Reporterin macht den Check

Münchner Wegwerfgesellschaft: Hier landet der Müll der Isar-Metropole - Vieles ist wie neu

Zwischen Bodenvase und Plüschgeier: Reporterin Daniela Pohl an der Sammelstelle für die Halle 2.
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Zwischen Bodenvase und Plüschgeier: Reporterin Daniela Pohl an der Sammelstelle für die Halle 2. Die Münchner können an allen Wertstoffhöfen gut Erhaltenes für das Gebrauchtwarenkaufhaus abgeben.

Mehrere tausend Tonnen Sperrmüll kommen im Jahr in München zusammen. Dieser landet auf den Wertstoffhöfen der Stadt. Während Corona nahm die Menge noch zu.

München - Fasziniert verfolge ich, wie die Wertstoffpresse ein Plüschsofa zermalmt. Ich muss mit dem Spaten nachdrücken. Dominik Panzer (52) weist mich an. Der Meister für Kreislaufabfallwirtschaft und Städtereinigung auf dem Wertstoffhof in Freimann* erklärt mir heute, wohin der ausgediente Hausrat der Münchner wandert. Unglaublich, wie viel Brauchbares noch unter dem Schrott ist!

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14 Kilo Sperrmüll produziert jeder Münchner im Schnitt im Jahr

Für die Couch kommt jede Hilfe zu spät – sie hat ausgedient und wird verbrannt. So wie rund 21.200 Tonnen Sperrmüll, die von den Münchnern* im Jahr auf den zwölf Wertstoffhöfen der Stadt abgegeben werden. Etwa 14 Kilo pro Kopf. 2020 dürfte es noch mal mehr gewesen sein: Laut AWM ist die Menge an Sperrmüll, die an den Höfen entsorgt wurde, während der Pandemie* um 20 bis 30 Prozent gestiegen. „Der Sperrmüll wird thermisch verwertet. Es entsteht Strom“, sagt Panzer.

Werkeln an der Müllpresse mit Wertstoffhof-Meister Dominik Panzer: Der angelieferte Sperrmüll wird komprimiert und zur Verbrennung gebracht.

Doch am besten ist es, wenn Müll gar nicht erst produziert wird. „Unser höchstes Ziel ist die Abfallvermeidung“, betont Panzer. Davon sind die Münchner weit entfernt. „Wir sind eine Wegwerfgesellschaft.“ Immer mehr neuwertige Geräte landen in den orangen Stahlcontainern des Wertstoffhofs. Handys, Waschmaschinen, Fernseher. „In einer Woche wird so ein Container locker voll“, berichtet der Wertstoffhof-Meister.

Teilweise werden hochtoxische Substanzen bei den Münchner Wertstoffhöfen abgegeben

Weil vor allem in der Unterhaltungselektronik am laufenden Band neue Modelle herauskommen, wird Altes oft gleich weggeworfen. Allein rund 1300 Tonnen Fernsehgeräte werden in einem Jahr an den Wertstoffhöfen der Stadt angeliefert. Die Mitarbeiter ordnen den Schrott und trennen Brauchbares von Defektem. Was noch gut in Schuss ist, wird wieder verkauft – im AWM-Gebrauchtwarenkaufhaus Halle 2 in Pasing habe ich bereits einen Termin.

In der Problemstoffannahme erklärt Chemietechniker Dominik Kolb, wie Substanzen geprüft werden.

Während es draußen auf dem Hof rumpelt und kracht, nähert sich Dominik Kolb (38) in der Problemstoffannahme dem Müll mit Pinzette und Lackmuspapier. Das zeigt den pH-Wert an – einer der Tests, die dem Chemietechniker verraten, wie gefährlich ein Stoff ist. „Oft kriegen wir Behälter, wo wir nicht wissen, was drin ist“, sagt Kolb. Teils handle es sich um hochtoxische Substanzen. „Vieles sind Altbestände aus Kriegszeiten.“ Etwa roter Phosphor. „Wenn er brennt, dann richtig gut. Damit hat man früher Brandbomben gebaut.“ Eine alte Dame habe mal sechs Kilo Quecksilber in flüssiger Form gebracht. Die Chemikalien werden von der Sonderabfall-Entsorgung Bayern (GSB) fachgerecht beseitigt.

Auch alte Reinigungsmittel können gefährlich sein

Auch alte Reinigungsmittel können es in sich haben. Der Chemietechniker zeigt mir ein unscheinbares Röhrchen mit der Aufschrift „Rostteufel“. Es enthält einen geringen Anteil Flusssäure. „Flusssäure kann Glas auflösen und Knochen verätzen, wenn es auf die Haut gelangt“, sagt der 38-Jährige. Keine schöne Vorstellung. Schnell wieder zurück in den Giftschrank – und raus an die Luft, wo meine letzte Amtshandlung auf mich wartet: Ich darf Heliumflaschen entsorgen. Die bunten Dinger sind auch leer noch ganz schön schwer.

Auf dem Rückweg schaue ich an der Abgabestelle für die Halle 2 vorbei. Mir fällt ein stattlicher Plüschgeier der Firma Steiff auf – den würde ich sofort kaufen. Daniela Pohl *tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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