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Zeitumstellung geht Münchnern auf den Zeiger - „Es macht medizinisch keinen Sinn“

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Von: Martina Williams

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Luca Brix (25), Student aus München
Keine Zeitumstellung findet Luca Brix (25), Student, generell besser. © Achim Schmidt

Servus Sommerzeit! Am Sonntag wurden wieder die Uhren um eine Stunde zurückgestellt – aber ist die Zeitumstellung überhaupt noch zeitgemäß? Wir haben Experten befragt.

München - Ihr letztes Stündlein sollte längst geschlagen haben – und doch rückt sie noch zweimal im Jahr an: die Zeitumstellung! Schon 2018 hatten 4,6 Millionen Menschen in der EU für das Ende der Sommer- und Winterzeit gestimmt, das Europaparlament sprach sich für die Abschaffung aus– passiert ist bislang aber nichts. Und deshalb wurden auch bei uns in und um München* am Sonntag wieder die Uhren um 3 Uhr morgens auf zwei Uhr zurückgestellt. Was vielen auf den Zeiger geht!

Zeitumstellung - Körper & Medizin

Dr. Wolfgang Ritter, Allgemeinmediziner in der Praxis Dr. Grassl in Obersendling beobachtet, dass die Zeitumstellung „bei vielen meiner Patienten den Biorhythmus stört. Viele Menschen haben feste Zeiten, an denen sie einschlafen und auwachen. Das wird jetzt um eine Stunde verändert – der Körper aber bleibt bei der alten Zeit.“ Manche Menschen sind deshalb weniger belastbar, müde und fühlen sich schlapp.

Dr. Ritter: „Es macht medizinisch natürlich keinen Sinn, den menschlichen Biorhythmus zu stören, deshalb ist diese Zeitumstellung einfach unnötig!“ Auch Michael Wittmann, Geschäftsführer der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (­VdPB), sieht Probleme: Die Zeitumstellung mache „die verantwortungsvolle Aufgabe nicht unbedingt leichter. Für Pflegende, die an den entsprechenden Wochenenden im Nachtdienst arbeiten, ist es vor allem im Herbst ärgerlich, weil sie eine Stunde länger arbeiten müssen.“

Zeitumstellung - Tiere & Verkehr

Aufs erste Hinhören seltsam, aber: Auch Tiere sind von der Zeitumstellung betroffen. Vor allem gilt das für Igel. Angelika Nelson, Biologin beim Landesbund für Vogelschutz, erklärt: „Als nachtaktive Tiere sind sie in der Dämmerung unterwegs und überqueren Straßen. Aufgrund der Zeitumstellung bricht die Dämmerung nun für uns früher herein, wenn der Berufsverkehr auf den Straßen noch in vollem Gang ist.

Das kann dem Igel zum Verhängnis werden. Wir fürchten, dass uns in den nächsten Wochen, solange Igel noch vor dem Winterschlaf aktiv sind, vermehrt Meldungen toter, überfahrener Igel erreichen werden.“ Das Thema betrifft aber auch größere Tiere – und wird damit auch für Menschen zur Gefahr. Volker Bauer, Präsidiumsmitglied im Bayerischen Jagdverband, sagt: „In der Winterzeit häufen sich morgens und abends die Wildunfälle. Denn durch die Zeitumstellung fällt die Aktivitätsphase des Wildes in der Dämmerung und Dunkelheit plötzlich mit den Phasen erhöhten Verkehrsaufkommes zusammen.

Nicht also die Anzahl oder das Verhalten der Wildtiere ändert sich, sondern während Reh und Hirsch von sogenannten Äsungsflächen auf den Wiesen und Feldern wieder zurück in ihre Einstände – Wald oder Dickungen – wechseln, gibt es plötzlich ein höheres Verkehrsaufkommen. Daher ist es für die Verkehrsteilnehmer nun besonders wichtig, mit erhöhter Vorsicht und besonders vorausschauend zu fahren!“

Schule und Zeitumstellung

Über den idealen Zeitpunkt für den Beginn der ersten Schulstunde wird schon jahrelang gestritten – viele hätten’s gern später. Ist da die Umstellung auf Winterzeit nicht gut, weil man ein bissl länger schlafen kann? Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, sagt: „Ob die Zeitumstellung zusätzlichen Stress bedeutet, oder nicht, hängt ganz entscheidend vom Alter der Schülerinnen und Schüler ab. Der Biorhythmus von Kindern und Jugendlichen unterscheidet sich diametral: Schulanfangszeiten sollten dem gerecht werden.“

Zeitumstellungen spielten da weniger eine Rolle: „Für manchen Jugendlichen wäre es viel besser, die Schule würde erst um neun Uhr losgehen, für manches Grundschulkind ist acht Uhr aber genau richtig.“ Grundsätzlich haben die Lehrer die Zeitumstellung im Blick – und die Folgen für die Schüler. Das heißt zum Beispiel: „Nach der Zeitumstellung werden wir nicht in der ersten Stunde eine Schulaufgabe schreiben lassen…“

Zeitumstellung, Sommerzeit, Winterzeit Uhr, 3:00 Uhr
In der Nacht von Samstag (30.10.2021) auf Sonntag (31.10.2021) werden die Uhren von Sommer- auf Winterzeit umgestellt. © Wolfgang Frank/imago

Wirtschaft hat grundsätzlich kein Problem mit der Zeitumstellung

Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), sieht grundsätzlich kein Problem mit der Zeitumstellung – alle kennen’s, und die meisten Betriebe hätten keine Schwierigkeiten damit. Allerdings findet er: Bei der Diskussion über die Abschaffung ist Vorsicht geboten!

Denn, so Brossardt: „Wenn die Zeitumstellung abgeschafft würde, müsste dies in der gesamten EU einheitlich geschehen. Ein Flickenteppich aus unterschiedlichen Zeitzonen würde die wirtschaftliche Zusammenarbeit im europäischen Binnenmarkt unnötig belasten. Enge Partner- und Nachbarländer dürfen nicht plötzlich in verschiedenen Zeitinseln leben.“

Zeitumstellung: Das sagen die Münchner

Sascha Müller (26), Börsenhändler
Sascha Müller (26), Börsenhändler © Achim Schmidt

Ein Thema für die Politik

„Ich merke die Zeitumstellung nicht so sehr: Ich bin selbstständig und kann mir meinen Zeitplan selber gestalten. Nach einem Tag habe ich mich an die Umstellung gewöhnt. Natürlich fällt mir auf, dass es eine Stunde früher dunkel sein wird. Aber das hat einfach mit den Jahreszeiten zu tun. Trotzdem wäre es besser, wenn es nur noch eine Zeit gäbe – die Umstellung brauche ich nicht. Vielleicht nimmt sich die Politik der Problematik ja mal an.“

Chaos – innerlich und äußerlich!

Bettina Bartels (53), Osteopathin aus München
Bettina Bartels (53), Osteopathin © Achim Schmidt

„Ich halte nicht viel von der Zeitumstellung. Ich finde, sie verursacht nur Komplikationen – ­sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen ist der Schlaf-Wach Rhythmus ohnehin schon stark gestört. Die Zeitumstellung verwirrt die innere Uhr noch zusätzlich. Ich arbeite als ­Osteopathin für Kinder. Da merke ich immer wieder, wie viel Chaos das verursacht, sowohl innerlich als auch äußerlich. Wenn ich könnte, würde ich die Zeitumstellung gerne einfach ­lassen.“

Lieber ohne Umstellung

Luca Brix (25), Student aus München
Luca Brix (25), Student © Achim Schmidt

„Ab Sonntag wird es mit der ­Winterzeit gefühlt wieder eine Stunde früher dunkel als im Moment. Allerdings fällt mir die Zeitumstellung von Sommer- auf Winterzeit noch leichter als anders­herum. Da komme ich dann ein paar Tage lang ein bisschen schwerer aus den ­Federn. Generell fände ich es besser, wenn es gar keine Zeitumstellung ­gäbe…“*tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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