Die 68er in München

München wie es swingt und strippt

München - Karl Marx? Lenin? Fritz Teufel? Rainer Langhans? Auf unseren wertkonservativen OB Christian Ude wollen wir in diesem Namens-Kanon ausnahmsweise verzichten, wenn’s um die Frage geht: Wer brachte eigentlich die Revolution nach München?

Von Marx ist bekannt, dass er das Münchner Bier zum Grundnahrungsmittel der Arbeiterklasse erklärte. Sehr gut. Von Lenin wissen wir, dass er in der Schwabinger Kaiserstraße seine Revolutions-Texte verfasste und sich hinterher im Hofbräuhaus die Kante gab. Gut so. Teufel & Langhans – das waren „68“er-Kommunarden mit innigen Beziehungen zu München. Allein ihr Verhältnis zu Uschi Obermaier (der Sex-Ikone aus der Kommune 1) – und so weiter.

Aber wirkliche Revolutionäre waren sie nicht. Allein ihre eingestandenen Orgasmus-Probleme, die sie am Demonstrieren hinderten… Also auch nicht. Ja, wer denn dann? An der Münchner Freiheit, in der Feilitzschstraße 14, lebt seit 42 Jahren ein mittlerweile sehr weißhaariger Mann, der vor 40 Jahre die Revolution nach Schwabing brachte – ohne jemals Kommunist gewesen zu sein: Wolfgang Roucka (ein bisserl über 60 Jahre alt), der berühmteste Großbild-Fotograf Münchens. Als die Hippies im Englischen Garten die freie Liebe ausriefen, die APO (Außerparlamentarische Opposition) in München mindestens zweimal pro Woche zur Demo antreten ließ und der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) an der Universität München den Ton angab – da entdeckte der gelernte Fotograf Roucka aus dem provinziellen Passau eine Marktlücke in München.

„Die Wände in den Wohngemeinschaften und den Apartments der Studenten und der jungen Leuten waren leer“, sagt Roucka. „Teure Bilder konnten sie sich nicht leisten.“ Und da kam der Pfiffikus auf eine geniale Idee, die ihm ein Freund aus Amerika gesteckt hatte: Poster! Großflächige Plakate mit aktuellen Motiven, massenhaft gedruckt, in der unteren Preisklasse zwischen fünf und 15 D-Mark (in Euro: die Hälfte). Roucka sondierte den Markt und legte in seiner neu eingerichteten Poster-Galerie in Schwabing die Hits auf – in drei Kategorien: 1. Politik, 2. Sex, 3. Film.

Was waren die Highlights 1968? Roucka hat die Bilanzen vorrätig: „Der Knaller war eine dicke Nackte aus Norwegen unterm Sonnenschirm. Das Poster hat sich in München zigtausendfach verkauft, das hing in jeder zweiten Studentenwohnung. Politisch korrekt waren natürlich Che Guevara und Ho Chi Minh, für die Linksradikalen auch Mao Tse-tung, und für die politischen Frauen die Rosa Luxemburg. Der Knaller aber war, auch für meine politische Kundschaft, der Musik-Rocker Frank Zappa beim Scheißen auf dem Klo – ein wirklicher Hit. Zappa hat mich auch persönlich in meinem Poster- Laden an der Münchner Freiheit besucht – da floss nicht nur ein Bier. Ich habe seine ganze Band unter den Tisch gesoffen.“

Bei den Film-Plakaten lagen die Italo-Western („Spiel mir das Lied vom Tod“) und der legendäre „Easy Rider“-Streifen mit Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson in der Pole-Position. Eine Sondernummer in München nahm die Sex-Nonne ein. Roucka: „Ich glaube, die fanden auch die Rechten gut.“ Das Erfolgsposter zeigt eine Ordensfrau mit weit geöffnetem Dekolletee, auf das ein Che-Guevara- Bild projiziert wurde. Das Model, Brigitte Haas (damals 24) aus Rosenheim, erinnert sich noch heute daran: „Ich hatte einen kleinen Busen, und deshalb wurden meine Brüste während der Foto-Session von einem Assistenten des Fotografen per Handgriff von hinten geliftet.“ Das Ordinariat der Katholischen Erzdiözese von München und Freising hatte nach der Veröffentlichung des Posters zwar Schaum vor dem Mund, protestierte in einer Presseerklärung an alle Münchner Tageszeitungen, verzichtete aber auf eine Klage. Die Folge: Die falsche Busen-Nonne mit dem Che Guevara im Dekolletee wurde wie wild gedruckt und hing in halb München an der Wand. Wolfgang Roucka heute: „So eine Nonne hatte ich nie mehr.“

Rouckas Poster-Revolution wurde abgelöst durch eine Sex-Revolution. Statt Plakaten an der Wand gab es jetzt in München echte Nackte zu besichtigen. Das amerikanische Musical „Hair“ kam unter dem Titel „Haare“ als deutsche Erstaufführung nach München. Die ersten zehn Vorstellungen im „Theater an der Brienner Straße“ (dem heutigen „Volkstheater“) mit seinen 1049 Plätzen waren sofort ausverkauft. „Eine Orgie von Texten, Bildern und Klängen“, hieß es in der Ankündigung. So war es auch. Der Hit „Aquarius“ für das jetzt beginnende Hippie-Zeitalter des „Wassermanns“ lag musikalisch in aller Ohren und auf der Bühne gab es etwas nie Gesehenes zu bestaunen.

Die rund 35 Darsteller/innen standen in einer Szene splitterfasernackt vor dem Publikum. München strippte – und das Kreisverwaltungsreferat tobte. Die Polizei musste einschreiten. Zunächst stand ein komplettes Verbot von „Haare/Hair“ im Raum. Dann das Verbot einzelner Szenen. Schließlich wurde ein „Kultur-Gutachten“ eingeholt, das dem Musical einen „höheren Kunstwert“ bescheinigte, weswegen man es auch nicht verbieten konnte. Lediglich bei einer Szene, bei der Darsteller/innen zum Gruppen-Sex auf die Bühne steigen, musste ein großes Tuch in der Größe eines Bettbezugs davor gehalten werden, damit das Publikum nicht verdorben wurde. Übrigens: Sämtliche „Hair“-Vorstellungen im Jahre 1968 – und es wurde fast täglich gespielt – im „Theater an der Brienner Straße“ waren restlos ausverkauft.

Die Probleme des Münchner Ordnungsamtes mit dem Musical „Hair“ und den Nackten auf der Bühne waren damals nicht die ersten Auseinandersetzungen mit der behördlich bezeichneten „Zurschaustellung sekundärer weiblicher Geschlechtsorgane“. Bereits bei der Bühnen- und Eisrevue „Broadway ’67“ im Circus Krone war ein Grundsatzstreit entbrannt, ob sechs nackte Pariser Tanz-Mädels auftreten dürften. Die Münchner „Kompromiss-Linie“ sah schließlich folgendes vor: 1. Der Busen muss an der Spitze mit Sternchen überklebt werden. 2. Die weiblichen Schamhaare müssen durch Slips verdeckt werden. 3. Ein textilfreier Rücken bis zur Hälfte des Pos ist erlaubt. 4. Es muss einen Mindestabstand von fünf Metern zum Publikum geben.

Die Auseinandersetzung um genehmigte oder zu freizügige Sex-Szenen auf der Bühne waren übrigens die beste Werbung für die Pariser Revue: Alle Vorstellungen waren ausverkauft. Besuch von der Sittenpolizei bekam in jenen Tagen auch der Schwabinger Poster-König Wolfgang Roucka. Er hatte ein Plakat auf den Markt gebracht, das eine nackte Frau mit unverhülltem Schamhaar-Dreieck zeigt. Als die Polizei die Plakate an der Münchner Freiheit beschlagnahmen wollte, übersprühte Roucka alle Plakate an der delikaten Stelle mit schwarzer Farbe. Die Beamten waren zufrieden und zogen wieder ab. Das Schamhaar-Plakat ’68 aber wurde ein Poster-Hit – denn die Farbe konnte man hinterher abrubbeln und die vollständige Schönheit des weiblichen Körpers war wieder hergestellt – ohne Wissen der Münchner Ordnungshüter. So swingte und strippte München vor vierzig Jahren.

Rudolf Schröck

Quelle: tz

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