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Neues Leben in München: So geht es ukrainischen Geflüchteten heute

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Von: Regina Mittermeier, Nadja Hoffmann, Sophia Oberhuber

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Moderatorin Lisa Buschmann (Mi., li.) mit „ihrer“ ukrainischen Familie.
Moderatorin Lisa Buschmann (Mi., li.) mit „ihrer“ ukrainischen Familie. © Privat

Auf den Tag genau vor einem halben Jahr startete der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Viele Menschen flohen aus dem Land, unter anderem auch nach München. So geht es ihnen heute.

München - Es war ein Donnerstag, als die Truppen von Wladimir Putin am frühen Morgen in die Ukraine einmarschierten. Genau sechs Monate sind seit jenem Donnerstag, dem 24. Februar, vergangen. Gleichzeitig erinnert die Ukraine heute an ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Mehr als eine Million Menschen sind seit Beginn des russischen Angriffskriegs geflohen – 15 354 von ihnen, so die offizielle Zahl der Stadt, nach München. Wie es Geflüchteten heute geht, lesen Sie hier.

München: Ukrainische Familienväter mussten zurückbleiben

Ein neues Leben aufbauen: Jeden Abend telefonieren Veronika (17), ihr Bruder Maxim (8) und Mama Olena (40) mit Papa Igor Kutniak. Der 44-Jährige musste in Berdjansk, einer Hafenstadt im Südosten der Ukraine, zurückbleiben. Seit Kriegsbeginn gilt ein Ausreiseverbot für wehrpflichtige Männer. „Es geht ihm schlecht“, erzählt Veronika und schluckt schwer. „Er hat keine Arbeit, kein Geld. Wir wollen, dass er nachkommt.“

Olena, Maxim und Veronika aus der Ukraine
Olena, Maxim und Veronika wollen sich ein Leben in München aufbauen. © Privat

Veronika ist mit ihrem Bruder und ihrer Mutter geflohen. Sie wohnen bei einer Familie in Perlach, die sie aufgenommen hat. „Sie sind sehr nett“, sagt Veronika. Aber die Kutniaks glauben nicht an ein schnelles Kriegsende und wollen sich deshalb hier ein Leben aufbauen. „Meine Mutter und ich haben München vorher schon besucht. Es ist meine Lieblingsstadt, alles ist so schön hier“, sagt Veronika.

Ukrainische Familien auf Wohnungssuche in München

Für ihr neues Leben sucht Familie Kutniak eine Wohnung. Der Migrationsbeirat hilft ihnen zwar dabei, trotzdem ist die Suche schwer, sagt Veronika. Ideal wären etwa zwei Zimmer nahe Perlach, denn dort geht Maxim zur Schule. Die Warmmiete sollte höchstens bei 1084 Euro liegen.

Auch Veronika geht noch zur Schule. Ab Herbst besuchen sie und ihre Mama einen Integrationskurs. Olena Kutniak hat in der Ukraine für eine humanitäre Organisation gearbeitet. In München will sie bald einen IT-Kurs besuchen, um in dem Bereich arbeiten zu können. „Und ich möchte Architektur studieren“, sagt Veronika. Bis dahin ist vielleicht Papa Igor nachgekommen.

Wenn Sie eine Wohnung anbieten wollen, schreiben Sie eine E-Mail an migrationsbeirat@muenchen.de.

München: Hoffnung auf schnelle Rückkehr in die ukrainische Heimat ist gering

Erster Sommer in der Stadt: Als sie Ende März ihre Tasche für die Flucht gepackt hat, war Tetiana Romanovska unsicher, ob sie überhaupt ein Kleid, Sandalen und andere Sommersachen mitnehmen sollte. Ihre Hoffnung war, dass der Krieg nicht so lange dauern würde, sie schnell zurück in ihrer Heimat Odessa ist. Heute weiß die 32-Jährige: „Es wird wohl noch länger dauern, bis wir nach Hause können.“

Zusammen mit ihrem Mann Elie Hazeem war sie im Rahmen des großen Hilfskonvois nach München gekommen, den unsere Zeitung begleitet hat. Der Wagen, in dem die Stadträte Roland Hefter (SPD) und Felix Sproll (Volt) saßen, hatte das Paar in einer Spontanaktion mitten in der Nacht an der slowakisch-ukrainischen Grenze abgeholt. Seitdem ist viel passiert. Elie und Tetiana sind zwei Monate bei einer Gastfamilie untergekommen und konnten danach kostenlos in Garching wohnen. Das Angebot gilt aber nur bis Oktober, dann wird das Gebäude abgerissen „Wir suchen also wieder eine Wohnung“, erzählt Elie. Es geht von vorne los.

Elie und Tetiana aus der Ukraine.
Sommer in München: Für Elie und Tetiana aus Odessa ist es zwar der erste, vielleicht aber nicht der einzige. © Achim Frank Schmidt

Wie seine Frau, ist der 33-Jährige ausgebildeter Sprachlehrer. Beide unterrichten inzwischen selbst für die Münchner Volkshochschule. Das heißt: Sie könnten die Miete bis zu einem bestimmten Rahmen schon selbst bezahlen, worauf sie stolz sind. Eine eigene Wohnung, wissen sie, ist der nächste Schritt zu mehr Selbstständigkeit in Deutschland. Einem Land, in dem sie vielleicht noch mehrere Sommer erleben werden.

Viele Münchner nahmen die ukrainischen Geflüchteten bei sich auf

Großfamilie auf Zeit: Viele Geflüchtete strandeten zunächst am Hauptbahnhof. Zu Anfang herrschten dort teils chaotische Zustände. Davon hörte auch Lisa Buschmann. Also schmierte sie Brote und brachte Verpflegungstüten an den Bahnhof. „Wenn nicht wir mit unseren Ressourcen helfen, wer soll es denn sonst machen?“, fragt die Moderatorin.

Am 11. März klingelte dann Buschmanns Telefon. Eine ukrainische Familie suche ein Zuhause. Ob sie denn helfen könne. Also fuhr Buschmann wieder an den Hauptbahnhof. „Ich werde nie vergessen, wie ich sie in der kalten Halle abgeholt habe. Sie haben sich so geschämt, weil sie tagelang nicht duschen konnten.“ Von dem Zeitpunkt an lebte Mama Katya mit ihren drei Kindern, einer Katze und zwei Hunden bei den Buschmanns. Wenn Lisa Buschmann von ihnen erzählt, sagt sie „unsere Familie“. In den vergangenen Monaten habe es viele Herausforderungen gegeben: Bürokratie, Angst und Sprachbarriere. Gleichzeitig: neue Freundschaften, gemeinsame Essen, Geburtstagsfeiern und Tierparkbesuche.

Vier Monate hat die Familie bei den Buschmanns gelebt. Dann zogen sie in eine eigene Wohnung: „Ich bin so stolz, dass sie das geschafft haben“, schwärmt die Moderatorin.

Ukrainische Kinder fassen in Münchner Schulen Fuß

Jeden Tag in den Deutsch-Kurs: Nadiia Bohachova würde am liebsten zurück in ihre Heimat, nach Kiew. Dort, wo sie sich mit ihrem Ehemann ein Leben aufgebaut hat. Bis der Krieg kam – und Bohachova mit ihrem Sohn Heorhii (6) und ihrer Tochter Stefania (10) nach München floh. Ihr Mann blieb in der Ukraine. „Ich vermisse ihn. Aber ich bin für die Kinder verantwortlich. Wir können erst zurück, wenn der Krieg vorbei ist. Hier sind wir in Sicherheit. Es geht uns gut“, sagt die 41-Jährige.

Fünfeinhalb Monate ist es jetzt her, dass die Familie in München ankam. Seitdem hat sich viel getan. Bohachova lernt täglich bis zu vier Stunden Deutsch, Tochter Stefania geht bereits zur Schule, Sohn Heorhii besucht ab Herbst die erste Klasse – und nebenbei versucht die Zweifach-Mama, Schritt für Schritt die deutsche Bürokratie zu meistern.

Nadiia Bohachova mit Tochter Stefania
Nadiia Bohachova mit Tochter Stefania (li.). © Bodmer

Bohachova ist eigentlich Lehrerin. Auch in München hat sie bereits an einer Schule gearbeitet, um zu übersetzen und ukrainische Schüler zu unterstützen. Jetzt möchte sie sich aber vor allem darum kümmern, dass ihre eigenen Kinder im Münchner Schulleben gut ankommen.

„Wir haben hier so viel Unterstützung erfahren“, blickt die Ukrainerin auf die vergangenen Monate zurück. Bohachova denkt dabei vor allem an die beiden Münchner Familien, die sie und ihre Kinder nach der Flucht aufgenommen haben. Doch trotz all der Hilfe sei es wichtig, sich eigenständig zu kümmern. Und dafür gebe es vor allem eine Voraussetzung: Deutsch zu lernen.

Demo zum Nationalfeiertag

Der heutige Tag markiert nicht nur den Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vor einem halben Jahr. Am 24. August ist auch der ukrainische Unabhängigkeitstag. Die Ukrainische Gemeinde in München und Bavaria organisiert zu dem Anlass eine Demonstration am Stachus. Die Demo beginnt dann um 18 Uhr.

Münchner Verein koordinierte die Verteilung der Menschen aus der Ukraine

15.000 Helfer stehen bereit: Tausende Unterstützungsangebote und ebenso viele Kriegsopfer, die Hilfe brauchen. Das zu koordinieren, war eine riesige Aufgabe für Mischa Kunz und seine rund 15.000 Helfer von den Münchner Freiwilligen. „Wir haben 12.000 Angebote für Wohnungen bekommen und 9000 an Geflüchtete vermittelt“, sagt Kunz, der als Finanzvorstand beim Verein tätig ist. Ein großer Erfolg für die Freiwilligen.

Mischa Kunz von den Münchner Freiwilligen.
Mischa Kunz von den Münchner Freiwilligen. © Privat

Er sei froh darüber, dass die Lage der Ukrainer in Deutschland besser sei als die der Geflüchteten 2015, sagt er. „Damals konnten wir keine Privatwohnungen vermitteln.“ Darüber hinaus gebe es kein Asylverfahren, das heißt, die Geflüchteten dürfen in Deutschland arbeiten. Das erleichtere das Ankommen. „Der ähnliche Kulturkreis hilft auch dabei“, sagt er. Außerdem seien die Familien, die Ukrainer aufgenommen haben, wichtige Ansprechpersonen bei allerlei Fragen.

Das ist ein halbes Jahr her. Seit dem 26. Juni pausiert beim Verein die Arbeit, weil weniger Geflüchtete ankommen. „Wir sind da, um spontane Hilfe zu organisieren“, sagt Kunz. „Unsere Arbeit ruht, bis eine Krise eintritt.“

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