Immer noch keine Flüchtlinge eingezogen

München und die Flüchtlingsmauer: Wenn ein Schutzwall Schutz braucht

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Die Mauer an der Flüchtlingsunterkunft.

Ein Steinwall in München soll ein Wohngebiet eigentlich vor Lärm aus einer Flüchtlingsunterkunft schützen. Stattdessen schafft es die Mauer in die Schlagzeilen, sorgt für Empörung - und muss nun selbst geschützt werden.

Eine Mauer ist eine Mauer: Sie schützt und schottet zugleich ab. Doch es gibt auch Mauern, die werden zum Symbol für Ablehnung - so wie der vier Meter hohe Steinwall vor einer Flüchtlingsunterkunft in München. Anwohner im Stadtteil Neuperlach hatten das Bauwerk aus Lärmschutzgründen 2015 erstritten. Rund ein Jahr später stand der Schutzwall schließlich und sorgte prompt für Schlagzeilen, national und international. Doch bis heute steht die Flüchtlingsunterkunft, vor deren möglichem Lärm der Bau eigentlich schützen sollte, immer noch leer. Und das Absurde: Weil die Mauer immer wieder beschmiert wird, muss sie nun selbst geschützt werden.

Unbekannte sprühten etwa Statements wie „Build bridges not walls“ („Baut Brücken, keine Mauern“) und „Walls create strangers“ („Mauern erzeugen Fremde“) in Großbuchstaben auf die in Drahtkörben gestapelten grauen Steine. Weil eine Entfernung des Schriftzuges nicht nur Geld kostet, sondern, so die Vermutung des Sozialreferats, auch neue Beschriftungen nach sich ziehen würde, lässt man die Schmierereien stehen. Zum Verdruss einiger Anwohner. Auch Hauswände in der Nachbarschaft wurden beschmiert, wie ein Hausbesitzer berichtet.

Der Stadtrat stellt die Mauer im Mai schließlich unter Objektschutz

Seitdem kontrolliert ein privater Sicherheitsdienst den Schutzwall mehrmals täglich. Kosten der Überwachung: Laut Beschluss rund 1600 Euro monatlich. Bis September soll die Maßnahme dauern.

200 000 Euro hat der Bau insgesamt gekostet, den die Stadt als Kompromiss mit sieben Anwohnern des angrenzenden Wohngebiets beschlossen hat. Die hatten befürchtet, dass junge spielende Flüchtlinge vor der Unterkunft zu viel Lärm machen könnten, und hatten geklagt.

Mauer um Flüchtlingsunterkuft

Mit der Mauer sollten die Bewohner der Unterkunft auf dem Sportplatz spielen und die Anwohner im Garten entspannen können. Win-win-Situation - so die Theorie zumindest. Doch viele Kritiker sehen in der Mauer einen Grenzwall zwischen Flüchtlingen und der Gesellschaft, in die sie eigentlich integriert werden sollen. Die Grünen-Fraktion im Stadtrat beantragte wegen ihres „abschottenden Charakters“ den Abriss der Mauer. Sie schade dem Ruf Münchens. Das Referat für Stadtplanung und Bauordnung lehnte ab, es sei nur eine Lärmschutzmauer, so die Begründung. „Alles, was schief laufen konnte, ist hier schief gelaufen“, bilanziert Guido Bucholtz. Der parteilose Lokalpolitiker ist seit 24 Jahren im Perlacher Bezirksausschuss und zuständig für Flüchtlingsangelegenheiten, Wohnen und Unterkünfte. Mit einem Film der Neuperlacher und einem Höhenvergleich mit der 3,60 Meter hohen und damit kleineren einstigen Berliner Mauer hatte der Politiker im Herbst 2016 die Diskussionen rund um den Wall ins Rollen gebracht.

Heute bereut Bucholtz den Berliner-Mauer-Vergleich

„Das war unglücklich, das habe ich auch aus dem Video geschnitten“, sagt der Politiker. Bei seiner Ansicht ist er aber geblieben: „Die Mauer war und ist überflüssig.“ Die Anfeindungen gegen die Nachbarschaft verurteilt Bucholtz.

Das schützt ihn aber nicht davor, zum Sündenbock für all die Geschehnisse gemacht zu werden, zu denen es nach seinen Aufnahmen kam. „Man gab mir die Schuld an den Schmierereien“, berichtet er. Irgendwann wurde der Druck so hoch, dass der Lokalpolitiker seinen Posten als Vizevorsitzender im Bezirksausausschuss räumen musste. Mit seinem Video habe er niemanden Schaden, sondern nur die Aufmerksamkeit auf etwas lenken wollen, was „nicht korrekt läuft“, betont er.

Und die Flüchtlinge? 

Die sollen bis Anfang Oktober einziehen, heißt es vom Sozialreferat. Insgesamt 80 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sollen dann in den Gebäudekomplex ziehen. Die Mauer soll dann im Rahmen eines Kunstprojekts von den jungen Flüchtlingen bemalt werden. Außerdem will man sie begrünen, damit Pflanzen und ein bunter Hintergrund das Bild beherrschen.

dpa

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