Klinikum rechts der Isar

„Geheime und verstörende Bilder“ aus dem Klinikum rechts der Isar verbreiten sich - sie zeigen nur die halbe Wahrheit

Screenshot eines auf YouTube kursierenden Videos, das scheinbar entspannte Zustände im Münchner Klinikum rechts der Isar zeigt.
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Auf YouTube kursiert ein Video, das scheinbar entspannte Zustände im Münchner Klinikum rechts der Isar zeigt.

Auf YouTube kursiert derzeit ein Video, das scheinbar entspannte Zustände im Münchner Klinikum rechts der Isar zeigt - doch es verheimlicht entscheidende Informationen.

München - In den Münchner Kliniken herrschte bisweilen eine dramatische Corona-Lage. (tz.de* berichtete). Die Intensivstationen sind aufgrund vieler Patienten mit einer Covid-19-Erkrankung stark ausgelastet. Ein Stundenprotokoll zeigte den aufreibenden Alltag,* den das Personal aufgrund vieler Überstunden und der hohen Belastung zu bewältigen hat.

Trotz der Fülle an Berichten und Analysen zu der Corona-Situation*in deutschen und den Kliniken Münchens verbreiten sich vor allem im Internet diverse Verschwörungstheorien,* die die Gefahr durch Covid-19 entweder relativieren oder sogar die tatsächliche Existenz der Lungenkrankheit anzweifeln. So auch aktuell.

München: Video soll die tatsächliche Corona-Lage in Münchner Kliniken aufzeigen

Auf YouTube kursiert derzeit ein Video des Münchner Publizisten und Radio-Moderators Markus Langemann, der bereits in den vergangenen Monaten wegen seiner kritischen Haltung gegenüber den Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus aufgefallen war. Auf seiner Seite „clubderklarenworte.de“ wirbt er für einen „freien und überparteilichen Journalismus“.

Die auf YouTube veröffentlichten Aufnahmen zeigen Bilder, die im Klinikum rechts der Isar der TUM entstanden sind - allem Anschein nach heimlich und somit auch ohne Drehgenehmigung, was die Uniklinik auf Anfrage von tz* so auch bestätigt. Titel des Videos: „Geheime & verstörende Bilder aus dem Zweitgrößten Krankenhaus in München!“

„Verstörend“ sollen diese mutmaßlich deshalb sein, weil sie Corona-Zustände zeigen, die völlig widersprüchlich zu den chaotischen und hektischen anmutenden Bildern aus Krankenhäusern sind, die derzeit in den Medien gezeigt werden. „Diese Aufnahmen entstanden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen“, erklärt Markus Langemann in dem Video aus dem Off. „Einmal am Abend und am nächsten Tag gleich am Vormittag.“

Durch die zweimaligen Aufnahmen am 14. und 15. Januar wolle er den „in den Abendstunden gewonnenen Eindruck mit dem Tagesbetrieb nochmal“ abgleichen, so der Journalist. Zu sehen sind Bilder aus den Gängen der Notaufnahme, der pneumologischen Abteilung (wo Lungenkrankheiten behandelt werden) sowie vom Eingangsbereich des Klinikums rechts der Isar.

YouTube-Video mit zweifelhaftem Inhalt: Klinikum rechts der Isar der TUM bezieht Stellung

Und tatsächlich: „Insgesamt macht die Klinik einen sehr ruhigen, aufgeräumten und entspannten Eindruck“, wie Markus Langemann kommentiert. Daraufhin fügt er provokant hinzu: „An den gezeigten Orten habe ich die Klinik zu anderen Zeiten persönlich schon einmal als lebhaften hektischen Ort erlebt - selbst an Sonntagen.“ Hat er also recht? Alles nur halb so wild in den von Corona geplagten Krankenhäusern?

tz hat beim Klinikum rechts der Isar der TUM nachgefragt. Eine Sprecherin hat für die Bilder eine ganz einfache Erklärung: „Aufgrund der Pandemie-Situation sind Besuche nur noch in Ausnahmefällen möglich - entsprechend der Regelungen der bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung. Darauf beruht auch unser Schutz- und Hygienekonzept.“

Und weiter: „Dadurch herrscht deutlich weniger Betriebsamkeit in den Gängen, insbesondere abends.“ Aktuell würden am Klinikum rechts der Isar in München mehr als 50 Covid-Erkrankte, davon rund 20 auf der Intensivstation behandelt werden. Zahlen, die zu jeder Zeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.

Was hat der Macher des YouTube-Videos erwartet? Patienten, die in Betten auf völlig überfüllten Gängen liegen? Ärzte, die wie bei „Emergency Room“ schreiend durch die Gänge rennen, weil ein Patient gerade einen Herzstillstand erleidet? Covid-19-Patienten müssen aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr isoliert untergebracht werden. Und auch ein Markus Langemann kann nicht einfach durch die Intensivstation spazieren. Diese Abteilung ist nicht nur im Klinikum rechts der Isar, sondern in jedem Krankenhaus abgeschirmt, weil die schwer erkrankten Patienten vor Keimen geschützt werden müssen.

Klinikum rechts der Isar der TUM: Geringe Besucherzahlen durch Infektionsschutzmaßnahmen

Über Besuchsverbote an Münchner Kliniken wurde im Vorfeld immer wieder in den Medien berichtet - im Video von Markus Langemann ist davon jedoch nicht die Rede, beziehungsweise wird darin auch nicht in Erwägung gezogen, dass es einen Zusammenhang zwischen den gezeigten Bildern aus der Uniklinik und den geltenden Infektionsschutzmaßnahmen in Bayern geben könnte.

Auch gibt der Publizist dem Klinikum rechts der Isar der TUM keine Möglichkeit, sich zu den gezeigten Aufnahmen in einer entsprechenden Gegendarstellung zu äußern, was gemäß Presserecht seine Aufgabe als Journalist gewesen wäre - insbesondere vor dem Hintergrund, als dass er sich an der Methodik seiner Branchen-Kollegen so sehr stört. Der Journalismus sei „erblindet auf einem Auge und nicht mehr in der Lage dreidimensional zu sehen“, heißt es unter anderem in seinem Video.

Zumindest aber gibt er auf YouTube zu: „Die Bilder hier erheben logischerweise nicht einen Anspruch auf einen vollständigen Überblick.“ Das Video wurde am Sonntag (17. Januar) erstmals in dem Videoportal hochgeladen und „bis zum späten Sonntagabend von über 100.000 Menschen geklickt“, wie in einem Artikel von „clubderwahrenworte.de“ mitgeteilt wird.

YouTube löschte den Inhalt jedoch mit der Begründung, dass er gegen die „Richtlinien zu medizinischen Fehlinformationen“ verstoße. Hochgeladen wird das Video seitdem trotzdem immer wieder. *tz ist Teil des Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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