Kahlschlag

Wohnungen statt Grün: München verliert jährlich 2500 Bäume –  Nachpflanzungen ungenügend

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Bagger in der Baugrube statt Gartengrundstück mit Bäumen: Elke Bohn bedauert den Verlust von immer mehr Grün in Harlaching. 

In Harlaching wurde ein kleines Häuschen in einem großen Gartengrundstück weggerissen. Nur ein Bauvorhaben von vielen, das die Bewohner der Gartenstadt umtreibt. Sie befürchten, dass der Charakter ihres Viertels verloren geht. Die Stadt will die Gartenstädte jetzt mit Rahmenplänen schützen.

Wenn Elke Bohn (75) auf ihr Nachbargrundstück schaut, blutet ihr das Herz. „Genau da, wo jetzt der Bagger ist, stand eine wunderschöne große Buche. Und da drüben eine mächtige Linde“, sagt sie wehmütig. Jetzt sind die Bäume gefällt. Auch das Häuschen, das auf dem Gartengrundstück stand, ist verschwunden. An seine Stelle tritt jetzt ein mächtiger Mehrspänner.

Alle Nachbarn haben sich dagegen gewehrt, dass der Neubau bis an den Gehsteig heranreicht. Aber wir hatten keine Chance“, klagt Bohn. Andreas Dorsch weiß, warum. „Es gibt eine Baulinie, die vorne an der Gehsteigkante verläuft. Die ist über 100 Jahre alt und wurde nie überarbeitet!. Heute wird das aufgrund des hohen Baudrucks natürlich ausgenutzt“, sagt er. Der 52-Jährige ist Vorsitzender des Bündnisses Gartenstadt Harlaching. Auf seiner Internetseite www.gartenstadt-harlaching.de hat er über 60 „Bausünden“ zusammengetragen. „Als der Bayerische Verwaltungsgerichtshof 2003 die Gartenstadtsatzung ersatzlos gestrichen hat, hat man es versäumt, Bebauungspläne zu machen. Stattdessen wurde alles nach Paragraf 34 gebaut“, kritisiert er. Dieser Paragraf erlaubt Neubauten, die sich „nach Art und Maß“ in die „Eigenart der näheren Umgebung“ einfügen. „Eine sehr vage Formulierung, die von Bauherren oft großzügig ausgelegt wird, um das Maximum rauszuholen.“ So entstehe immer ein Stück mehr Baurecht – ein Schneeballeffekt mit immer dichterer Bebauung droht. Wie an der Meichelbeckstraße. Oder an der Naupliastraße 108: „Dort wurden 65 Bäume gefällt“, sagt Dorsch. „Meines Wissens nach soll ein Lidl entstehen. Ein Querriegel samt Tiefgarage und Rückgebäude.

Um die Grün-Oasen zu schützen, testet die Stadt aktuell in Laim, Waldtrudering und Harlaching sogenannte Rahmenpläne. Diese können ein größeres Gebiet umfassen als Bebauungspläne, haben allerdings den Nachteil, rechtlich nicht verbindlich zu sein. Der Harlachinger Bezirksausschuss-Chef Clemens Baumgärtner (CSU) ist skeptisch. „Die Rahmenpläne sind ein zahnloser Tiger.“ Der Stadtrat soll noch im Frühjahr über die Zukunft der Gartenstädte entscheiden.

Bauherren drücken sich vor Ersatzpflanzungen

Elke Bohn hofft, dass auf ihrem Nachbargrundstück wenigstens Bäume nachgepflanzt werden. Dorsch kritisiert, dass sich viele Bauherren vor geforderten Ersatzpflanzungen drücken. Wird ein Baum illegal gefällt, droht ein Bußgeld (siehe Kasten).

Urteilt die Stadt, dass ein Baum nicht nachgepflanzt werden kann (zum Beispiel aus Platzmangel), muss der Bauherr eine Ausgleichszahlung von 750 Euro an die Stadt leisten. Laut Planungsreferat hat die Behörde 2018 rund 350 000 Euro an Ausgleichszahlungen gefordert. Ein Sprecher teilt mit, dass rund 80 Prozent der Bauherren die geforderten Bäume nachpflanzen. 2018 wurden bei Bauvorhaben 2350 Fällerlaubnisse erteilt (geforderte Ersatzpflanzungen: 1911). Weniger gut sei die Pflanzmoral bei den Einzelverfahren (zum Beispiel, weil ein Baum krank ist). In diesen Fällen pflanzt nur ein Drittel nach. 2018 gab es bei den Einzelverfahren 3412 genehmigte Baumfällungen, 1789 neue Bäume wurden gefordert.

Daniela Schmitt

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