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Münchner Wissenschaftler entschlüsseln Krebs-Gene: Bessere Chancen bei Kopf- und Halstumoren

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Von: Andreas Beez

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Frühzeitige Untersuchung: Bei anhaltenden Schluckbeschwerden oder Heiserkeit sollte man zum Arzt gehen.
Frühzeitige Untersuchung: Bei anhaltenden Schluckbeschwerden oder Heiserkeit sollte man zum Arzt gehen. © gpointstudio/Imago

Ihre Forschung könnte das Leben vieler Krebspatienten verlängern. Münchner Forscher haben herausgefunden, wie man bestimmte Schlüssel-Gene hemmt.

München – Tumoren im Kopf-Hals-Bereich zählen zu den gefährlichsten Krebsarten überhaupt. „Im fortgeschrittenen Stadium sterben leider mehr als die Hälfte der Patienten“, weiß Professor Martin Canis, HNO-Chefarzt des LMU Klinikums in München. Deshalb wird auch in Großhadern mit Hochdruck daran geforscht, die Entstehung der gefürchteten Erkrankung zu entschlüsseln – mit dem Ziel, künftig mehr Patienten retten zu können. Dabei sind die Münchner Wissenschaftler jetzt einen wichtigen Schritt vorangekommen.

Kopf-Hals-Tumore sind häufig nicht gut behandelbar

Sie konnten fünf Gene enttarnen, die – vereinfacht erklärt – an Wachstum und Ausbreitung von Kopf-Hals-Tumoren (auch HNO-Karzinome genannt) beteiligt sind. Allerdings sind diese Gene nicht bei jedem Menschen gleich aktiv. Mit einer Aktivitäts-Analyse dieser fünf Schlüssel-Gene werden sich künftig die Überlebenschancen Betroffener besser beurteilen lassen. Zudem könnte dieses Wissen dabei helfen, ein neues Medikament zu entwickeln.

Hightech-Analyse: Mit solchen Modellen erforschen die Wissenschaftler Tumorzellen.
Hightech-Analyse: Mit solchen Modellen erforschen die Wissenschaftler Tumorzellen. © LMU Klinikum

Derzeit ist die Ausgangslage für eine Behandlung von fortgeschrittenen Kopf-Hals-Tumoren ungünstig. Fünf Jahre nach der Diagnose sind zwei von drei Patienten verstorben. Trotz OP, Chemo- und Strahlentherapie erleiden die Erkrankten oft Rückfälle. Entweder bildet sich an der gleichen Stelle erneut ein Tumor, oder es entstehen Metastasen in den benachbarten Lymphknoten. Von dort aus können Krebszellen in weitere Organe gelangen.

Gängiges Medikament zur Krebsbehandlung schlägt oft nicht an

In solchen Fällen werden die Patienten in der Regel mit Immuntherapien behandelt. „Dabei werden körpereigene Abwehrzellen sozusagen scharf gemacht“, erklärt Prof. Canis. Dazu wird bei Kopf-Hals-Tumoren häufig das Medikament Cetuximab verabreicht. „Es hemmt den sogenannten EGF-Rezeptor. Er wird auf Tumorzellen verstärkt gebildet und sorgt dafür, dass sich diese unkontrolliert vermehren. Blockiert man den Rezeptor, wird auch das Wachstum der Tumorzellen reduziert.“

Wie gut Cetuximab wirkt, lässt sich jedoch nicht vorhersagen, unterm Strich sind die Chancen nicht allzu groß. Mithilfe der Münchner Forschungsarbeit könnte jedoch bald eine genauere Prognose möglich werden. Die Ergebnisse wurden jetzt im renommierten wissenschaftlichen Fachjournal „Molecular Cancer“ veröffentlicht.

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Neue Erkenntnisse müssen jetzt auf „Patienten übertragen werden“

Daran waren neben dem LMU-Professor und HNO-Forscher Olivier Gires auch seine Kollegen von der LMU-Klinik für Strahlentherapie sowie vom Münchner Helmholtz-Zentrum beteiligt. Ihnen ist es gelungen, besser zu verstehen, wie und wie schnell sich die Tumorzellen ausbreiten. Dabei spielen besagte fünf Schlüssel-Gene offenbar eine entscheidende Rolle – allen voran ein spezielles Gen namens Integrin beta 4. „In Modellversuchen hat sich gezeigt: Wenn man die Aktivität dieses Gens blockiert, wird auch die Ausbreitung der Tumorzellen gehemmt. Somit könnte dies ein Ansatzpunkt zur Entwicklung eines neuen Medikaments gegen die Streuung von Tumorzellen sein“, erklärt Prof. Gires.

Chef der HNO-Klinik des LMU Klinikums, Prof. Martin Canis (l.) und Spitzenforscher bei HNO-Karzinomen, Prof. Olivier Gires.
Chef der HNO-Klinik des LMU Klinikums, Prof. Martin Canis (l.) und Spitzenforscher bei HNO-Karzinomen, Prof. Olivier Gires. © privat

Patienten mit diesem hochaktiven Gen Integrin beta 4 sprechen nach den Erkenntnissen der Gires-Gruppe auch deutlich besser auf das bereits vorhandene Medikament Cetuximab an. Im Umkehrschluss ließe sich mit dieser Aktivitäts-Analyse auch besser vorhersagen, bei welchen Patienten das Mittel vermutlich nicht anschlagen wird. Ihnen könnte man dann etliche Nebenwirkungen ersparen.

Bevor diese Diagnose-Methoden in den Kliniken zum Einsatz kommen, müssten jedoch wissenschaftliche Studien auf den Weg gebracht werden, erläutert HNO-Klinikdirektor Canis: „Die Grundlage ist mit dieser Kombi aus Tumormodellen und Gen-Analysen gelegt. Jetzt geht es darum, die Erkenntnisse auf unsere Patienten zu übertragen.“

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