Was haben die Visitenkarten an den Autos zu bedeuten?

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Kaufe Auto, zahle bar: Visitenkarten wie diese finden Münchner regelmäßig an ihren Autoscheiben.

München - Sie kaufen auch Ihr Auto, zahlen sofort und in bar. Seit Jahren versuchen Händler, über Visitenkarten an Kunden zu kommen. Eigentlich ist das verboten. Doch das Geschäft ist lukrativ – und die Behörden machtlos.

Es ist eine Visitenkarte voller Rechtschreibfehler, aber auch voller Versprechen. „Wir kaufen alle PKW’s, LKW’s, Busse, Geländewagen, Wohnmobile, Lieferwagen auch mit Motorschäden und Unfallwagen“, steht darauf. „Egal, ob: TÜV fällig, Reparatur fällig, Kilometerstand egal, auch ohne KAT, korrekte Abwicklung, vor Ort Abholung, sofortige Abmeldung. (ZAHLE BAR).“ Der Händler Ioan B. hat Ende letzter Woche – wieder einmal – hunderte dieser Kärtchen in einem Schwabinger Wohngebiet verteilen lassen. Sie kleben immer noch an den Windschutzscheiben geparkter Autos und haben nur ein Ziel: Der Besitzer soll, wenn er seinen Wagen „jetzt oder später“ verkaufen will, bei Ioan B. anrufen.

Das Geschäftsmodell ist einfach, aber lukrativ. „Die Kärtchenhändler versuchen halt, den Preis extrem zu drücken“, sagt die ADAC-Juristin Silvia Schattenkirchner zum Münchner Merkur. „Sie laufen ums Auto herum und entdecken hier einen Mangel und dort einen. Dann zücken sie Bargeld und wollen das Fahrzeug sofort mitnehmen.“ Das erzeugt Druck, viele Besitzer geben nach – oft, ohne zu wissen, was ihr Wagen an anderer Stelle wert gewesen wäre. Es sei aber nicht so, fährt Schattenkirchner fort, dass alle Kärtchenhändler „per se unseriös sind“. Das habe ein Test des ADAC ergeben. „Wir empfehlen, sich erst an anderer Stelle über den Wert eines Wagens zu informieren.“

Andere sind da weniger diplomatisch. Die Preise, die die Händler zu bezahlen bereit wären, seien „eine völlige Frechheit“, sagt ein Polizist, der seit Jahren mit dem Phänomen zu tun hat. Zu tun deshalb, weil das Verteilen von Visitenkarten im öffentlichen Raum nach dem Bayerischen Straßen- und Wegegesetz überhaupt nur mit Sondergenehmigung erlaubt ist. Wirtschaftswerbung dieser Art sei in München aber „nicht genehmigungsfähig“, erklärt Daniela Schlegel vom Kreisverwaltungsreferat (KVR). Wer also beim Verteilen der Kärtchen ertappt wird, muss mit einer Anzeige rechnen. Stellt die Stadt eine Ordnungswidrigkeit fest, wird im Regelfall ein Bußgeld in Höhe von 100 Euro fällig. Wiederholungstäter müssen mit einer Strafe von bis zu 1000 Euro rechnen. Laut KVR kommen so etwa 150 Bußgeldbescheide zusammen, genaue Zahlen gibt es nicht.

Ohnehin treffen die Bußgelder vor allem die Verteiler, selten die Händler. Die operieren mit Briefkastenfirmen, haben keine festen Adressen und wechseln zur Not auch mal die Handynummer. „Der Ermittlungsaufwand steht in keinem Verhältnis zum Ergebnis“, sagt der Polizist, der lieber anonym bleiben möchte. Anders ausgedrückt: Es lohnt sich nicht, verdeckt zu ermitteln, sich etwa als Interessent auszugeben und die Händler in eine Falle zu locken. „Und eine Standortpeilung“, sagt der Beamte, „ist bei einer Ordnungswidrigkeit gar nicht zulässig.“

Hinzu kommt, dass jeder, der ein Bußgeldverfahren am Hals hat, Zeit hat, sich beim KVR zu erklären. Und damit auch Zeit, unterzutauchen. „Viele Kärtchenhändler haben keinen Wohnsitz in München“, sagt der Polizist. „Die sind nicht darauf angewiesen, hierzubleiben – sie verschwinden einfach.“ So wie die Autos. Die werden laut ADAC meist nach Osteuropa weiterverkauft.

Was bleibt, ist eine „sehr große Dunkelziffer“, sagt der Fachbeamte der Polizei. Und die Erkenntnis, „dass man das Ganze nicht wird eindämmen können. Da fehlt einfach die Handhabe.“

Von Thierry Backes

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