Nach Fahrscheinkontrolle

Video zeigt Einsatz: Polizist kniet in München minutenlang auf Hals eines Mannes - „Bleiben Sie locker“

Am Isartor in München kam es zu einem massiven Polizeieinsatz.
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Am Isartor in München kam es zu einem massiven Polizeieinsatz.

Ein Polizeieinsatz in München sorgt für Wirbel: Auf einem jetzt veröffentlichten Video ist ein Bundespolizist zu sehen, der minutenlang auf einem am Boden liegenden Mann kniet.

München - Der Vorfall soll sich am 12. Februar 2020 ereignet haben. Focus Online berichtet darüber, ein Video zugespielt bekommen zu haben, das eine „aus dem Ruder gelaufene, in einer Gewaltaktion endende Fahrkartenkontrolle“ zeigen soll. Das Nachrichtenportal zieht auch eine Parallele zum Fall „George Floyd*“, dem in den USA bei einem Polizeieinsatz getöteten Mann.

Laut dem Bericht war der Mann an der S-Bahnstation Isartor in München* von Mitarbeitern der Deutsche-Bahn-Sicherheit (DBS) kontrolliert worden. Er habe seine gültige Fahrkarte vorgezeigt, worauf handschriftlich ein Datum notiert war. Die Kontrolleure waren der Meinung, dass die Notiz den Fahrschein entwerte - der Mann sollte Strafe zahlen.

Polizeieinsatz in München: Bodycam-Video zeigt Handeln der Polizisten

Weil er sich weigerte - laut Recherchen von Focus hatten die Kontrolleure mit der Behauptung, der Fahrschein sei ungültig, nicht Recht - riefen die DBS-Mitarbeiter die Bundespolizei dazu.

An diesem Punkt setzt das Video ein, das die Bodycam einer Bundespolizistin aufgenommen haben soll und das Focus nun veröffentlicht hat. Der kontrollierte Mann spricht darauf französisch und will seinen Ausweis nicht zeigen. Ob er die Beamten nicht versteht oder sich weigert, ist nicht ersichtlich. Die Bundespolizistin verweist auf die laufende Bodycam und dass die Situation nun gefilmt werde.

München: Bundespolizist kniet auf Kopf und Hals eines Mannes

Nach mehrmaliger Aufforderung, sich auszuweisen und dann auch Ankündigung von „körperlicher Gewalt“, greift der Bundespolizist zu und bringt den Mann zu Boden. Dieser wehrt sich, schreit, tritt. Nun mischen sich auch die Sicherheitsdienst-Mitarbeiter ein, halten den Mann am Boden fest, auch ein zufälliger vorbeikommender Polizist in Zivil beteiligt sich an der Fixierung.

Der Bundespolizist kniet sich auf den unteren Kopf und der Hals des Mannes, der sich nun nicht mehr bewegen kann und sofort hörbar schwer atmet. Er ruft immer wieder um Hilfe, dass er erbrechen müsse, dass die Polizisten aufhören sollen, ihn zu fixieren. Dies dauert minutenlang. Der Bundespolizist versucht ihn mit den Worten „Bleiben Sie locker“ und „Alles gut“ zu beruhigen, er duzt ihn auch immer wieder. Ansonsten ist kein Versuch der verbalen Kommunikation mit dem Mann zu erkennen.

Einsatz in München: Mann kommt vor Gericht - wegen Angriff auf Vollstreckungsbeamte

Weitere Bundespolizisten treffen ein, dann endet das Video. Offenbar soll der Mann zu einer Dienststelle gebracht worden sein, wo er die Nacht in einer Zelle verbrachte. Er sei weder alkoholisiert, noch seien Drogen im Spiel gewesen. Er habe auch keine gefährlichen Gegenstände bei sich gehabt.

Dem Bericht zufolge wird der Vorfall bald vor Gericht Thema sein. Angeklagt ist der kontrollierte Mann, wegen vorsätzlicher Körperverletzung, tätlichem Angriff auf Vollstreckungsbeamte, Sachbeschädigung und Beleidigung.

Laut dpa überprüft die Staatsanwaltschaft München I das Vorgehen der Bundespolizei. Es handle sich um Vorermittlungen, um zu klären, ob ein Verfahren eingeleitet wird.

Polizeieinsatz in München: Mann erhebt schwere Vorwürfe gegen die Beamten

Die Bundespolizei will sich zu dem Vorfall nicht äußern, man befinde sich im laufenden Strafverfahren und dürfe nicht vorgreifen. Nur so viel: Alle Beweismittel, auch das Video, liegen der Staatsanwaltschaft vor. Der kontrollierte Mann selbst hat zwischenzeitlich mit dem Focus gesprochen und seine Sicht der Dinge und die Auswirkungen der Polizeikontrolle auf ihn dargelegt. Seine Vorwürfe wiegen schwer: Es seien „rücksichtslose, unwürdige und lebensbedrohende“ Handlungen gewesen. Es habe sich um eine „Gewaltaktion“ seitens der Polizei gehandelt. Er habe „Todesangst“ gehabt, als der Polizist auf ihm gekniet sei. Er habe massive Schmerzen gehabt, sei fast erstickt, ihm sei schlecht geworden.

München: Kontrollierter Mann leidet immer noch psychisch unter dem Vorfall

Auch habe er seinen Ausweis nicht gezeigt, weil er die Ankunft seiner herbeigerufenen Frau abwarten wollte - um die Situation nicht allein bestreiten zu müssen. Er habe sich gewehrt, weil er sich schützen wollte. Tage nach dem Vorfall habe er sich bei der Polizistin, die beim Einsatz leicht verletzt worden war, mit Blumen entschuldigt. Er habe nicht gewollt, dass jemand durch sein Wehren verletzt wird.

Er selbst leide immer noch unter dem Einsatz von vor eineinhalb Jahren. Er habe seinen Job verloren, sei psychisch belastet. Dadurch sei die Gerichtsverhandlung auch schon zwei Mal verschoben worden. Anzeige habe er gegen die Polizisten nicht erstattet. Das bringe nichts.

In München hat ein ähnlicher Fall im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt. Ein dunkelhäutiger Jugendlicher erhob damals schwere Vorwürfe gegenüber der Polizei*. Gleichzeitig geben die Beamten an, immer öfter Opfer von Gewalt gegen Polizeibeamte* zu werden.*tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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