Die große tz-Serie: 75 Jahre nach dem Kriegsende in München

Kindheit im Kugelhagel: Münchner Zeitzeugen berichten, sie das Kriegsende erlebten

In einer tz-Serie erzählen Zeitzeugen, wie sie das Ende des Zweiten Weltkriergs vor 75 Jahren erlebten.

  • Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, endete der Zweite Weltkrieg.
  • Münchner Zeitzeugen berichten, wie sie als Kinder das Kriegsende erlebten
  • Fanatiker und Unbelehrbare machten das Kriegsende in Bayern zu einem mörderischen Finale.

Hunger, Hass, Todesangst – der Zweite Weltkrieg ist das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Besonders die letzten Wochen des Krieges waren verheerend, weil die Fanatiker des Nazi-Regimes ihre Niederlage bis zuletzt nicht wahrhaben wollten. Sie trieben ­KZ-Häftlinge in Todesmärschen aus den Vernichtungslagern, schickten Jugendliche an die Front und erhöhten die Schlagzahl der kriegsverherrlichenden Propaganda.

München war als „Hauptstadt der Bewegung“ Ziel vieler Bombardements. Und trotzdem musste für die Münchner das Leben irgendwie weitergehen – bis endlich der Frieden kam, mit dem Kriegsende am 8. Mai 1945. Die tz erinnert in einer großen Serie ­daran, wie vor 75 Jahren der fürchterlichste aller Kriege zu Ende ging. Heute: So war es für die Kinder.

Vor 75 Jahre endete der Zweite Weltkrieg: Wie Kinder diese Zeit erlebten

Durch die Augen eines Kindes ist das Leben ein Abenteuer, die Welt ein riesiger Spielplatz. Was aber, wenn jeden Tag Bomben vom Himmel fallen? Wenn man nicht weiß, ob Papa jemals wieder nach Hause kommt? Und wenn das Loch im Bauch, der Hunger, immer größer wird? Im heutigen Teil unserer Serie zum Kriegsende erinnern sich drei Menschen an ihre Kindheit im Kugelhagel.

Guido Müller wurde 1944 eingeschult – eine Schultüte gab es nicht. Umso mehr freute er sich über amerikanische Schokolade

„Schon mit fünf wurde ich eingeschult“, erzählt Guido Müller stolz. Das war am 1. September 1944. Der Krieg war bereits in seinen letzten, brutalen Zügen. Immer wieder heulten die Sirenen auf dem Dach der Schule auf und kündigten die Bomber an. Für Müller war das Alltag. Der kleine Guido und seine Klassenkameraden sahen es positiv: „Wir haben uns gefreut. Immerhin war dann die Schule aus“, sagt er und lacht. Trotzdem: „Wenn der Alarm losging, musste es schnell gehen.“ Dann nahm er die Beine in die Hand und rannte…

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Guido Müller heute

Im Schulranzen steckten Lineal, Bleistift, Hefte und eine Feder. „Kugelschreiber hatten wir damals ja noch nicht“, sagt Müller. Auch eine Schulkantine gab es nicht. Stattdessen packte Müllers Mutter ein Stück Brot in den Ranzen. Darauf: Margarine – keine Butter, kein Käse, erst recht keine Wurst. Tierische Produkte waren Mangelware. Ohnehin waren die Lebensmittel streng rationiert. Und: „Je länger die Zwangsbewirtschaftung dauerte, desto bescheidener wurden die Zuteilungen“, berichtet Müller. Da half es, dass seine Mutter eine Freundin in New York hatte, die nach dem Krieg regelmäßig Care-Pakete mit Schokolade schickte. „Das war ein Genuss!“

Kriegsende vor 75 Jahren: Die Kinder sollten die Soldaten von morgen werden

Rudolf Pfänder (r.) mit Bruder und Mutter.

Der Krieg war für viele Kinder zunächst ein Abenteuer. Das war von den Nazis so gewollt – die Zwergerl von heute sollten ja die Soldaten von morgen werden. Und: Die meisten Väter kämpften an der Front – und was Papa macht, ist für die Kleinen eben das Größte.

Rudolf Pfänder heute

Kriegsende vor 75 Jahren: Der Vater kam erst 1947 zurück

Doch als der Krieg sich dann vor der eigenen Haustür abspielt, wird das Abenteuer zum Albtraum. Rudolf Pfänder (85) erinnert sich noch gut: „Wir haben einen Ausflug gemacht“, erzählt er. Plötzlich Fluglärm, neun Brandbomben gehen nieder. „Nur wenige hundert Meter weiter schlugen sie ein.“ Und da war sie, die Angst. Sein Vater kam erst 1947 verwundet zur Familie zurück, nach zwei Jahren als Kriegs­gefangener.

Hildegard Schneck war 13 Jahre alt, als die Amerikaner einmarschierten

„Es war ein gruselig-schönes Ereignis“, als der Krieg endlich vorbei war, erinnert sich Hildegard Schneck. Sie ist damals 13 Jahre alt, verbrachte ihre gesamte Kindheit im Nazi-Staat. Als die Amis kommen, begegnet sie zum ersten Mal einem dunkelhäutigen Menschen. Die Amerikaner seien freundlich gewesen, erinnert sie sich. Und der Weg in die Freiheit begann.

Hildegard Schneck heute

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S. Heidrich, V. Lange, A. Gräpel, J. Welte

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