Täter das machen. Aber es zeugt von hoher krimineller Energie.“

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So ermittelt die Staatsanwaltschaft

„In den meisten Fällen sind wir auf die Senioren angewiesen“, sagt Staatsanwalt Peter Tischler (31). Denn die betrügerischen Anrufe gehen über einen Zeitraum von bis zu vier Tagen. „Oftmals schöpfen die älteren Leute irgendwann Verdacht und rufen die Polizei an. Dann wird der Fall sofort an die AG Phänomene übergeben. Das ist eine Einheit des Polizeipräsidiums München, die sich nur auf diese betrügerischen Telefonanrufe spezialisiert hat.“

Macht Jagd auf die Betrüger: Staatsanwalt Peter Tischler.

Bis zu 30 Beamte sind damit beschäftigt und müssen möglichst schnell handeln. „Ein Team fährt sofort zu den Senioren vor Ort und betreut sie während der Anrufe.“ Die Beamten versuchen, die Telefongespräche aufrecht zu erhalten, damit die Täter sich in Sicherheit wiegen und die Abholung ankündigen. Dabei werden sie festgenommen. „Später sind wir darauf angewiesen, dass sie ihre Hintermänner benennen. Teilweise können wir diese über die Auswertung von Kommunikationsdaten aufspüren und die Taten so nachweisen. Ist der Trickbetrug bereits vollendet, arbeiten wir auch mit Lichtbildvorlagen und prüfen, ob die Senioren den Abholer eventuell wiedererkennen.“

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Der aktuelle Fall mit Festnahmen

„Vor Kurzem konnten wir zwei Abholer bei einer versuchten Geldübergabe festnehmen“, sagt Staatsanwalt Tischler. „Danach haben wir ihre Mobiltelefone beschlagnahmt und die Daten ausgewertet. Daran konnten wir feststellen, dass einer der beiden Abholer bereits zuvor in München gewesen war.“ Denn oft stammen die Täter nicht aus München - und kommen nur in die Stadt, um hier die Straftaten zu begehen.

„So konnten wir einen ganzen Ring von Trickbetrügern dingfest machen. Uns ist ein großer Schlag gegen die organisierte Kriminalität gelungen. Es geht um insgesamt sieben Angeklagte: drei Logistiker und vier Abholer. Sie haben nach unseren Erkenntnissen als gemeinsame Zelle im ganzen Bundesgebiet agiert und sechs vollendete sowie eine versuchte Tat begangen“, sagt Tischler. „Allein diese Tätergruppierung hätte damit einen Schaden von rund 660.000 Euro im Jahr 2017 verursacht. Dies entspricht damit etwa einem Sechstel des Gesamtschadens durch falsche Polizeibeamte in München im Jahr 2017.“

Erst im April 2018 wurde einer Betrüger-Bande am Strafgericht der Prozess gemacht.

Die mutmaßlichen Täter sind zwischen Ende 20 und Mitte 40. Die Einzeltat mit dem größten Schaden war 500.000 Euro: „Hier hatte eine Seniorin Goldmünzen zuhause und diese dann den Betrügern übergeben.“ In einem anderen Fall war das Opfer 81 Jahre alt und halbblind.

„Da sieht man, dass die Täter vor nichts Halt machen und ganz gezielt auf ältere und schwächere Mitbürger gehen“, sagt Tischler. Hierin liege auch die Schwierigkeit, die Täter vor Gericht zu verurteilen. „Denn wenn man eine 81-jährige halbblinde Zeugin hat, kann sie unter Umständen nicht mehr aussagen oder erkennt die Täter nicht mehr wieder“, sagt Anne Leiding. Alle sieben Angeklagten sind mittlerweile in Untersuchungshaft. „Der Prozess wird am Landgericht München I stattfinden, da von einer hohen Strafe auszugehen ist.“ Ein Verhandlungstermin steht noch nicht fest. Tischler: „Ziel ist es, diese Masche in München komplett auszurotten. So, wie es uns beim Enkeltrick auch gelungen ist.“

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Wie sehr die Opfer leiden

Nicht bei allen betrügerischen Anrufen kommt es zur Geldübergabe - zum Glück. „Wenn die Trickbetrüger es aber doch schaffen, die Senioren hinters Licht zu führen, nehmen sie oft viel Geld mit. Für die Geschädigten bedeutet das in der Regel einen vollständigen Vermögensverlust“, sagt Oberstaatsanwältin Anne Leiding.

Oft geht es um Summen im sechsstelligen Bereich. Hinzu komme, dass die Betrüger gegenüber Senioren oftmals auch behaupten, dass bei deren Bank ein sogenannter Maulwurf eingeschleust wurde und ihr Geld dort nicht mehr sicher sei. Leiding: „So schaffen es die Trickbetrüger, ihre betagten Opfer einzuschüchtern. Sie sagen ihnen, dass sie ihr Geld schnell von der Bank abholen sollen, um es in die sicheren Hände der Polizei zu geben. Ein Polizist als verdeckter Ermittler, also ohne Uniform, würde demnächst vorbeikommen, um es abzuholen.“

Tatsächlich kommt dann aber ein Mitglied der betrügerischen Bande. Hinterher schämen sich die Opfer oft und haben Hemmungen, zur „echten“ Polizei zu gehen. „Sie sind verwirrt von den Anrufen und wissen später oft nicht mehr, wem sie vertrauen können“, sagt Anne Leiding. „Was die Täter da tun, ist schon eine Riesensauerei.“

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Die Tipps für Sie

Wichtig ist zu wissen: „Kein Polizeibeamter oder Staatsanwalt würde bei Senioren anrufen und Geld verlangen“, sagt Tischler. „Wir empfehlen Senioren, sich mit nahen Angehörigen oder Nachbarn zusammenzutun und ihnen den Vorfall zu schildern, wenn man seltsame Anrufe erhält und unsicher ist.“ Oder direkt zur nächsten Polizeidienststelle zu gehen. Viele Banken haben ihre Mitarbeiter mittlerweile speziell für die Betrugsmasche geschult und sich mit der Polizei zusammengetan.

Nicht mit Oma Margret! Die Seniorin aus Obersendling sollte im Juni letzten Jahres Geld vor die Türe legen. Falsche Polizisten wollten es holen.

Margret Eberle (86) war von Anfang an stutzig, als sich im Juni 2017 ein Fremder am Telefon als Polizist ausgab. Auch die Seniorin sollte Geld vor ihre Türe legen. Doch sie durchschaute den Plan und wimmelte die Betrüger eiskalt ab. „Ich frage mich immer, wie man fremden Menschen Geld geben kann“, sagte Oma Margret vor einem Jahr zur tz.

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Andreas Thieme

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